Eine Möglichkeit von Freiheit: „Geschlossene Gesellschaft“

Von: Hermann-Josef Delonge
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„Die Hölle, das sind die anderen“: Simone Pfennig, Tino Lindenberg und Madeleine Niesche (von links) in „Geschlossene Gesellschaft“ im Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Am Ende, als die Fassaden dann doch gebröckelt sind, hocken sie da wie ein Häufchen Elend – zu dritt und doch jeder für sich allein. Die Tür hatte sich geöffnet, raus aus dieser Hölle, eine Möglichkeit von Freiheit. Niemand hatte sich getraut zu gehen.

Dann doch lieber sich weiter bekämpfen, miteinander ringen, umeinander werben – da weiß man wenigstens, was man hat. „Also – machen wir weiter.“

Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, ein Klassiker des modernen Theaters, ist ein mitunter staubtrockenes Lehrstück darüber, wie sehr der Mensch in der Konstruktion seines Selbstbildes abhängig werden kann vom Urteil der anderen. Diese Abhängigkeit führt ihn schnurstracks in die Hölle. Im Aachener Grenzlandtheater ist diese Hölle eine gelb ausgepolsterte, gerundete Gummizelle – ohne Ecken, in denen man sich verkriechen könnte (Bühne: Manfred Schneider). Hier landen drei bemerkenswert lebendige Tote, eingeführt von einem Kellner, den Anton Weber als schmierig-dauerlächelnden Platzanweiser im Samtanzug spielt. Das Spiel um Macht, Schuld und Selbstbetrug kann beginnen.

Franz Mestre hält sich in seiner Inszenierung mit Deutungsversuchen der von Sartres Existenzphilosophie durchtränkten Konstellation zurück und konzentriert sich auf den Psychokampf der Figuren. So entsteht ein Kammerspiel auf engstem Raum, das im Laufe der knapp 90 Minuten eine beachtliche Schärfe und Dynamik entwickelt und das nichts gemein hat mit jenem papierraschelnden Thesentheater, zu dem dieses doch arg verkopfte Stück sehr leicht verkommen könnte.

Zu verdanken ist das vor allem den Darstellern, die sich nach einem etwas hölzernen Start frei spielen. Tino Lindenbergs Garcin ist ein in sich selbst verliebter Journalist, Möchtegern-Macho und Möchtegern-Literat, der seine Frau nach Strich und Faden hintergangen hat, sich letztlich jedoch als Feigling herausstellte. Die Postangestellte Inès hat ihre Geliebte und deren Ehemann auf dem Gewissen. Simone Pfennig spielt sie als graue Maus mit messerscharfem Verstand und Hang zum Zynismus. Die Kindsmörderin Estelle lechzt nach Anerkennung und Selbstbestätigung durch Sex. Madeleine Niesche ist ein Luxusweib im rosa Kleidchen (Kostüme: Sigrid Trebing), dessen Make-up-Maske mit und mit verrutscht.

Alle drei sind in ihrem Verlangen nach Anerkennung und Absolution Folterknecht und Folteropfer zugleich – wobei die wechselseitigen erotischen Attacken die größte Qual sind. Dass sich zum Schluss Garcin und Estelle im Wortsinn entblößt haben, Inès ihren Strickjacken-Panzer hingegen nie abgelegt hat, ist kein Zufall.

Viel Beifall des sichtlich geforderten Premieren-Publikums.

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