Eine Malerin von ganz großem Format

Von: Claudia Rometsch
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Blick in die neue Ausstellung im Kölner Museum Ludwig: Präsentiert werden hier die Werke der amerikanischen Künstlerin Joan Mitchell (1925-1992) – nach Auffassung von Museumsdirektor Yilmaz Dziewior eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Foto: dpa
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Das Bild „Riviere“ malte Joan Mitchell 1990 in Paris – Frankreich war ihre zweite Heimat. Foto: dpa

Köln. Als Joan Mitchell 1950 nach New York zieht, weiß sie sehr schnell, was sie will: Franz Kline, Willem de Kooning, Jackson Pollock und Hans Hofmann hatten es ihr angetan.

„Ich fand sie wunderbar“, erinnert sie sich später. Die junge Künstlerin ist fasziniert vom Abstrakten Expressionismus und schafft es, rasch in den Zirkel der sogenannten New York School aufgenommen zu werden – als eine der wenigen Frauen. Heute gilt sie zwar als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. „Joan Mitchell hat nicht die Bedeutung, die sie verdient“, stellt der Direktor des Museum Ludwig, Yilmaz Dziewior, fest. Das, so hofft Dziewior, wird sich mit der Werkschau ändern, die ab Samstag in dem Kölner Museum zu sehen ist.

Joan Mitchell (1925-1992) war wohl bewusst, dass sie als Frau in der männlich dominierten Künstlerszene zunächst nicht allzu ernst genommen wurde. Sie macht aus der Not eine Tugend. „Die Leute waren nett zu mir, weil ich eine Frau war und für niemanden eine Bedrohung darstellte,“ erinnert sie sich. Dass sie nicht nett und harmlos war, dürfte sich allerdings bald herumgesprochen haben. Denn Mitchell war nicht nur eine unangepasste Frau, die auch beim Fluchen und Trinken mit ihren männlichen Kollegen mithalten konnte.

Sie entwickelte auch in ihrer Malerei rasch einen kompromisslosen und eigenständigen Stil: Auf teils meterhohe Leinwände malte sie ihre rhythmischen, wuchtigen Pinselstriche, kalligraphische Linien und Farbformationen. Allein die Größe der Arbeiten macht deutlich: Diese Frau beanspruchte schon früh einen bedeutenden Platz für sich.

Die Kölner Ausstellung zeigt bis zum 21. Februar 29 teils sehr großformatige und mehrteilige Bilder vom Frühwerk der 50er Jahre bis zu Arbeiten aus Mitchells letzten Lebensjahren. Neben Leihgaben aus Museen wie dem Museum of Modern Art in New York und dem Pariser Centre Pompidou präsentiert die Schau auch Werke aus Privatsammlungen, die bisher noch nie oder nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen waren.

Darüber hinaus widmet sich ein Teil der Ausstellung der schillernden Biografie der Künstlerin. Dazu ist erstmals Archivmaterial der Joan Mitchell Foundation zu sehen. Film- und Fotomaterial sowie Briefe und andere Dokumente geben Zeugnis von Mitchells Beziehungen zu bekannten Künstlern und Literaten ihrer Zeit, darunter die Maler-Kollegen, aber auch Literaten wie Samuel Beckett und Frank Oe_SSRqHara.

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung empfängt den Besucher mit einem Schlüsselwerk aus dem Museum of Modern Art: „Ladybug“ von 1957. Joan Mitchell malte das Bild nach einem Konzert von Billie Holiday und widmete es der Jazz-Sängerin. „Dies war eines der ersten Bilder mit eigener Handschrift“, sagt Dziewior, der die Ausstellung auch kuratiert hat. Anfang der 50er Jahre sind noch figurative Elemente in Mitchells Bildern zu entdecken, die mit ihren spitz zulaufenden Formen an den Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner erinnern. In „Ladybug“ haben sich die figurativen Elemente in rhythmische Pinselstriche aufgelöst. Die Musik und vor allem der Jazz wird fortan eine wichtige Inspirationsquelle für Mitchell bleiben.

1959 zieht sich Mitchell aus der New Yorker Kunstszene zurück. Mittlerweile ist sie von ihrem ersten Mann, Barney Rosset, geschieden. Nach wiederholten Aufenthalten in Paris siedelt sie endgültig in die französische Hauptstadt über, wo sie mit dem Maler Jean-Paul Riopelle zusammenlebt. Ihre Maltechnik entwickelt sie weiter, indem sie die Farbe so verwischt, dass nebelhaft wirkende Partien entstehen. Mitchells Bilder geben stets Stimmungen wieder. Ohne Gefühl könne sie nicht malen, sagte Mitchell. Und sie könne auch nur das malen, was ihrem Gefühl entspreche.

Beispielhaft dafür sind die „Black Paintings“: Hier wirken ihre Linien- und Farbformationen verschattet. Dunkle Farbflächen in Braun und Grün dominieren. Als die Bilder entstanden, war ihr Vater gestorben, die Mutter schwer krank. Der Umzug aufs Land nach Vétheuil 1967 lässt ihre Bilder hingegen wieder heller werden. Die Natur wird verstärkt zur Inspirationsquelle. In „Closed Territory“ sorgen orange und blaue Flächen für einen fröhlichen Kontrast. In „A small garden“ dominiert freundliches Gelb. Erstaunlich sind Mitchells letzte Bilder, die hell und luftig wirken mit leuchtenden Farben auf weißem Grund.

Die Malerin war in dieser Zeit bereits schwer krank, gezeichnet von Alkoholismus, Arthritis und Krebs. Dennoch scheint sie die Freude am Leben und an der Malerei bis zuletzt nicht verlassen zu haben. Eines ihrer letzten Bilder heißt „Merci“: Vielleicht ein Dankeschön an ihre zweite Heimat Frankreich, denn das luftige Bild ist in den Farben der Tricolore gemalt. Die Schau zeigt Mitchell nicht nur als Malerin, sondern widmet sich auch ihrer starken und schillernden Persönlichkeit. Ein Film und ein Interview geben Einblick in ihre Denkweise.

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