Ein Opern-Dreierpack voller Extreme im Aachener Theater

Von: Jenny Schmetz
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Herz, Schmerz und Witz: Ab Sonntag zeigt das Aachener Theater Puccinis „Il Trittico“. Das Triptychon vereint drei Opern-Einakter: Das düstere Eifersuchtsdrama „Il tabarro“ (v. l. mit Linda Ballova und Alexey Sayapin) ... Foto: Carl Brunn
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... das rührende Nonnenschicksal „Suor Angelica“ (mit Irina Popova in der Titelpartie) ... Foto: Carl Brunn
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... und die freche Erbschleicherkomödie „Gianni Schicchi“ (mit Enrico Marabelli in der Titelrolle). Foto: Carl Brunn
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Drei Italiener im Einsatz für drei Puccini-Einakter am Aachener Theater: v. l. Regisseur Mario Corradi, Chordirektorin Elena Pierini und Bariton Enrico Marabelli. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wer nicht so auf Oper steht, der hat immerhin viele Gelegenheiten zum Trinken. Aber das erwähnt Mario Corradi nur so als Scherz am Rande, dass er da ja eine „three drinks opera“ inszeniere. In immerhin zwei Pausen und vor oder nach der Vorstellung könne der Zuschauer sich ein Gläschen genehmigen – Giacomo Puccinis Opern-Dreier „Il trittico“ macht's möglich.

Opernliebhaber freuen sich natürlich weniger auf den Pausensekt als auf die seltene Möglichkeit, die drei Einakter „Il tabarro“ (Der Mantel), „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) und „Gianni Schicchi“ in der vom Komponisten gewünschten Kombination zu erleben – in Aachen nach Angaben des Theaters zum ersten Mal. Für Corradi ist das Triptychon ein „großes Meisterwerk“.

Der grauhaarige Herr muss es wissen. Seit fast 50 Jahren führt der Italiener Regie und hat es geschafft, nebenher noch als Philosophie-Professor in Mailand zu unterrichten. Dass der 73-jährige Regisseur mit Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung spielen kann, hat er auch schon in Aachen bewiesen. Da ließ er Verdis Luisa Miller im Mafia-Milieu und Wagners Tannhäuser zwischen Marilyn Monroe und Priesterseminar leiden.

Von Puccini hat er so gut wie alles schon mehrfach inszeniert – ob „Tosca“, „Butterfly“, „Turandot“ oder demnächst wieder „La fan- ciulla del West“ in Detroit, aber „Il trittico“ im Ganzen ist auch für ihn eine Premiere. „Nicht viele Theater haben den Mut oder die Mittel, ,Il trittico‘ aufzuführen.“ Allein 37 Solo-Rollen seien zu besetzen, sagt Corradi und singt ein Loblied auf das Aachener Haus – vor allem auf die technischen Abteilungen.

Die hatten diesmal eine knifflige Aufgabe: Ein riesiges gebrochenes Kettenglied aus Aluminium schwebt über der Bühne, rund 800 Kilo schwer, durch acht Motoren beweglich – und sicher. Es ist das dominante Zeichen des ganzen Abends.

Denn trotz aller inhaltlichen und musikalischen Kontraste erkennt der Regisseur in dem düsteren Eifersuchtsdrama „Il tabarro“, dem rührenden Nonnenschicksal „Suor Angelica“ und der frechen Erbschleicherkomödie „Gianni Schicchi“ Gemeinsamkeiten: überall zerbrochene Beziehungen. Und neben dem zentralen Thema Tod auch (verhinderte) Mutterschaft.

Den 1918 an der New Yorker Met uraufgeführten Opern-Drilling lenkt Corradi aus unserer Gegenwart Stück für Stück zurück bis zum Faschismus Mussolinis. Mehr als die Außen- interessieren ihn aber die Innenwelten. So leben die Nonnen für ihn nicht im Kloster – sie sind das Kloster und bilden auch dessen Wände.

Seine szenischen Visionen hat der Mann aus der Toskana wieder mit Bühnen- und Kostümbildner Italo Grassi umgesetzt. Und zwei weitere Italiener sind im Einsatz: neben Chordirektorin Elena Pierini der Bariton Enrico Marabelli. Der 45-Jährige aus Pavia wurde von Corradi zwischen Auftritten in Dresden, Essen, Lüttich oder Tel Aviv erstmals als Gast nach Aachen gelockt.

Während die Chordirektorin sagt: „Italienische Musik habe ich in meiner DNA“, schränkt der Regisseur ein: Bei ihm sei da sicherlich auch Platz für Wagner oder Mussorgsky. Einig sind sich aber alle drei, dass Puccinis Musik auf dem Wort basiere und für Muttersprachler einfacher zu singen sei. Enrico Marabelli, der das Schlitzohr Gianni Schicchi verkörpert, schwärmt jedenfalls über seine Partie: „der Himmel“, „das Paradies“! Bevor Corradi den Finger hebt und raunt: „Un momento!“

Die Musik aller drei Opern sei ja wohl „very, very difficult“, da könne man Neutöner wie Strawinsky oder Debussy hören. Tatsächlich muss Marabelli als Gianni stimmlich und schauspielerisch in Extreme, zwischen Slapstick und Ernsthaftigkeit auch noch den Florentiner Akzent beherrschen, bei dem ihm aber die aus Florenz stammende Chordirektorin Nachhilfe geben konnte.

Obwohl Gianni Schicchis Tochter Lauretta mit „O mio babbino caro“ die bekannteste Arie des „Trittico“ singt, schwärmt Pierini doch lieber vom reinen Frauenstück „Suor Angelica“, das ihre Chorsängerinnen als Solisten fordert. Und das viel „Käse“ biete. Käse? Damit meint Pierini nicht etwa Parmesan, sondern das englische „cheesy“, also kitschig – und betont nach einem Kopfschütteln Corradis: im positiven Sinne, „nah am Herzen“! Schauder, Rührung und Lachen – Puccinis „Il trittico“ machte_SSRqs möglich.

Für das Publikum stellt der Abend wohl die geringste Herausforderung dar. Auch wenn er bei einer Dauer von etwa einer Stunde pro Oper – plus zwei Pausen – auf fast vier Stunden wachsen könnte. Denn eines wird er auf jeden Fall: abwechslungsreich – nicht nur an der Theke.

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