Ein neuer Blick auf Hans Hollein

Von: Armin Kaumanns
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Quadratisch, praktisch, schön: Kurator Wilfried Kuehn (Mitte) erklärt Hans Holleins Kachelbett aus dem Biennale-Pavillon von 1972. Foto: ark

Mönchengladbach. Natürlich verwies Hans Hollein, den die Welt heute als prägende Figur der zeitgenössischen Architektur wahrnimmt, mit dem Motto „Alles ist Architektur“ ironisch auf Joseph Beuys. So hieß Holleins legendäre Ausstellung zum Thema Tod 1970 im alten Mönchengladbacher Kunstmuseum.

Sie war auch Ausdruck der engen Zusammenarbeit und Freundschaft Holleins zum damaligen Museumschef Johannes Cladders. Beide hatte Beuys zusammengebracht, als er Hollein 1967 (bis 1976) als Professor an die Kunstakademie nach Düsseldorf holte. Wenn jetzt das Museum Abteiberg, als dessen Erbauer Hollein nach der Eröffnung 1982 zu Weltruhm gelangte, dem just 80-Jährigen eine umfassende Retrospektive widmet mit dem Titel „Hans Hollein: Alles ist Architektur“, dann nimmt das zunächst den Künstler in den Blick.

Etliche legendäre Ausstellungen Holleins aus den 60er bis 80er Jahren haben Museumsdirektorin Susanne Titz und der Berliner Kurator Wilfried Kuehn teils aufwändig rekonstruiert. Die „Turnstunde“ etwa, die 1984 im frisch eröffneten Museum Abteiberg auf den Jane-Fonda-Körperkult der Zeit reagierte und danach um die Welt wanderte: zu kultischen Objekten vergoldete Turngeräte und goldüberzogene Frauenkörper in einer Art Andachtsanordnung unterm strengen Raster der Neon-Röhren im Sonderausstellungsraum. Als österreichischen Beitrag zur Biennale 1972 verkleidete Hollein Stuhl, Tisch, Bett mit weißen quadratischen Kacheln – sie glänzen kühl unter den Lichtkuppeln der Straßenebene. Zur „documenta 8 „(1987) vertauschte er in der typischen Museumsanordnung Dimension und Inhalt zwischen Wandbild und Informationstafel – ein bissiger Kunst-Konsum-Kommentar.

Titz und Kuehn haben viel Zeit in den erstmals in diesem Umfang zugänglichen Archiven und Depots Holleins mit Archivar Erich Pedevilla in Wien zugebracht und massenweise Zeichnungen, Architekturskizzen, Modelle – großteils erstmalig – an die Öffentlichkeit geholt. Dazu gibt es die legendären Kollagen mit Pop-Art-Attitüde: der Flugzeugträger im Burgenland, Zündkerze als futuristisches Hochhaus in der Wüste etc. – ironische Kommentare zu Geschichte, Technik, Stadtentwicklung, die seinerzeit sofort vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) angekauft wurden.

Ein ganzer Kleeblattraum widmet sich vom Wellpappe-Modell bis zur Detailzeichnung der Entstehung des Abteibergmuseums, teils ebenfalls nie gesehen. Im Eingangsbereich rücken sich, wie Manifeste, Titelseiten der Zeitschrift „Bau“ in den Weg, die Hollein bis 1970 mit herausgegeben hat. Gleich daneben „Mobiles Büro“ von 1969: eine transparente, von Druckluft aufgeblasene Kunststoff-Zelle mit Telefon und Schreibmaschine – futuristisch anmutender Kommentar auf den Individualismus, heute von Smartphone längst überholt.

Die Gladbacher Ausstellung verteilt eine Unmenge Material in die sich in den Berg fressende antilineare Architektur, legt teils frappierende Fährten von Holleins mäandernden Ideen zur Sammlung, die in Protagonisten wie Oldenburg, Broodthaers, Richter, Beuys einen wesentlichen Schwerpunkt in den 60ern und 70ern hat. Die sich dabei ergebenden Verknüpfungen zeigen die ungebrochene Virulenz von Holleins Denken, was, so Susanne Titz, auch neuere Forschungsprojekte belegen.

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