Das Musik-Jahr 2017: Hits, Flops und Trauerfälle

Ein Streifzug durch das Musikjahr 2017

Von: Steffen Rüth
Letzte Aktualisierung:
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Er sorgte auch in diesem Jahr für viele Schlagzeilen: Ed Sheeran. In London wurde er für sein soziales Engagement und seine Verdienste um Musik mit dem Verdienstorden des britischen Königshauses geehrt. Foto: dpa
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Helene Fischers neues Album dominierte die Charts in Deutschland. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Alice Merton setzte sich mit „No Roots“ ein Denkmal. Foto: Gregor Fischer/dpa
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Der Kelly Family gelang ein Comeback. Foto: dpa

Aachen. Dass der Kerl überhaupt noch lebt, kommt einem Wunder gleich. Nicht, weil er kurz als minnesingender Soldat in „Game Of Thrones“ zu sehen war, sondern weil der ganz normale Alltag für einen Ed Sheeran offenbar Gefahren bereithält, die ihn immer wieder in Nahtodnachbarschaft bringen.

So hätte ihn Prinzessin Beatrice, die Tochter von Prinz Andrew, bereits vor gut einem Jahr fast enthauptet, als sie auf einer Party eigentlich den gemeinsamen Kumpel James Blunt mit scharfem Schwert zum Ritter hatte schlagen wollen und stattdessen die Backe des armen Ed der Länge nach aufratschte, was diesen kurz in die Notaufnahme, doch dann zurück auf die Party brachte.

Noch unverwüstlicher erwies sich der 26-Jährige bei einem Fahrradunfall im Oktober in London. Nachdem er sich ohne Fremdeinwirkung langlegte, ging Sheeran noch fröhlich was trinken und später ins Bett. Erst am nächsten Morgen fiel ihm auf, dass mit den Armen irgendwie etwas komisch war. Ein Arm gebrochen, der andere fast, Gips, Tourverschiebung, zeitweiliges selbst auferlegtes Alkoholembargo, und die Freundin musste ihn füttern und pflegen.

Mit großem Abstand

Den Dank für ihre aufopfernde Fürsorge hört Cherry Seaborn jetzt jeden Tag zwanzig Mal im Radio: „Perfect“, Eds aktuelle und schmerzhaft schnulzige Single, ist sein ultimatives Lied an die Liebste. „Romantischer geht es nicht“, so Eds Selbsteinschätzung zu seiner Quasi-Version von Eric Claptons „Wonderful Tonight“. Und damit auch die letzten zweieinhalb Erdenbürger noch mitbekommen, dass es da diesen englischen Rotschopf gibt, hat er gleich noch „Perfect“-Duette mit Beyoncé und Andrea Bocelli angefertigt.

Beruflich hatte Ed Sheeran das Popjahr 2017 ohnehin im Griff. Seine Single „Shape Of You“, die vom schönen Körper einer Dame und Sheerans damit verbundener Paarungssehnsucht handelt, ist die meistverkaufte, meistgestreamte (mit 1.4 Milliarden Streams gar aller Zeiten), meistgespielte, womöglich auch meistparodierte des Jahres, auf der ganzen Welt und mit großem Abstand.

Noch erfolgreicher als Ed Sheerans Da-ist-jetzt-wirklich-für-jeden-was-dabei-Album „Divide“ ist in Deutschland lediglich das aktuelle, mit ihrem Namen betitelte Werk von Helene Fischer. Und wenn es mal läuft, dann läuft es richtig: Jüngst verlieh Prinz Charles, der Onkel von Beatrice, Sheeran auch noch den Ritterorden „Member of the Order of the British Empire“ (MBE). Beide blieben unverletzt.

Sanftmütiges Kraftpaket

Auf die Pelle rückte Sheerans „Shape Of You“ im Sommer ein Lied, in dem sich die Annäherung ans Weib bereits in einem deutlich fortgeschritteneren Stadium befindet. Luis Fonsi, ein vorher nur in Fachkreisen bekannter Puerto Ricaner, bewies mit „Despacito“ („Langsam“) beachtliches Stehvermögen – 17 Wochen Platz eins in Deutschland, 16 in Österreich, gar 20 in der Schweiz. „Der Song wird mich überdauern“, sagt Fonsi und hat recht.

