Aachen - Dürener Pianist Lars Vogt: „Wie gleißende Muskeln im Sonnenschein“

Dürener Pianist Lars Vogt: „Wie gleißende Muskeln im Sonnenschein“

Von: Eckhard Hoog
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Sein Festival „Spannungen“ in Heimbach, das am 9. Juni wieder beginnt, ist Weltklasse, aber vorher gibt er noch ein Konzert mit dem Kölner Kammerorchester in der Kölner Philharmonie: der Dürener Pianist Lars Vogt. Und er dirigiert auch wieder. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sein Festival „Spannungen“ in Heimbach ist eines der führenden Kammerkonzertreihen weltweit und längst eine Legende: der gebürtige Dürener Pianist und Dirigent Lars Vogt. Am 9. Juni geht es wieder los.

Aber vorher gibt er noch in der Kölner Philharmonie am Sonntag, 18. Mai, um 11 Uhr ein Konzert mit dem Kölner Kammerorchester. Wir führten mit ihm darüber und über die „Spannungen“ ein Telefongespräch.

Wo erreichen wir Sie gerade?

Vogt: In meiner Wohnung in Berlin.

Sie leben in Berlin?

Vogt: Ja, schon seit einigen Jahren.

Ist Berlin das Zentrum Ihrer beruflichen Tätigkeit?

Vogt: Nein. Meine berufliche Tätigkeit erstreckt sich über den gesamten Globus. Ich gebe 90 Konzerte weltweit pro Jahr. Und seit zwei Jahren bin ich ja auch Professor an der Hochschule in Hannover.

Da sind Sie ja ständig unterwegs.

Vogt: Das kann man so sagen. Für mich als Musiker ist Hannover so etwas wie ein Minizentrum geworden durch das Unterrichten, aber ansonsten kann man wohnen, wo man will, wenn man sowieso überall unterwegs ist.

Sie geben als Solist Konzerte weltweit?

Vogt: Als Solist, als Kammermusiker, mit Orchester, ohne Orchester und seit kurzem eben auch immer mehr als Dirigent.

In Köln steht Ihr nächstes Dirigat an, Sie haben dort ein umfangreiches Probenprogramm. Was ist dort die größte Herausforderung für Sie?

Vogt: Wir haben ein nicht unkompliziertes Programm, das aber auch so wunderschön und herausragend ist! Das Mozart-Klavierkonzert und die Schumann-Sinfonie sind Kernstücke des gesamten Repertoires, absolute Geniestreiche beider so geliebter großer Meister. Das Stück von Britten habe ich vor ein paar Jahren kennengelernt. Das hat der Komponist als ganz junger Mann geschrieben und nur einmal aufgeführt, dann ist es in der Versenkung verschwunden. Erst nach seinem Tod wurde es wieder ausgegraben. Ich glaube, Simon Rattle und Peter Donohoe in Birmingham haben es dann als Erstes wieder aufgeführt und aufgenommen. Ich finde, es ist ein fantastisches Stück, es hat eine fast hypnotische Wirkung. Es geht um „Young Apollo“, also den jungen Apollo. Man hat geradezu das Gefühl, gleißende Muskeln im Sonnenschein zu sehen – es ist ein kraftstrotzendes Jugendwerk, das auch sehr viel Spaß macht zu spielen.

Dirigieren Sie wieder vom Klavier aus?

Vogt: Nicht nur. Bei der Schumann-Sinfonie stehe ich natürlich ohne Klavier vor dem Orchester und versuche dabei Impulse zu geben, damit das schön wird.

Was ist für Sie die größere Herausforderung – Klavierspielen oder Dirigieren?

Vogt: Das sind sehr unterschiedliche Herausforderungen. Für mich sind es eigentlich immer mehr zwei Ausdrucksformen derselben Spielart. Unsere Musik ist in vielem nicht fassbar. Wenn ich Klavier unterrichte, muss ich zum Beispiel immer auf Metaphern ausweichen, um Bilder zu finden, die erklären, was für eine Bewegung und welcher Ausdruck gefragt sind. Rhythmus und Metrik gehen nicht wie in der Pop- und Rockmusik einfach in einer geraden Linie durch. In der Klassik gibt es immer Spiel, das für Spannung sorgt. Dort stellen sich komplizierte Fragen: Wo hält sich die Musik für einen Moment auf, wo geht es weiter? Ist der Impuls vertikal oder horizontal? Wo muss die Musik ein bisschen fließen, wo muss sie stocken? Inzwischen frage ich auch meine Studenten: Wie würdest du das dirigieren? Dirigieren ist im Grunde das Sichtbarmachen des Unfassbaren, das es in der Musik idealerweise gibt.

