Prüm - Eifel-Literaturfestival: Selbst scheue Autoren kommen gerne

Eifel-Literaturfestival: Selbst scheue Autoren kommen gerne

Von: Hermann-Josef Delonge
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Großer Coup für die beschaul
Großer Coup für die beschauliche Eifel: Josef Zierden, hier mit dem Festival-Journal, das an den Auftritt von Günter Grass im September 2011 in Prüm erinnert, organisiert seit 18 Jahren das Eifel-Literaturfestival. Foto: Hermann-Josef Delonge

Prüm. Wer Schriftsteller beeindrucken will, der sollte die Kunst des Briefeschreibens beherrschen. „Der erste Brief ist entscheidend”, sagt Josef Zierden. „Damit kann man viel gewinnen - und alles verlieren.

Man braucht eine Kombination aus Leidenschaft und Kompetenz.” Der 57-Jährige scheint ein ganz hervorragender Briefeschreiber zu sein. Sonst wäre es ihm wohl nicht gelungen, so sensible, anspruchsvolle, zurückhaltende, berühmte Autoren wie Herta Müller, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Imre Kertesz, Christoph Ransmayr oder Donna Leon ausgerechnet in die Südeifel zu holen - zu einem Literaturfestival in einem Landstrich, für den der Begriff „Provinz” eigens erfunden worden zu sein scheint.

Seit 18 Jahren tut Zierden - ein freundlicher, humorvoller, selbstbewusster Mann - das; derzeit ist er mit den Vorbereitungen der zehnten Auflage beschäftigt. Und überlegt, wie es weitergehen soll.

Allmählich wird es zu viel

Das Zentrum des Festivals ist ein mit Büchern, Papieren, Broschüren und modernen Kommunikationsmitteln vollgestopftes Arbeitszimmer in einem Haus etwas oberhalb des Zentrums von Prüm: das Arbeitszimmer des Studiendirektors für Deutsch und Geschichte Josef Zierden.

Von hier aus pflegt er die Kontakte zu Autoren, Verlagen und Sponsoren, bucht Veranstaltungsorte für die Lesungen, schreibt Texte für das Festival-Journal. Und leidet unter der „deutschen Bürokratie”. Da kann er sich richtig in Rage reden. Irgendwann fällt dann der Satz: „Das wird mir alles zu viel.”

Damit meint er nicht den Ärger, den er sich für die Einladung von Thilo Sarrazin eingehandelt hat. „Damit kann ich gut leben”, sagt er. Er meint auch nicht die Absage von Joachim Gauck, der direkt nach seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten alle Termine gestrichen hatte (für ihn kommt übrigens Heiner Geißler), oder die von Ferdinand von Schirach.

Dass jemand kurzfristig abspringt, das kommt immer mal wieder vor. Zierden meint den bürokratischen Aufwand, den die Organisation eines Festivals mit sich bringt.

Mit zwölf ehrenamtlichen Mitarbeitern stemmt er die Arbeit - bis hin zum Fahrdienst für die Schriftsteller vor und nach der Lesung. Das Land Rheinland-Pfalz hat seine Stelle an einem Gymnasium in Gerolstein im Sommer 2011 zwar auf 50 Prozent reduziert, bezahlt die andere Hälfte des Gehalts also an den Festivalmanager Zierden, aber wesentlich entspannter sei die Situation dadurch nicht geworden.

Die Konflikte deutet er nur an. Sie gehen über den reinen Zeitaufwand hinaus und sind so groß, dass er den Bestand des Festivals ernsthaft infrage stellt. „Im Grunde kann ich nur weitermachen, wenn ich ganz freigestellt werde.”

Die zehnte Festivalauflage also die letzte? Noch sei alles möglich, sagt Zierden. Aber das Jubiläum sei doch der ideale Anlass, Bilanz zu ziehen und zu schauen, was noch möglich ist.

Und dann kommt auch noch Herta Müller, Zierdens „Hausheilige”, im Oktober nach Prüm, um das Festival zu beschließen. Einen schöneren Schlusspunkt könnte er sich nicht vorstellen.

Dreimal schon war die scheue Schriftstellerin aus Berlin-Friedenau in der Eifel. Zierden betont, sie schon für sich entdeckt zu haben, als sie nur einem überschaubaren Kreis von Literaturliebhabern ein Begriff gewesen sei - weit vor der Auszeichnung mit dem Nobelpreis.

Er hat über sie geschrieben, in Kindlers Literaturlexikon, im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und in Text + Kritik, den Zentralorganen der deutschen Literaturwissenschaft also.

Wenn man den promovierten Germanisten (Thema der Dissertation „Das Zeitproblem im Erzählwerk Clemens Brentanos”), geboren und aufgewachsen in einem Arbeiterhaushalt in Prüm, in dem es „bis auf Sparbuch, Bibel und Katechismus” keine Bücher gab, über Müller und ihr Werk sprechen hört, dann nimmt man ihm seine Gedankenspiele für ein Leben ohne Festival ab. „Ich könnte endlich wieder mehr schreiben - wissenschaftliche Aufsätze, einen literarischen Reiseführer über die Eifel. Es gäbe genug zu tun.”

Ob es wirklich so kommt, das lässt er bewusst offen. Seine Frau, sagt er schmunzelnd, habe ihm für den Fall schon „Entzugserscheinungen” vorausgesagt.

Dass ihm der Umgang mit den Schriftstellern und das Rampenlicht bei den Einführungen vor jeder Lesung und bei den Pressekonferenzen, der Ruf als „Macher” auch schmeicheln, gibt er unumwunden zu. Und doch: „Es gibt ein Leben für mich ohne Festival, aber kein Leben ohne Literatur.” Nicht nur für die Eifel wäre es ein herber Verlust.

Die erste Auflage des Eifel-Literaturfestivals fand 1994 statt, damals noch nur mit Autoren aus der Eifel beziehungsweise aus Rheinland-Pfalz. Mit der vierten Auflage 2001 veränderte sich die Konzeption, große Namen aus ganz Deutschland und darüber hinaus kamen hinzu.

Das Festival findet in der Regel alle zwei Jahre statt. Eine Ausnahme wurde für Günter Grass gemacht: Der kam im September 2011 zu einem Special nach Prüm.

Der Etat des Festivals beträgt gut 300 000 Euro. Die Hälfte muss über den Ticketverkauf erwirtschaftet werden, der Rest kommt von Sponsoren und als öffentliche Zuschüsse.

Die zehnte Auflage wird am 20. April, 20 Uhr, in der Stadthalle Bitburg mit dem dänischen Thriller-Star Jussi Adler-Olsen eröffnet.

Veranstaltungen gibt es bis zum 6. Juni und dann wieder vom 24. August bis zum 27. Oktober, wenn zum Abschluss Herta Müller an diesem letzten Tag in die Aula der Prümer Ex-Hauptschule (20 Uhr) kommt.

Gelesen wird an fünf Orten (Bitburg, Prüm, Gerolstein, Wittlich und Daun). Angesagt haben sich unter anderen Anselm Grün, Hans Joachim Schädlich, Donna Leon, Monika Maron, Eugen Ruge, Bernhard Schlink, Hans Küng und Walter Kohl. Außerdem dabei: die TV-Nachrichten-Moderatoren Marietta Slomka und Tom Buhrow, die ihre neuen Bücher vorstellen werden.

8000 der 15.000 Tickets sind bereits verkauft, Telefon 0651/9790777.

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