Nachhaltiger dürfte da schon die Karriere des knorrigen Rory Graham (32) alias Rag’n’Bone Man verlaufen. Das sanftmütige Kraftpaket aus Brighton, zuvor in der Behindertenbetreuung tätig, verdiente sich mit schöner Soulstimme sowie den Songs „Human“ und „Skin“ nicht nur allenthalben Respekt, sondern auch den Spitzenplatz auf sämtlichen Newcomer-Ranglisten. Vor vier Monaten wurde Rory zudem erstmals Vater. Das Kind heißt Reuben, so wie das Sandwich. Abnehmen will er 2018 dennoch.

Vollkommen andere Prioritäten hat Salvador Sobral (27). Der Mann muss sehr dringend wieder zu Kräften kommen. Portugals Kantersieger beim diesjährigen ESC, der mit seiner von Schwester Luisa geschriebenen Ballade „Amar Pelos Dois“ ganz Europa rührte, hat gerade erst nach anderthalbjähriger Wartezeit und zuletzt zwei zwischen Leben und Tod verbrachten Monaten ein neues Herz bekommen. „Wenn alles gutgeht, wird er ein völlig normales Leben führen können“, sagt sein Chirurg.

Nichts mehr ausrichten konnten die Ärzte bei Tom Petty, der im Oktober 66-jährig einem Infarkt erlag. Auch Malcolm Young, Gründungsmitglied von AC/DC, legte die Rhythmusgitarre mit nur 64 Jahren für immer weg. Besonders tragisch waren in diesem Jahr zwei Freitode. Sowohl Chris Cornell, der Sänger von Soundgarden, als auch dessen enger Freund und Linkin-Park-Frontmann Chester Bennington schieden willentlich aus dem Leben, beide waren an Depressionen erkrankt. Linkin Parks tieftraurige Durchhaltehymne „One More Light“, nur ein paar Monate vor Chesters Tod veröffentlicht, lässt sich nun wohl nie wieder tränenfrei hören.

Schon mal unbeschwerter

Überhaupt: Die Zeiten waren schon mal leichter und unbeschwerter. Das spürt auch die Popmusik. In Manchester bombte sich im Mai ein Terrorist nach dem Konzert von Ariana Grande im Foyer der Arena in Stücke und riss 22 meist jugendliche Menschen mit in den Tod. In Las Vegas knallte ein Verrückter 58 Besucher eines Country-Festivals ab, und „Rock am Ring“ wurde wegen einer vermuteten Terror-Bedrohung (war am Ende harmlos) für einen Abend unterbrochen.

Da kann man in Sachen Musik irgendwie schon froh sein, dass der politisch und sozial aufrechte und mutige Rapper Kendrick Lamar mit seinem tollen Album „DAMN.“ nicht nur auch bei uns die überfällige Beachtung, sondern noch dazu jede Menge Grammy-Nominierungen bekam. Auch freut man sich mit der Band Kettcar aus Hamburg, der mit dem Album „Ich vs. Wir“ nach fünf Jahren eine starke Rückkehr und mit der Flüchtlinge-früher-und-heute-Hymne „Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ der eindringlichste Song des Jahres gelang.

Stirnrunzeln, Kopfschütteln

Und da wir schon in der guten alten Indie-Disco sind: Das englische Pop-Trio The XX hat mit dem dritten Werk „I See You“ die Nische verlassen und das Mainstreamradio erreicht (die kühl-romantischen Synthiepoplieder wie „On Hold“ sind trotzdem klasse), auf Bilderbuch aus Wien war dank „Bungalow“ ein weiteres Mal Verlass, der Schweizer Sänger Faber (bürgerlich: Julian Pollina) debütierte mit dem Element-Of-Crime-für-Jugendliche-Album „Sei ein Faber im Wind“ und sorgte mit Textzeilen wie „Warum du Nutte träumst du nicht von mir?“ hier und da für das Runzeln von Stirnen und Schütteln von Köpfen.

