Eindrucksvolle Uraufführung von „Tomorrow maybe”

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
Argentinien zu Zeiten der Mili
Argentinien zu Zeiten der Militärjunta: Im Projekt „Tomorrow maybe” von Ludger Engels (Regie) und Jürgen Berger (Text) wirken unter anderem mit: (von links) Katja Zinsmeister, Robert Seiler und Markus Weikert. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Ein Bus fährt durch die Nacht. Drinnen stehen und sitzen etwa 150 Menschen eng beieinander, es ist warm, und jeder trägt ein rotes Bändchen am Handgelenk. Alle sind ein bisschen verunsichert. Genau das wollen Chefregisseur Ludger Engels und Autor Jürgen Berger erreichen.

Mit ihrem Projekt „Tomorrow maybe. Über-Leben in Diktaturen”, das am Wochenende in den Kammerspielen des Theaters und in der Gallwitz-Kaserne Aachen seine Uraufführung erlebte, holen sie die Menschen heraus aus dem üblichen Theaterabend. Sie und das Ensemble bewegen, berühren, bestürzen ohne zu belehren. Eine große Leistung.

Start in den Kammerspielen

Es geht um drei Diktaturen der 70er Jahre, um Folter, Mord und Leiden in Argentinien, Kambodscha und Südafrika. Engels und Berger skizzieren geschickt die jeweilige politische Situation, doch sie bleiben bei den Menschen. Und damit erreichen sie den Zuschauer.

Wie hätte man sich selbst verhalten? Zum Beispiel in einem von der Militärjunta dominierten Argentinien. „Drei Tage” lautet der Titel des Kammerspiels auf der Bühne. Ein junger deutscher Anarchist geht nach Argentinien. Er glaubt naiv an seine Berufung - aber eigentlich hat er sich in Lucia, eine Untergrundkämpferin, verliebt. Das kann nicht gutgehen, man ahnt es gleich.

Mit schlichten Mitteln (Bühne und Kostüme: Christin Vahl) schleicht sich das Unbehagen an. Ein beigefarbener bodenlanger Vorhang prägt die Bühnenwände. Schuhspitzen tauchen auf - da ist jemand, der spioniert oder vielleicht im nächsten Moment angreift, zupackt, einen Menschen fortreißt in eins der Foltergefängnisse. Katja Zinsmeister und Markus Weickert verkörpern das junge Paar: Sie ist durchdrungen von der Mission, mutig, unbeirrt - er reagiert zunehmend unsicher, ein Träumer, der die brandgefährliche Realität des Widerstands schließlich begreifen muss.

Besonnen, ein Analytiker, der distanziert bleibt: Andreas Herrmann als Journalist und Menschenrechtler Fernando Mayer. Engels Regie bleibt subtil und straff. Man ist tatsächlich erschrocken, als sich der „Agent Provokateur” Carlos (Robert Seiler, überzeugend in seiner lässigen Pose) als geschmeidiger Verräter entpuppt und plötzlich das Licht ausgeht. Ein grandioses Kammerspiel liefert Torsten Borm als deutscher Botschafter, der im etwas engen Nadelstreifenanzug schwitzt, aber sein Gewissen mit der ordnenden Hand an den Vorhangfalten gerade zupft und schärfend nachzieht.

Er windet sich nicht nur erbärmlich aus der Verantwortung, sondern versucht, seine üble Rolle als Handlanger der Diktatur zu rechtfertigen - schließlich gehe es um die wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik. Absurd sein Monolog, den er an das vor Angst starre Dienstmädchen richtet. Johanna Esser (im Wechsel mit Raphaela Ertmer) spielt diese stumme Rolle mit großer Präsenz. Sowohl der Spitzel als auch der Botschafter haben historische Vorbilder in Major Peiranao und Jörg Kastl, der 1977 deutscher Botschafter in Argentinien war.

Nachdem die Zuschauer zuvor bereits beklommen Ausweise und Taschen den Theatermitarbeitern („Scouts”) aushändigen mussten, gilt es nun, eine Waffenkontrolle zu durchlaufen, bevor man den Bus besteigen darf. Raus aus der räumlichen Sicherheit des Theaterbaus - hinein in eine authentische militärische Umgebung.

Halle 16 wird zum Spielort

Fahrt über das Gelände der Gallwitzkaserne, endlich Halle 16. Es gibt keine Anweisungen, dafür aber einen hohen Arbeitsraum mit nüchterner Atmosphäre, Gittern, Metallregalen und groben hölzernen Materialkisten. Wer mag, kann sich ein Häppchen am edel gestalteten Pausenbüffet gönnen. Ein herber Gegensatz zur folgenden Rundum-Videoinstallation. Es gibt sogar Stühle, doch viele wandern beständig durch den Raum.

Auf großen Projektionswänden (Video Jürgen Berger, Ludger Engels, Schnitt Jörg Müller) ist Kambodscha 2011 präsent. „Tomorrow maybe” nennen Engels und Berger, die vor einem Jahr eine Reise dorthin unternommen haben, jenen Teil, in dem sie die erschütternden Berichte Überlebender des Genozids der Roten Khmer mit greifbarer Gegenwart verknüpfen: Phon Sopheap und Noun Sovitou, Tänzer von Amrita Performing Arts aus Phnom Penh, übersetzen mit atemberaubender Körpersprache zitternd und bebend das unbeschreibliche Elend ihres Volkes, aber auch die erwachende Hoffnung und die Kraft, die ihnen der traditionell klassische Khmer-Masken-Tanz gibt. Immer wieder nähern sie sich einzelnen Zuschauern, still, ernst, mit der leisen Geste, sich Tränen aus den Augen zu wischen, das rührt sehr.

Im dritten Teil „Nelson” ist das Ensemble agierender Chor im Monolog des Nelson Mandela, der im Gefängnis über Südafrika, Pazifismus und Gegenwehr selbstkritisch nachdenkt. Julia Brettschneider und Wiebke Alphei verleihen einer kleinen unansehnlichen Puppe schwächlich-zähes Leben. Die voluminöse Puppenskulptur auf dem Podium aus einem absurd-bunten Stoffballen mit dünnen Beinen krampft wie ein Herzmuskel. Grau-braune Riesenhand und gigantische Faust drohen.

Engels und Berger überzeugen dreifach. Sie verbinden unterschiedlichste Darstellungsmittel zu einer homogenen Einheit, verzetteln sich nicht und erreichen den Zuschauer. Kräftiger Applaus für gelungene Theaterarbeit mit einem starken Team.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert