Ein Meisterstück an Brillanz und technischer Artistik

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Man könnte von einem Meisterstück sprechen. Am Gelingen eines so komplexen Werks wie Olivier Messiaens „Turangalîla”-Symphonie lässt sich ablesen, auf welchen Stand ein Dirigent sein Orchester im Laufe mehrerer Jahre heben konnte.

Wenn Marcus R. Bosch dem Aachener Sinfonieorchester diese gewaltige Aufgabe zutraut, zeugt das von hohem Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Orchesters und die eigene Kompetenz. Den Quantensprung, den die Sinfoniker seit dem Weggangvon Boschs glücklosem Vorgängers Elio Boncompagni vollzogen haben, konnte man seit Jahren in nahezu jedem Konzert spüren. Auch und gerade in kleiner besetzten Werken, in denen selbst minimale Artikulations- und Phrasierungsmängel von keinen orchestralen Wogen überdeckt werden können.

Messiaens 80-minütiges Hohelied auf die Liebe stellt besondere Anforderungen an rhythmische Präzision, Treffsicherheit und das Gespür für die klangliche Balance, rührt also nicht zuletzt an die Frage, inwieweit das diesmal so stark wie nie zuvor besetzte Orchester zu einem klingenden Organismus zusammengewachsen ist. Das Ergebnis kann sich hören lassen. An der Spielfertigkeit der Musiker gibt es nichts zu bemängeln, und selbst in der ständig bemäkelten Akustik des Eurogress’ gelang es Bosch, die extrem diffizile Klangfarbenpalette des Werks auch in den massivsten Höhepunkten kontrolliert zu entfalten.

Schillernde Farbigkeit, spieltechnische Artistik und ein rundum gesunder voluminöser Orchesterklang bestimmten die Interpretation der zehn Sätze. Bosch hielt die Fäden auch in den diffizilsten Passagen sicher in Händen.

Messiaens von Gottvertrauen und Naturliebe geprägte Vorstellung von der menschlichen Liebe führt, gerade durch die süßlichen Klänge des Ondes Martenots, des frühen elektronischen Tasteninstruments, bisweilen zu verzuckerten Klangfärbungen. Bosch bettete das Instrument geschickt in den Gesamtklang ein und sorgte ohnehin für scharfe klangliche Kontraste, so dass sentimentalen Entgleisungen rechtzeitig ein Riegel vorgeschoben werden konnte. Und auch die eingeworfenen Vogelrufe - von den Bläsern brillant gemeistert - verloren in diesem Kontext jeden rein illustrativen Anstrich.

Auch die Spannung vermochte Bosch über die lange Distanz des Werks vorbildlich aufrechtzuerhalten. Kurz gesagt: Man kann von einem Meisterstück reden. Mit einem Orchester auf diesem Niveau lässt sich alles spielen. Darüber sollte man jedoch nicht die phänomenale Leistung des Pianisten Markus Becker vergessen, der mit seinem vertrackten und umfangreichen Klavierpart nicht unwesentlich zum Erfolg dieser Kraftprobe beigetragen hat.

Einem weiteren Werk hätte es eigentlich nicht bedurft. Doch vor der Pause wurde noch der Zyklus der Klavierkonzerte Beethovens fortgeführt. Und zwar mit Beethovens Erstling, der mit seinem strotzenden Selbstbewusstsein so ganz und gar nicht nach einem zaghaften Erstversuch klingt. Der französische Pianist Jonathan Gilad gestaltete das Werk nahezu mühelos mit leichtem Anschlag und glasklarem Ton.

Ein Beethoven ohne Schweißperlen auf der Stirn, voller französischer Noblesse, allerdings auch emotional etwas arg distanziert. Gleichwohl: zusammen mit den adäquat kultiviert begleitenden Sinfonikern konnte man sich an einem entschlackten Beethoven-Vortrag ohne manieristische Extravaganzen erfreuen.Begeisterter Beifall für einen langen und anspruchsvollen Abend.
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