Ein packendes Familiendrama

Von: Andreas Herkens
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Sein neuer Roman führt in Familien-Abgründe: Christoph Leuchter. „Amelies Abschiede – Eine Lügengeschichte“ heißt er.
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Sein neuer Roman führt in Familien-Abgründe: Christoph Leuchter. „Amelies Abschiede – Eine Lügengeschichte“ heißt er.

Aachen. Was ist Realität? Was ist Fiktion? Wie kommt beides miteinander aus? Findet es zusammen? Realität ist, dass Christoph Leuchter im Herbstprogramm des Steidl-Verlags ganz vorne steht. Noch vor Erich Loest und Günter Grass, den beiden Zugpferden des renommierten Göttinger Hauses.

Die kommen auch vor in dieser Verlagsvorschau, aber eben erst hinter Leuchter. Das ist eindeutig. Deutlich weniger leicht lässt sich die Eingangsfrage bei seinem neuen Buch beantworten.

„Amelies Abschiede – Eine Lügengeschichte“ ist nach „Letzter Akt“ der zweite Roman des in Würselen lebenden und unter anderem an der RWTH in Aachen unterrichtenden Autors, Musikers und Germanisten, der jetzt im Steidl-Verlag erscheint. Knapp 250 Seiten, die es in sich haben, die beim Lesen für so manches Fragezeichen sorgen, die den Leser so manches Mal verwundert in der Luft hängen lassen, ehe sich am Ende alles auflöst (jedenfalls hat es den Anschein) und er – natürlich auch sie – erkennt, wie genial verschachtelt diese Geschichte doch aufgebaut ist.

Es beginnt im Krankenhaus

Alles beginnt mit einer Krankenhausszene. Amelie – die Titelheldin, die letztlich allerdings alles andere als eine Heldin ist, sondern ein hin- und hergerissener Mensch – im Krankenbett. Wie sie dort hingekommen ist? Was sie dort macht? Was sie genau hat? Das alles bleibt offen, unklar bis zu besagtem Schluss. Von diesem Ausgangspunkt entspinnt sich ein Verwirrspiel zwischen Wirklichkeit und Fantasie, zwischen Erlebtem und Einbildung, zwischen Lüge und Wahrheit.

Schnell kommen weitere Personen ins Spiel. Robert, Amelies Vater, der einen Tumor im Kopf hat und behauptet, er sei nicht ihr Vater. Sein Freund Jack, ein aufgewühlter Charakter. Margot, die Amelie aufgezogen hat, Roberts Ehefrau. Jan, Amelies Freund, wovon sie jedoch lange nichts wissen will, aber eigentlich doch ihr einziger wahrer, wenn auch zwischenzeitlich ziemlich eifersüchtiger Freund. Helen, eine geheimnisvolle Frau und Fotografin. Am Tag seiner Hochzeit mit Margot betrügt Robert seine Gattin mit Helen – im heimischen Badezimmer. Nach etwa einem Viertel des Buches wird auf einmal klar, was es mit dieser Geliebten auf sich hat. Ein Paukenschlag! Der viele Verwicklungen nach sich zieht.

Gerät man erst einmal in den Sog der Geschehnisse – oder Vorstellungen? –, dieser Abgründe, die sich mehr und mehr auftun, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, möchte man wissen, was wirklich hinter diesen Windungen steckt. Schließlich kommt richtige Spannung dazu, die aber kein vordergründiges Element ist, sondern sich einfach ergibt. „Manchmal packt mich die Angst, verrückt zu werden, Realität und Fantasie nicht genug voneinander zu trennen“, meint Amelie an einer Stelle. Und umschreibt damit irgendwie einen Grundtenor des Romans. Des Lebens an sich?

Christoph Leuchter komponiert ein Werk mit mehreren Ebenen, mehreren Schichten. Die Erzählstränge spielen in unterschiedlichen Zeiten. Manches greift ineinander, manches auch nicht. Klarheit zum Hintergrund einer Situation ergibt sich selten. Eher bleibt oft die Frage, was denn nun stimmt. Der 45-Jährige befeuert diese latente Unsicherheit sogar noch durch einen Kniff: Mehrmals bietet er für eine Szene mehrere Möglichkeiten an, wie es sich abgespielt haben, wie es gesehen werden könnte. Was die Sache natürlich nicht einfacher macht. Aber soll es ja auch gar nicht. Eines Tages erhält Amelie ein Romanfragment ihres Vaters mit dem Titel „Amelies Abschiede“. Eine weitere Ebene ist eröffne.

Tiefer ins Innenleben

Die beschreibende, stark bildreiche Sprache seines ersten Romans „Letzter Akt“ hat Leuchter beibehalten, wobei sie zuweilen härter ausfällt. Und es geht hier noch mehr in die handelnden Personen hinein, tiefer ins Innenleben mit seinen – vor allem – dunklen Seiten. Es geht um Gewalt, direkte und indirekte, es geht um Sex, freudvollen und schmerzlichen, es geht um Hoffnungen, um Verfehlungen, Verstrickungen mit bösen Folgen, Obsessionen.

Wo der Roman spielt, wird schnell klar, auch wenn die Stadt Aachen nie genannt wird, aber Anspielungen und Nennungen wie das Streuengelchen, der Katschhof, der Lousberg oder das Krankenhaus mit Blick auf die Niederlande sind doch eindeutig. Wichtig erscheint das allerdings nicht. Unterm Strich bleibt: keine leichte Kost, aber ein packendes Familiendrama.

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