Ganz ohne ordinäre Wortwahl kam Boyband-Jüngling Harry Styles aus, der von allen fünf One-Direction-Jungs mit „Sign Of The Times“ das mit meilenweitem Abstand beste Sololied lieferte.

Besonders hochverdient: Portugal. The Man, einer an und für sich komplex musizierenden Psychedelic-Rockband aus Alaska, widerfuhr mit dem superpoppigen „Feel It Still“ zu 100 Prozent das, was man einen Sensationshit nennt. Ob die in Kanada und München aufgewachsene und zurzeit in Berlin lebende Weltenbummlerin Alice Merton noch weitere Hits haben wird, ist keineswegs ausgemacht. Klar aber ist: Mit „No Roots“ hat sich die Absolventin der Mannheimer Popakademie bereits mit Mitte 20 ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Doch wo sind eigentlich die restlichen Mädels hin? Vor zwei, drei Jahren dominierten die ganzen Katys, Gagas und Adeles das Geschehen nach Lust und Laune, doch 2017 war ein flaues Jahr für die popmusizierende Frau als solche. Gut, auf Pink und ihren überaus bodenständig experimentbefreiten Pop („What About US“) war wie stets Verlass, aber sonst?

Katy Perry landete mit Kurzhaarfrisur und neuem Album „Witness“ total auf dem Bauch, weil nur ein einziger halbguter Song („Chained To The Rhythm“) drauf war. Mileys Countryplatte kam auch nur mäßig an, und Lordes zweites Album „Melodrama“ ist zwar ein hochklassiger, anspruchsvoller Kritikerfavorit, das Publikum für ihre Trennungssongs wie „Green Light“ blieb aber überschaubar.

Taylor Swift? Verkauft zwar – zumindest in den USA – mehr Tonträger als alle anderen, dennoch bleibt das Gefühl, dass die PR-Kampagne für „Reputation“ weitaus genialer war als die schnell vergessenen Singles. Immerhin: Kesha ist nach traumatischen Jahren wieder da, auch mit Selena Gomez ist nach erfolgreicher Nierentransplantation und der Liebeswiedervereinigung mit Justin Bieber zu rechnen, und mit der familiär im Kosovo verwurzelten Britin Dua Lipa („New Rules“) haben die Charts endlich ein frisches, in diesem Fall schmollmundig-süßes, Gesicht.

Nicht mehr süß, aber wieder massiv erfolgreich ist die Kelly Family, der mit „We Got Love“ ein kaum für möglich gehaltenes Comeback gelang. Zum vielleicht ersten Mal in der jahrzehntelangen Karriere wird die Sippe nun regelrecht respektiert. Die gelungenste Veräppelung gelang Jan Böhmermann. Dem TV-Provokateur ist es hoch anzurechnen, dass er mit seiner beißenden, angeblich von Affen geschriebenen Parodie „Menschen Leben Tanzen Welt“ dem Genre des wahlweise weinerlichen oder sinnlos optimistischen, die Grenze zum Schlager stets streifenden Sensibler-Jungs-Pop weitestgehend den Garaus gemacht hat, jedenfalls vorerst.

Bei den Unqualifizierten

Wirklich präsente männliche Vertreter waren nur Wincent Weiss (und das auch vor allem, weil er so hübsch ist), Max Giesinger und, tja, Mark Forster. Der Pfälzer ist zäh, 2018 moderiert er gar das immer noch sehr populäre Tauschkonzert „Sing meinen Song“, und man kann nur inständig die Daumen drücken, dass er bei der WM nicht wieder mit im TV-Studio hockt und irgendwas labert, so wie bei der Europameisterschaft.

Und Ed Sheeran, der alte Fuchs und Überlebenskünstler? Spielt während der WM ausgiebig bei den Unqualifizierten in Cardiff/ Wales sowie in Amsterdam/Niederlande und freut sich jetzt, so war just zu lesen, auf ein paar besinnliche Tage mit „Bier“...

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