Eine Blütezeit im städtischen Musikleben: Wolfgang Trommer

Von: Eckhard Hoog
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Sein Geburtstagskonzert wird er am 22. Juli in Olpe selbst dirigieren, Dagmar Berghoff hält die Laudatio. Foto: Andreas Herrmann/Archiv/Klaus Herzog
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Wolfgang Trommer, von 1962 bis 1974 Generalmusikdirektor der Stadt Aachen, wird am 10. Juli 90 Jahre alt.
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Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn 1972 am Klavier. Orchester auf der ganzen Welt hat er dirigiert, unter anderem auch in Island.
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Mit Regisseur Hans Hartleb, hier 1969 neben der amerikanischen Sopranistin Joan Carroll, feierte Trommer in Aachen große Erfolge mit zeitgenössischen Opern. Foto: Andreas Herrmann/Archiv/Klaus Herzog

Aachen. Eine Frage müssen wir ihm gleich zu Anfang stellen: Was hat den Mann eigentlich so jung gehalten? Wolfgang Trommer winkt ab: „Das Datum steht doch nur im Kalender.“ Er lacht: „Aber wahrscheinlich ist es wohl doch die Musik.“

Das besagte Datum ist Montag, der 10. Juli – an diesem Tag wird der Herr stolze 90 Jahre alt. Und – sagen wir – die „Erfahreneren“ unter den Musikfreunden werden sich bei seinem Namen an eine Blütezeit des Aachener Konzertlebens erinnern. Von 1962 bis 1974 wirkte Wolfgang Trommer hier überaus erfolgreich als Generalmusikdirektor der Stadt.

Der Aufbau eines eigenständigen Musiktheater-Ensembles, unzählige Kinder- und Jugendkonzerte, die Aufführung aller großen Chorwerke von Bach, Brahms und Beethoven über Honegger und Haydn bis zu Bruckner, die besondere Pflege der zeitgenössischen Oper – all das und noch viel mehr fand weit über Aachen hinaus eine begeisterte Resonanz.

Dagmar Berghoff hält Laudatio

Das Schönste: Der Jubilar, der mit seiner Frau Ilse in Aachen-Richte-rich wohnt, dirigiert sein Geburtstagskonzert auch noch selbst: am 22. Juli, allerdings nicht in Aachen, sondern in der Stadthalle Olpe. Ihm zu Ehren singen und musizieren dort das Platinorchester – das hat er selbst mitgegründet, deshalb findet das Konzert auch in Olpe statt –, die Solisten Carla Maffioletti, Olga Caspruk, Antonio Rivera, John Janssen und Walter Ratzek. Die Laudatio hält Dagmar Berghoff, Günter Wewel kommt als Ehrengast. Alles Namen, die bezeugen, welche Hochschätzung der Dirigent, Hochschullehrer und Orchestergründer Wolfgang Trommer allseits genießt.

All das an Verdiensten aufzuzählen, was der gebürtige Wuppertaler bis ins hohe Alter auf der ganzen Welt geleistet hat, würde jeden Rahmen sprengen. Bleiben wir zunächst bei seiner Aachener Zeit – und da erinnert er sich besonders gerne daran, wie er ausgerechnet das „problematischste“ aller musikalischen Genres zu ungeahnter Blüte geführt hat: die zeitgenössische Oper. „Einmal im Jahr haben wir eine gebracht“, erzählt er, während er für unseren Fotografen zu Hause zwischen seiner Orgel und einem Flügel posiert. Sperrige Werke? Kein Problem! „Wir hatten die Opern 13-mal im Abo, und immer war es voll. Das hat viel Spaß gemacht.“ „Cardillac“ von Hindemith, „Der junge Lord“ von Henze, „Karl V.“ von Krenek, „Gespräche der Karmeliterinnen“ von Poulenc, „Die Brücke von San Luis Rey“ von Reutter, „Lulu“ und „Wozzeck“ von Berg – das waren echte Renner der Saison.

