„Ein fliehendes Pferd”: Feuerwerk witziger Dialoge

Von: Grit Schorn
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„Ein fliehendes Pferd” nach
„Ein fliehendes Pferd” nach der Novelle von Martin Walser im Aachener Grenzlandtheater: mit (von links) Volker Weidlich, Tina Seydel, Gerhard Roiß und Marina Matthias. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Hinreißend schon die Auftaktszene in der Premiere des Aachener Grenzlandtheaters: Der Studienrat Helmut hockt verkrampft auf seinem Klappstühlchen, die Kühlbox auf dem Schoß wie einen Rettungsring umklammernd.

Die rustikale Bootshütte am Bodensee dient ihm und seiner Frau Sabine seit vielen Jahren als Feriendomizil, doch nun droht ein Feind, den gewohnten Urlaubsfrieden zu zerstören: Klaus, sein Jugendfreund und ehemaliger Kommilitone, ist im Anmarsch und will auch seine Freundin Helene mitbringen. Die im Übrigen wesentlich jünger ist als die beiden Männer, die mit Mitte bis Ende vierzig in der Falle der Midlife-Crisis stecken. Das schlichte und gleichzeitig raffinierte Bühnenbild mit Klappverdeck ist Manfred Schneider (auch Kostüme) zu verdanken.

Tragikomische Geschichte

1977 ist Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd” in nur wenigen Wochen als „Nebenarbeit” entstanden, ein Werk, das großen Erfolg hatte und auch verfilmt wurde. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Ulrich Khuon hat Walser 1978 das „Pferd” zum Schauspiel umgeschrieben - eine tragikomische Beziehungsgeschichte, der man das Alter von fast 35 Jahren nicht anmerkt. Ähnlich wie der Schriftsteller selbst, der mit seinen jetzt 85 Jahren geradezu unverwüstlich anmutet.

Im Grenzlandtheater gelingt der Kölner Regisseurin Catharina Fillers eine köstliche Inszenierung, ein Feuerwerk an witzigen Dialogen mit ernsten Untertönen. Unterhaltsam wie tiefschürfend offenbart das Stück auch, wie verletzlich die „starken” Männer sein können, und wie viel Mut die Frauen in Krisen aufbringen. Der großartig nuancierte Volker Weidlich ist geradezu die Idealbesetzung für den introvertierten Deutschlehrer Helmut, der sich immer schon von Klaus untergebuttert und verletzt fühlte.

Glänzend und überzeugend auch Gerhard Roiß als Angeber Klaus, selbst ernannter Playboy und übergriffiger Aufwiegler. Der sich nicht einmal davor scheut, seine junge Geliebte Helene, die er „Hel” nennt, als „Verführerin” einzusetzen und Helmut damit in beschämende Bedrängnis zu bringen. Als Sabine, die kluge Ehefrau Helmuts, imponiert die wunderbar wandelbare Marina Matthias, die mit subtilem Spiel und verräterischer Körpersprache Sabines ureigene Bedürfnisse offenbart - ebenso wie ihre charaktervolle Haltung.

Schwerer hat es da Tina Seydel als „Sexobjekt” Hel, die sich mit Klaus aufreizend auf dem Boden wälzen muss. Erst im zweiten Teil hat sie Gelegenheit, der blonden Gespielin zutiefst menschliche Gefühle und Verzweiflung zu verleihen.

Der Katastrophen-Törn der beiden Männer auf dem launischen Bodensee bietet am Schluss viele Möglichkeiten an - Versöhnung und Aussprache statt Flucht, einen neuen Anfang für Helmut und Sabine ebenso wie für die feindlichen Freunde, die sich jetzt besser kennen. Doch der wie ein Spuk auftauchende Klaus - in wortloser Dunkelheit - könnte auch einen viel dramatischeren Ausgang andeuten.

Begeisterter Beifall des Publikums - manche Besucher allerdings schienen durch Walsers „Frivolitäten” etwas verunsichert.

Weitere Aufführungen bis zum 31. Mai

„Ein fliehendes Pferd”, Schauspiel von Martin Walser und Ulrich Khuon, ist noch bis zum 18. Mai im Aachener Grenzlandtheater, Elisen-Galerie, zu sehen. Beginn 20 Uhr.

Vom 21. bis 31. Mai wird das Stück in Spielstätten der Region gezeigt.
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