Haben Sie eigentlich ein Dirigenten-Vorbild?

Vogt: Oh ja, an vorderster Stelle steht mein großer musikalischer Ziehvater Simon Rattle, mit dem ich schon von ganz früh an eine enge Verbindung habe. Ihn treffe ich am Mittwoch noch einmal, auch um mit ihm über die Schumann-Sinfonie zu sprechen.

Holen Sie sich Tipps?

Vogt: Natürlich, ich dirigiere die Schumann-Sinfonie ja zum ersten Mal. Das ist ein nicht ganz einfaches Stück; er hat sie schon viele Male dirigiert und bringt damit natürlich eine Unmenge an Erfahrung ein. Es ist ja in allen Bereichen so: Man kann seinen eigenen Weg gehen und macht dann seine eigenen Fehler sowieso, man kann aber auch die Leidensstrecke der Fehler ein bisschen verkürzen, indem man auf Erfahrung baut und bereit ist zu lernen.

Fragen Sie ihn danach, wo die größten Klippen sind?

Vogt: Das wird sicherlich auch eine Rolle spielen. Ich werde sicher ein paar Fragen stellen, die sich bei mir schon beim Partiturstudieren ergeben haben. Ich muss sagen: Alleine das ist schon ein irre spannender Prozess beim Dirigieren, dass ich mit Leuten wie Simon Rattle, Manfred Honeck oder Markus Stenz in Köln zusammensitze und dieses Gespräch führe: Was ist Dirigieren eigentlich? Wie kommen wir zu den besten Ergebnissen?

Wie wichtig ist die Freundschaft und Bekanntschaft mit berühmten Kollegen für die „Spannungen“ in Heimbach?

Vogt: Heimbach ist ja geradezu ein musikalisches Familienfestival. Wir sind über die Jahre sehr eng zusammengewachsen, die Kerngruppe zumindest, die von Anfang an dabei ist. Das hat sich dann immer mehr erweitert. Jeder kommt gerne dorthin, weil die Atmosphäre einfach sehr schön und kreativ ist und man daneben auch sehr viel Spaß haben kann. Und weil es einfach auch alles nette Leute sind. Die menschliche Komponente ist immer wichtig, auch und gerade in einem so persönlichen Bereich wie der Musik. Wenn ich zum Beispiel einen Cellisten suche, kann ich gleich 15 nennen, die gerne kommen würden und alle auf Weltklasseniveau spielen. Das ist ein unglaublicher Fundus, auf den ich zurückgreifen kann.

Wann beginnen für Sie die Vorbereitungen für Heimbach?

Vogt: Die laufen ständig. Ich habe schon Dateien für 2015, 2016 angelegt und Künstler ideenweise eingesetzt, vor allem jene, die lange im voraus gebucht werden, wie Christian Tetzlaff, der einer der wichtigsten Mitgründerväter ist.

Im letzten Jahr waren 6000 Eintrittskarten innerhalb von zweieinhalb Minuten verkauft. Wie erklären Sie die Faszination, die von den „Spannungen“ ausgeht?

Vogt: Das ist für uns natürlich zum einen eine große Freude, aber zum anderen auch ein enormer Ansporn. Wir alle spüren das: Jeder Abend dort ist ein Ereignis, sowohl für die Künstler wie für das Publikum. Womit aber alles steht und fällt, ist das Weltklasseniveau auf der Bühne, das jeder sofort spürt. Und selbst das würde nicht reichen, wenn wir nicht die liebevolle Organisation all dieser wunderbaren ehrenamtlichen Kräfte in Düren hätten, vom Kunstförderverein Düren, dem Arbeitskreis Spannungen. Das ist schon ungeheuer, was von ihnen geleistet wird.

Ist es nicht für Sie trotzdem erstaunlich, dass die außerordentliche Publikumsbegeisterung an diesem etwas abgelegenen Ort und nicht in einer Metropole stattfindet?

Vogt: Als wir mit dem Festival anfingen, haben wir im Arbeitskreis genau über diesen Punkt diskutiert. Da gab es auch die Stimmen, die sagten: „Nach Heimbach? Da kommt keiner hin.“ Ich war dagegen gerade der Überzeugung, dass eine solche Pilgerfahrt etwas ganz Besonderes bedeuten würde – hin zu einem Ort, wo man nur noch sich und die Musik hat. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass wir mit dem RWE-Wasserkraftwerk in Heimbach eine Spielstätte von absoluter Einmaligkeit zur Verfügung haben. Das Gefühl ist unglaublich: Allein, wenn sich dort die Tore öffnen, spürt man eine Gänsehaut . . .

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