Gab es ein Geheimnis des Erfolgs? Für Trommer im Rückblick glasklar: Einer der wesentlichen Garanten war der Regisseur – Hans Hartleb. „Er kannte die Partitur genauso wie der Dirigent. Das gibt es heute nicht mehr.“

Keine Frage, dass einem solch alten Hasen des Theaters beim Thema Regisseur eine Anekdote einfällt. Die begab sich aber nicht in Aachen: „Da wollte der Regisseur der Oper ‚Jakob Lenz’ von Wolfgang Rihm, dass sechs Damen beim Singen, wobei sie eigentlich ausdrücken, was in ihrer Seele vorgeht, ihren Hintern aus dem offenen Fenster hängen. Ich habe dem Mann gesagt: Das kann ich nicht mitmachen. Ich habe mich von ihm getrennt.“

„Lulu“ singt kopfüber

Allerdings war Hartleb auch nicht ganz ohne: Die Darstellerin der „Lulu“ zum Beispiel, Joan Carroll, musste die halsbrecherischsten Koloraturen auf einer Leiter singen – kopfüber nach unten hängend. Aber das kam vor rund 50 Jahren in Aachen beim Publikum bestens an! Und das ist, wie man weiß, bis heute hin keineswegs selbstverständlich.

Trommers Ruf eilte ihm innerhalb kürzester Zeit derart voraus, dass selbst der englische Premierminister Edward Heath von ihm schwärmte, der selbst auch als Dirigent bekannt war. Als er 1963 in Aachen den Karlspreis bekam, bestand er darauf, dass „Kollege“ Trommer im Hotel Quellenhof neben ihm an der Tafel sitzen sollte. Beide fachsimpelten lange über musikalische Fragen. Trommer: „Das war für mich eine ungemein erfreuliche Begegnung mit diesem bedeutenden Politiker und Menschen.“

Nicht anders die Riege der international renommierten Gastsolisten in den Aachener Sinfoniekonzerten: Martha Argerich, Henryk Szeryng, Enrico Mainardi gehörten dazu – gleich mehrmals der junge Bruno Leonardo Gelber.

Der Hochschullehrer Trommer – auch ein wichtiges Kapitel in seinem Leben: Jahrelang pendelte er dazu zwischen Maas und Rhein. In Düsseldorf hatte er ab 1977 bis zu seiner Pensionierung als Professor für Dirigieren und Orchesterleitung ganze Generationen an Dirigenten ausgebildet. Und von 1968 bis 1989 leitete er am Maastrichter Conservatorium das Opernstudio, die Dirigentenklasse und das hauseigene Orchester. Die Zahl seiner Schüler? Legende! In Düsseldorf bildete er auch die Musikkorps-Leiter der Bundeswehr aus. Zwölf von heute 20 sind durch seine „Schule“ gegangen. Dafür bekam er das an Zivilisten selten verliehene Goldene Ehrenkreuz der Streitkräfte.

Selbst in Venezuela war Trommer mit seinen Dirigentenkursen hoch gefragt, nachdem er dort zunächst eine Einladung als Gastdirigent bekommen hatte. Bis zu 40 junge Musikerinnen und Musiker nahmen zeitweise an einem einzigen seiner Meisterkurse teil. Die Kontakte bestehen immer noch und sind sehr intensiv: Mit dem venezolanischen Dirigenten Alfredo Rugeles, künstlerischer Direktor der Festivales Latinoamericanos de Música in Caracas, kommuniziert er jede Woche über WhatsApp. Allerdings trübt sich Trommers Miene, wenn er angesichts der katastrophalen Lage im Land an Venezuela denkt. „Alfredo berichtet, dass sie sechs Stunden lang für einen halben Liter Milch in der Schlange anstehen müssen. Und es gibt überhaupt keine Medikamente mehr.“ Ein Trauerspiel, das ihm sehr zu Herzen geht.

Erinnerungen an Gastspiele

Erfreulicher als Gedanken an diese schreckliche Entwicklung im ölreichsten Land der Welt sind da Erinnerungen an die vielen Gastspiele mit berühmten Orchestern wie den Berliner Sinfonikern. „Zwei- bis dreimal pro Jahr habe ich dort dirigiert“, erzählt Trommer. Auch die Münchner Philharmoniker, die Sinfonieorchester des NDR, WDR und des SWF, das Rundfunkorchester der RAI oder die Bamberger Symphoniker.

Professor in Düsseldorf

Drei Mal wurde Trommers Vertrag in Aachen verlängert, danach wollte er weg. „Das war schon eine lange Zeit“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, dass der Kreis nach so vielen Jahren ausgeschritten war, und ich wollte mich neuen Aufgaben stellen.“ Und so entschied er sich, seine reichen Erfahrungen von insgesamt 25 Theaterjahren als Professor in Düsseldorf in den Dienst der Nachwuchspflege zu stellen. Dagmar Berghoffs Laudatio auf den Jubilar dürfte nicht gerade kurz ausfallen...

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