Ein verrottetes System: Michael Moore seziert den „Kapitalismus”

Von: Axel Schock, ddp
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Michael Moore: Kapitalismus schafft Lohnsklaven
US-Filmemacher Filmemacher Michael Moore hat die Idee des Kapitalismus für tot erklärt. Vor dem Start seines neuen Films „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte”, der am 12. November in die deutschen Kinos kommt, rechnet Moore mit dem amerikanischen Modell des Kapitalismus ab. Im Gespräch mit der „WirtschaftsWoche” warnt er eindringlich davor, die USA nachzuahmen. Foto: dpa

Berlin. Michael Moore ist ein Mann der Tat. Mit seinem unvermeidlichen Basecap und einer Kamera fährt der US-Filmemacher mit einem Geldtransporter an der Zentrale der Investmentbank Goldman Sachs vor und hält einen Sack auf. Per Megafon verlangt er das Geld der Steuerzahler zurück, mit denen das Unternehmen vor dem Niedergang bewahrt worden war.

Bereits kurz nach der Rettung verteilt dieses nämlich schon wieder millionenschwere Boni an seine Manager. Moores Geldsack bleibt zwar leer, aber symbolische Aktionen wie diese haben den Dokumentarfilmer berühmt gemacht.

Nach Filmen über George W. Bushs Irakkrieg und das marode US-Gesundheitssystem untersucht Moore in „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte” nun gewohnt subjektiv und mit bissigem Humor die Ursachen und Auswirkungen der globalen Finanzkrise. Zum Auftakt schneidet er in einen alten Lehrfilm über den Untergang des antiken Roms Bilder von den heutigen USA. Beim Stichwort „Brot und Spiele” montiert er Szenen aus Fernsehshows, bei „Sklavenhaltung” sind Fließbandarbeiter zu sehen.

Mit diesem satirischen Auftakt ist sich Moore der ersten Lacher im Publikum sicher und zeigt nun verzweifelte Menschen, die durch Zwangsversteigerungen ihre Häuser verlieren. Moore hat mit Filmen wie „Bowling for Columbine”, „Fahrenheit 9/11” und „Sicko” seinen Stil und seine Stilmittel perfektioniert. Seine Montagen aus Archivmaterial sind suggestiv und zugleich auch stets auf eine Pointe oder schlichte Erkenntnis zielend.

Seine bisweilen originellen Aktionen wiederum etablieren ihn als Kämpfer für die gute Sache.

Tiefgehende Problemanalyse ist auch im Falle von „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte” nicht Moores Sache. Er setzt auf starke Vereinfachung und ergreifende Einzelschicksale. Es sind bisweilen absonderliche Auswüchse des Kapitalismus, die Moore ausbreitet: Jugendliche werden wegen geringer Vergehen von korrupten Richtern zu Höchststrafen in einem als Privatunternehmen geführten Gefängnis verurteilt. Flugzeugpiloten werden für ihre Arbeit so schlecht entlohnt, dass sie Lebensmittelmarken zum Überleben benötigen.

Bei Moore sind Opfer, Täter und Nutznießer der Krise für den Zuschauer schnell identifiziert. Die USA sieht er verkauft an Konzerne, die Freiheit des Einzelnen und die Ideale seines Landes verraten von korrupten Politikern, den von ihm durchaus geschätzten Kapitalismus zum Wohle aller verkommen zu einem ausbeuterischen Turbokapitalismus. Am Ende seiner zweistündigen Polemik ruft Moore die Zuschauer auf, den Kapitalismus wieder auf einen demokratischen Boden zurückzubringen.

Doch anders als noch bei „Fahrenheit 9/11”, seinem Versuch mittels eines Films die Wiederwahl George W. Bushs zu verhindern, erscheint Moore diesmal desillusioniert. An eine realistische Möglichkeit, mit seinem neuen Werk die kapitalistische Welt eines Besseren belehren zu können, scheint Moore nicht mehr zu glauben.

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte”, Dokumentarfilm, USA 2009, 120 Minuten, FSK: 6, Regie: Michael Moore, Kinostart: 12. November 2009
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