Ein glitzernder Konfettisturm wird zur Blutlache

Von: Nina Leßenich
Letzte Aktualisierung:
10877969.jpg
Üben mit Freiern „für das echte Leben“: Nini (Luana Bellinghausen, links) und Jameelah (Lara Beckmann). Foto: Wil van Iersel

Aachen. Schulmilch, Maracujasaft und Mariacron – fertig ist die „Tigermilch“. Von dieser beschwipst üben Nini (Luana Bellinghausen) und Jameelah (Lara Beckmann) mit Freiern „für das echte Leben“. Die Coming-of-Age-Geschichte um die beiden 14-Jährigen liefert reichlich Zündstoff und wird zurecht oft mit „Tschick“ verglichen.

Hanna Müllers Inszenierung nach der Bühnenfassung von Catharina Fillers kann diesem Vergleich aber nicht ganz standhalten. Der Ansatz stimmt: Die Ich-Perspektive aus der Romanvorlage von Stefanie de Velasco (2013) wird gekonnt in eine „Wir-Perspektive“ übersetzt: Luana Bellinghausen und Lara Beckmann tragen das Stück als einzige Schauspieler und spielen immer wieder auch die übrigen Buchcharaktere.

Auf Kostüme, die den Rollenwechsel visuell unterstützen, verzichtet Müller und verlässt sich auf das schauspielerische Können ihrer Darstellerinnen. Besonders Lara Beckmann glänzt mit aberwitzigen Zwiegesprächen mit sich selbst, so dass man zu keiner Zeit zusätzliche Schauspieler vermisst.

Im Vorstellungsraum im Mörgens stehen nur drei Pole-Dance-Stangen, um die die beiden Mädchen leicht bekleidet im Rausch des Erwachsenwerdens wirbeln – was jedoch manchmal zu sehr an Turnstunde erinnert. An einigen Stellen ist die Inszenierung von Müller, für die dies ihre erste Arbeit am Theater Aachen ist, aber überraschend erfrischend: Da kommt das Freibadwasser aus einer übersprudelnden Wasserflasche, und statt roten Rosen, die Nini und Jameelah bei einem Liebeszauber verteilen wollen, wirbelt ein glitzernder Konfettisturm durch das Mörgens, der dann zur Blutlache der ermordeten Freundin wird.

Die Sprache des Stücks ist jung, laut und derb, was Nini und Jameelah begeistert, ist „kross“ oder „Wolke“. Die Schüler im Publikum jedenfalls lachen über den Jugendjargon – den Gusto dieser Generation scheint Müller zu treffen.

Dennoch zieht sich die etwa 100-minütige Aufführung. Ein wenig des hektischen Wirbels vom Beginn würde auch den letzten 20 Minuten nicht schaden. Mit der letztlichen Abschiebung Jameelahs ist die Inszenierung von „Tigermilch“ aber vielleicht gerade jetzt aktueller denn je.

Weitere Vorstellungen: 24., 26. September; 2., 9., 17., 29. Oktober.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert