Eine Kulturstadt bald in akuter Atemnot?

Von: Jenny Schmetz
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Dunkle Wolken über Maastricht
Dunkle Wolken über Maastricht: Hat der Kultur-Sparkurs der niederländischen Regierung verheerende Folgen für die Stadt? Foto: Harald Krömer

Aachen/Maastricht. Ein „Kahlschlag”, eine „kulturelle Wüste”. Jacques Costongs wählt drastische Bilder. Für die Zukunft Maastrichts als Musik-, Theater- und Kunststadt sieht ihr Beigeordneter für Kultur schwarz.

Wenn die neue niederländische Regierung tatsächlich die Axt schwingt und den Kulturetat - wie geplant - klein hackt, dann stünde die Existenz von Institutionen wie dem Limburgischen Sinfonieorchester, der Opera Zuid, der Schauspielwerkstatt Het Huis van Bourgondie oder der Jan-van-Eyck-Akademie für bildende Kunst auf dem Spiel. Ist dieser Todesstoß überhaupt noch zu verhindern?

Aber der Reihe nach: Seit Oktober vorigen Jahres regiert in den Niederlanden bekanntlich eine Koalition der wirtschaftsliberalen VVD und der christdemokratischen CDA, toleriert von Islam-Gegner Geert Wilders und seiner rechtspopulistischen PVV. Seitdem ist auch ein neuer Staatssekretär für Kultur im Amt: Er heißt Halbe Zijlstra (VVD) und mag anscheinend keine halben Sachen.

Das Kultursystem jedenfalls will der 42-Jährige radikal auf wirtschaftsliberale, man könnte sagen: amerikanische Verhältnisse trimmen. Zijlstra hat Marketing studiert und jahrelang als Manager gearbeitet. Mit Finanzen kennt er sich aus. Als Mann, dessen Herz für die Kultur schlägt, gilt er weniger.

Zijlstra will die staatlichen Subventionen von derzeit rund 500 Millionen Euro stark kürzen und die Mehrwertsteuer auf Eintrittskarten für Theateraufführungen und Konzerte ab 1. Juli von sechs auf 19 Prozent erhöhen. Das hieße: Die Macher müssten heftiger um private Gelder von Sponsoren buhlen und die Besucher tiefer ins Portemonnaie greifen. Kulturschaffende fürchten als Folge: mehr Mainstream, weniger kritische Kunst.

Schon im November vorigen Jahres haben die ersten Ankündigungen für einen Aufschrei in der niederländischen Kulturszene gesorgt. Im ganzen Land gingen die Menschen bei der Aktion „Die Niederlande schreien für ihre Kultur” auf die Straße. Auch in Maastricht haben Tausende ihren Unmut über die Politik aus Den Haag herausgebrüllt. Aber was hat der Aufschrei bewirkt?

Am kommenden Freitag nun will der Staatssekretär für Kultur seine Pläne konkreter als bisher und offiziell verkünden. Nach einem Gespräch mit Zijlstra hat der Kultur-Beigeordnete aus Maas-tricht aber schon jetzt eine düstere Prognose parat: „Maastricht wird von den Kürzungen überproportional betroffen sein”, sagt Costongs. Werde national im Schnitt rund ein Viertel gekappt, so müsse Maastricht Kürzungen bis zu 75 Prozent auf sich nehmen.

Konkret: Stünden jetzt rund zwölf Millionen Euro als sogenannte „Basisinfrastructuur-Förderung” zur Verfügung, wären es demnächst nur noch drei. Nicht alle Regionen des Landes würden laut Costongs gleichermaßen getroffen. Er erkennt eine Tendenz zur Konzentration der Kultur-Institutionen: weg von der Peripherie, hin zur „Randstad”, dem dicht besiedelten Ballungsgebiet im Westen der Niederlande rund um Utrecht, Amsterdam, Rotterdam und Den Haag.

Welche Folgen der harte Sparkurs für Orchester, Theater oder Akademien im Einzelnen haben würde, ist noch unklar, meint Costongs. Dennoch werden schon jetzt einige Horroszenarien entworfen. Zum Beispiel für das Limburgische Sinfonieorchester (LSO). Derzeit erhält es fast fünf Millionen Euro Fördermittel vom Staat, nur ein paar Hunderttausend von Provinz und Gemeinde. Und das ist nicht ungewöhnlich, denn das Rijk, also der Staat, spielt bei der Kulturförderung in den Niederlanden eine viel größere Rolle als im föderalen Deutschland, wo vor allem Länder und Kommunen diese Aufgabe übernehmen.

Da der Kultur-Staatssekretär plane, die acht Sinfonieorchester des Landes auf vier zu reduzieren, drohe eine Fusion des Limburger Orchesters mit dem Brabanter: ein Orchester für den ganzen Süden mit Sitz in Eindhoven. Rund 80 Musikerjobs in Maastricht wären damit in Gefahr. Von Begriffen wie „Standortvorteil” oder „Lebensqualität” ganz zu schweigen.

Im Internet können Unterstützer eine Petition für den Erhalt des LSO in Limburg unterzeichnen. Noch sind es nur solche vereinzelten Aktionen. Wo ist eine einheitliche Protestbewegung, die sich empört? Guido Wevers, der künstlerische Leiter des Projekts „Maas-tricht - Europäische Kulturhauptstadt 2018”, beschreibt im Internet-Blog seine Befürchtungen: Der alte Kulturkampf zwischen dem Nordwesten und Süden des Landes scheint wieder aufzubrechen. Die einzelnen Lobby-Gruppen verhalten sich nach dem Motto: „Hauptsache, ich bleibe ungeschoren.”

Kunst als „linkes Hobby”

Einen Rückhalt für Kultur in der Bevölkerung könnte die anti-intellektuelle Stimmung unter der neuen Regierung erschweren. Da bleiben populistische Sprüche wie von Geert Wilders leicht hängen: „Kunst ist nur ein linkes Hobby, das niemand braucht”, ist schon fast ein geflügeltes Wort. Elitär oder lebensnotwendig? Für Costongs ist die Antwort eindeutig: „Maastricht atmet Kultur.”

Aber ist die Atemnot noch zu stoppen? Wird der Kultur-Staatssekretär noch von seinem Sparkurs abrücken? Huub Smeets vom Projekt „Maastricht - Europäische Kulturhauptstadt 2018” sagt über Zijlstra: „Er ist wie in Beton gegossen.” Am 27. Juni soll die Zweite Kammer des Parlaments, vergleichbar mit dem deutschen Bundestag, über seine Pläne beraten. Aber die Opposition ist schwach. „Es ist alles noch nicht endgültig”, sagt Costongs. Noch hält er es für „unvorstellbar”, dass Maastricht auf diese Weise beschädigt wird. „Das macht kein verantwortungsvoller Politiker”, meint er.
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