„Ein ganz gewöhnlicher Jude”: Sprungala im Grenzlandtheater

Von: Jenny Schmetz
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Mit Käppchen und Gebetsmantel: Als „ganz gewöhnlicher Jude” unternimmt Schauspieler Karl Walter Sprungala bei seinem Solo im Grenzlandtheater auch einen kurzen Ausflug von der Schreibmaschine in die Orthodoxie. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Titel könnte abschrecken: „Ein ganz gewöhnlicher Jude” - da befürchtet manch einer schwarze Ledermäntel und gelbe Sterne. „Jetzt kriegen wir es schon wieder um die Ohren gehauen: wir Deutsche und der Holocaust!” Grenzlandtheater-Intendant Uwe Brandt weiß, dass dieser Titel nicht so leicht Zuschauer ziehen wird wie zuletzt „Die Drei von der Tankstelle”.

Aber der Regisseur Uwe Brandt hat zwei gute Argumente, alle Befürchtungen seines Intendanten zu zerstreuen: erstens das Stück und zweitens sein Ensemble. Das Stück dreht sich zwar um das nicht gerade leichte Thema Judentum, aber es spielt heute, ist eher ungewöhnlich, komödiantisch, pointenreich.

Eine ganz persönliche Geschichte

Und das Ensemble? Es besteht nur aus einer Person. Aber was für einer! Der Aachener Schauspieler Karl Walter Sprungala wird den 90-minütigen Monolog stemmen. Als „Diener zweier Herren” hat er bereits mit Brandt gearbeitet und auf der schmalen Bühne in der Elisen-Galerie ebenso begeistert wie bei seinem Solo „Völlig ausgebucht”. War letzteres durch die rasanten Rollenwechsel eher eine sportliche Herausforderung, erwartet Sprungala nun eine intellektuelle.

Der 53-Jährige spielt den fast ebenso alten jüdischen Journalisten Emanuel Goldfarb, der von einem Lehrer die Anfrage erhält, den Sozialkundeunterricht seiner 8. Klasse zu besuchen. Ein Jude zum Bestaunen und Anfassen? Ein Forschungsobjekt wie ein Zootier? Nein! „Ein ganz gewöhnlicher Jude” möchte Goldfarb doch sein. Was als Absage an der Schreibmaschine beginnt, gerät zur Wutrede über Pseudo-Toleranz, das „deutsche Betroffenheitsgesicht” und die Schwierigkeit, als „ganz gewöhnlicher Deutscher” zu leben.

„Alles, was in Goldfarb brodelt, spuckt er aus”, sagt Sprungala. Und erzählt dabei seine ganz persönliche Geschichte. Etwa von seiner Ehe, die an der Frage gescheitert ist, ob der Sohn beschnitten wird.

Erstmals ist „Ein ganz gewöhnlicher Jude” im Spielplan eines „ganz gewöhnlichen Theaters” zu sehen, schreibt Autor Charles Lewinsky auf seiner Homepage. Nach dem Film von Oliver Hirschbiegel aus dem Jahr 2005 haben bisher nur ein paar kleinere freie Gruppen das Stück gezeigt. „Für ihn ist es nun die eigentliche Uraufführung”, sagt Brandt über den jüdischen Schriftsteller, den er mit Sprungala in Zürich getroffen hat. „Man kann nur einen Fehler machen bei diesem Stück”, habe Lewinsky gesagt. „Man kann es als Jude spielen.”

Bart und Schläfenlocken wie Fritz Kortner als Shakespeares Jude Shylock wird Sprungala sich natürlich nicht ankleben. Schnell schnappt die Klischee-Falle zu. Sprungala hat kürzlich mit seiner Frau in Israel Urlaub gemacht. Dort lernten sie einen alten Maler kennen, der meinte: „Sie müssen mal in Ihrem Stammbaum nachgucken. Es kann nicht sein, dass sie kein Jude sind!” Die Nase? Das Lachen? Bisher hatte Sprungala keine Zeit, nach jüdischen Wurzeln zu forschen, sagt er. Für seine schauspielerische Arbeit wäre es wohl eh nicht wichtig.

