Münster/Aachen - Ein junger Aachener im großen Kinoglück

Ein junger Aachener im großen Kinoglück

Von: Manfred Kutsch
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Strahlender Auftritt beim Filmfestival von Venedig: Der Aachener Schauspieler Maximilian Scheidt (r.) stellte Ende August gemeinsam mit Regisseur Edgar Reitz (Mitte) sowie den Darstellern Jan Dieter Schneider (v. l.), Marita Breuer und Antonia Bill den Film „Die andere Heimat“ vor. Foto: dpa
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Ärmliches Leben im Hunsrück: Maximilian Scheidt (l.) als Gustav mit Marita Breuer und Jan Dieter Schneider in einer Szene des Schwarz-Weiß-Films „Die andere Heimat“, der im 19. Jahrhundert spielt. Foto: Concorde

Münster/Aachen. Der Regisseur, einer der ganz Bedeutenden des Genres – der 80-jährige Edgar Reitz. Das 215 Minuten-Epos, „das größte deutsche Filmprojekt der letzten 30 Jahre“ („Zeit“) – Titel: „Die andere Heimat“. Der Ort der Erstaufführung, ein magischer für Cineasten – die Biennale in Venedig. Der Applaus am Lido, „frenetisch, nicht endend“ („Süddeutsche“) – und mittendrin im Fokus: Maximilian Scheidt, ein junger Aachener Schauspieler, gefeiert in einer Hauptrolle.

Sein Glück kann er kaum fassen: „Es war total emotional, beeindruckend, ich fühlte mich wie erschlagen“, sagt der 25-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Den Sommer 2012 habe ich für die Dreharbeiten im Hunsrück verbracht“, berichtet der Sohn der Aachener Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne). Rund um den kultig gewordenen Filmort Schabbach (in Wahrheit Gehlweiler) produzierte Reitz den Prolog zu seiner legendären Trilogie „Die Heimat“ (insgesamt 30 Filme, 52 Stunden Länge).

Er drehte dabei das Zeitrad im Hunsrück-Dorf auf Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, einer Epoche der Hungersnöte, Armut und Willkürherrschaft. Hunderttausende wanderten ins ferne Südamerika aus.

„Für mich war das eine Riesenerfahrung, in die vorindustrielle Welt einzutauchen und die Mentalität der Menschen in dieser harten Zeit zu erfahren“, sagt Scheidt. Der junge Aachener spielt Gustav, den kämpferischen Bruder des überbegabten, hoch sensiblen Jakob, dessen Lebensgeschichte die Acht-Millionen-Euro-Produktion mit 600 Komparsen erzählt.

Wie bekam der junge Schauspieler, der an der Aachener Werkkunstschule Bleiberger Fabrik die ersten Berührungen mit Theaterspiel machte und dort seinen Zivildienst abgeleistet hatte, diese Riesen-Chance?

Verkürzte Version: Dem Tipp seiner Freundin folgend hatte sich Scheidt 2011 auf eine Casting-Anzeige für „Die andere Heimat“ beworben. Mit dem Erfolg, in die engere Auswahl zu geraten. Als die Reitz-Agentin aber erst nach ungezählten telefonischen Versuchen den jungen Mann erreicht hatte, maulte sie ihn erst einmal an: „Herr Scheidt, sind Sie tatsächlich Schauspieler, wenn Sie keinen Anrufbeantworter haben?“

Es kam dennoch zum Treffen mit Edgar Reitz in München („Total nervös war ich“), am Anfang habe der große Meister auf ihn „ablehnend“ gewirkt, aber am Ende des Gespräches („Ich versprach, alles zu geben“) erfolgte der Startschuss in eine große Rolle des deutschen Kinos: „Er lud mich zu Probeaufnahmen ein, mit vielen anderen Bewerbern, ich hatte mir eigentlich keine große Hoffnung gemacht, zumal bekannt war, dass Edgar Reitz am liebsten Schauspieler aus dem Hunsrück wollte.“

Kurzum: Es kam anders, am Ende musste sich der Star-Regisseur zwischen zwei Darstellern entscheiden – seine Wahl fiel auf Maximilian Scheidt.

Für den jungen Schauspieler bedeutete dies nun auch, alle Facetten des Hunsrücker Lebens im 19. Jahrhundert zu beherrschen: „Ich musste die Mundart lernen, wurde sogar zum Schmied ausgebildet, ja ich habe auch eine Dampfmaschine selber mit gebaut.“

Die „größte Herausforderung“ sei es gewesen, „die Zeit anzunehmen, in der wir spielten“. Sich bewusst zu werden, „wie es war in einer Welt ohne Supermärkte“, in der „man die Eltern siezen musste“. Eine Zeit, die dem Mittelalter näher zu liegen scheint als der heutigen digitalen Welt.

Monatelang blieb der Abiturient des Aachener Couven-Gymnasiums (2008) „mit unserem kleinen Team“ in Gehlweiler, wie auch die Mitwirkenden Jan Dieter Schneider, Werner Herzog, Antonia Bill, Marita Breuer, Philine Lembeck, Barbara Philipp und Rüdiger Kriese.

Bei der Erforschung Ur-Hunsrücker Mentalität half Maximilian Scheidt vor allem der Umstand, dass er bei der seit Generationen ansässigen Großfamilie Dämgen in der Dachwohnung leben konnte. Und dabei im Hause rund um die Uhr Platt-Unterricht erhielt.

„Wie ein Prinz“ sei er behandelt worden, Mama Dämgen neigte zum exzessiven Verwöhnen: „Hunsrücker Spießbraten, Schokolade, köstlich! Als sie rauskriegte, dass ich gerne Malzbier trinke, hatte ich am nächsten Tag sechs Kästen vor meiner Tür stehen!“ Im Gegenzug fand sich Maximilian irgendwann damit ab, dass die Dämgens ihn nur Gustav nannten.

Warum auch nicht – aus Sicht der Familie. Schließlich hatte das Filmteam ihr Gehrweiler in Schabbach wundersam verwandelt: „Über die Originalbauten der Häuser wurden Hunderte Styropor-Platten gelegt, die wie die Fassaden der damaligen Zeit aussehen“, berichtet Scheidt. Strommasten, Satellitenschüsseln, alles, was an die Gegenwart erinnern könnte, seien abgebaut worden.

Und die Zusammenarbeit mit Edgar Reitz? „Großartig! Er ist ein Regisseur, der es versteht, dem Schauspieler seine Geschichte zu erzählen, ihm das Innere der Figur anzuvertrauen und dabei auch Freiräume für Improvisationen zu lassen“, sagt Scheidt.

Venedig. Das war übrigens für den jungen Aachener nicht nur Gänsehaut im Jubel. Mehr noch beim erstmaligen Erleben des Films. Nicht eine Szene hatten die Schauspieler bis dahin gesehen. „Wir durften während des gesamten Drehs keinen Blick auf die Aufnahmen haben“, berichtet Maximilian Scheidt.

Aktuell spielt der 25-Jährige „ein paar kleine Rollen“ in „Hamlet“, an der Stätte seiner ersten Anstellung – dem Theater in Münster. Das Kino kann bis zum 3. Oktober warten. Zumal die Besetzung in „Hamlet“ geradezu ideal ist – an seiner Seite agiert die „Tippgeberin“ zur großen Karriere, seine Freundin, die Schauspielerin Maike Jüttendonk.

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