Recherche und Training ersetzen die Ahnenforschung: Schon vor 15 Jahren hat Sprungala am Grenzlandtheater den Juden Weiskopf in Joshua Sobols „Ghetto” gespielt. Dafür hatte er eigens Jiddisch gelernt, nun frischt er das hebräische Alphabet auf. Obwohl er das für das Stück nun im Grunde nicht braucht. Dennoch bereitet er sich akribisch vor, liest viel, traf den Aachener Rabbiner und einen Religionswissenschaftler, übt jüdische Rituale wie das Anlegen der Gebetsriemen. „Wir wollen nichts falsch machen”, sagt Brandt. Zwar drohe weder Schulfunk noch Seminar, betonen beide. Aber man könne viel über das Judentum lernen.

Unter Hochdruck dampft Ben Becker im Film durch die Abrechnung. „Mich berührt das nicht”, sagt Brandt. „Wir brauchen einen Schauspieler, der möglichst wenig Theater spielt”, findet er. Und so will Sprungala möglichst „privat” bleiben. Quantitativ gesehen, spielt er allerdings sehr viel Theater: Charles Lewinsky kannte er bereits, weil er jüngst bei der Uraufführung von dessen Boulevardstück „Ein Heimspiel” in Stuttgart dabei war. An den dortigen Schauspielbühnen, beim ehemaligen Grenzlandtheater-Intendanten Manfred Langner, ist Sprungala öfter zu sehen, er gastiert am Nationaltheater Mannheim - und nächste Saison wieder am Grenzlandtheater. Die Aachener wird´s freuen. Der Stücktitel? Eigentlich doch egal, oder?

Premiere am Samstag, Autorenbesuch am Montag

Der Monolog „Ein ganz gewöhnlicher Jude” mit Karl Walter Sprungala hat am Samstag, 29.Januar, 20 Uhr, Premiere im Grenzlandtheater Aachen in der Elisen-Galerie.

Weitere Termine in Aachen und der Region bis zum 18. März. Außer für die Premiere sind für alle Vorstellungen noch Karten erhältlich. Tickets unter: 0241/4746111.

Der Autor Charles Lewinsky (54) wird am Montag, 31. Januar, nach der Vorstellung im Grenzlandtheater ab 21.30 Uhr im Gespräch zu erleben sein. „Lewinsky ist in der Schweiz eine echte Nummer”, sagt Intendant Uwe Brandt. Er hat nicht nur ein gutes Dutzend Theaterstücke geschrieben, sondern auch Romane, Drehbücher, Sitcoms und gut 700 Liedtexte. Zudem hat der Züricher als Dramaturg, Regisseur und Redakteur gearbeitet.

Karl Walter Sprungala, geboren 1957 in Weimar, lebt in Aachen. Er studierte an der Hochschule der Künste in Berlin und spielte an verschiedenen Theatern. Von 2001 bis 2005 war er festes Ensemblemitglied am Theater Aachen, wo er zum Beispiel als Jago, Zettel und Sosias auf der Bühne stand. Seit 2005 ist er freiberuflich tätig. 2010 erhielt Sprungala in Aachen für herausragende schauspielerischen Leistungen den Kurt-Sieder-Preis.

Am Grenzlandtheater war er unter anderem als Mephisto, „Cabaret”-Conferencier und im Theaterkabarett „Gretchen 89ff.” zu sehen. Ebenfalls in vielen Film- und Fernsehrollen, etwa in „Die Entdeckung der Currywurst”.

Sein Sohn Pablo Sprungala ist ebenfalls Schauspieler. Der 29-Jährige ist derzeit freitags, ab 21.15 Uhr, im ZDF zu sehen: als Kriminalkommissaranwärter Vincent Becker bei der Soko Leipzig.

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