Aachen - Drei Schüsse und genug „Nervennahrung”

Drei Schüsse und genug „Nervennahrung”

Von: Sabine Rother
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Vorbereitungen und letzte Absprachen am Regiepult zum „ersten Durchlauf” von Simon Stephens´ Stück „Motortown”: Die Dramaturgen Daniela Neubauer (li.) und Dirk Becker und sowie Schauspielerin Stefanie Dischinger, die im Stück das Mädchen „Jade” verkörpert. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Ein penetrant süßlicher Geruch verbreitet sich auf der Bühne und im Zuschauerraum. „Wieviel Deo hast Du genommen”, fährt Danny seinen Bruder Lee an, und der Satz aus Simon Stephens Stück „Motortown” geht Schauspieler Florian Schmidt-Gahlen besonders locker über die Lippen, denn was sein „Bruder”, gespielt von Oleg Zhukov, da in dichten Nebeln durch die Gegend sprühen muss, ist wirklich extrem gewöhnungsbedürftig.

„Keine Ahnung, was das für eine Marke ist”, meint Dramaturg Dirk Becker, „das besorgt die Requisite...”

Langsam wird es ernst mit der Inszenierung von Ewa Teilmans. Am Samstag, 17. Januar, 19.30 Uhr, hat das Stück des englischen Autors, das vordergründig vom Irakheimkehrer Danny handelt.

Der „erste Durchlauf”, das ist eine von nur sechs Bühnenproben, die erlauben, das umzusetzen, was man im Proberaum des Mörgens entwickelt hat. Rund ein Dutzend Theatermitarbeiter bevölkern den schwarzen Raum, in dem nur ein Schlagzeug steht. Ewa Teilmans greift zum Mikrophon. Am Regiepult im Zuschauerraum passen Dirk Becker und Kollegin Daniela Neubauer auf, dass Text und Aktion so ablaufen, wie geplant. Eine große Tüte Studentenfutter liegt als „Nervennahrung” bereit, Sprudel, Saft - der Abend kann lang werden.

Erste Szene, die beiden Hauptdarsteller zeigen sich textsicher und fit. Eine Art Charly-Chaplin-Musik wird eingespielt, aber das Verhältnis zwischen Aktion und Rhythmen stimmt noch nicht ganz. Ewa Teilmans sitzt mit Stift und Schreibbrett im Zuschauerraum, und notiert mit wachem Blick über die Lesebrille was ihr auf- und einfällt. Seite um Seite füllt sich.

Nein, unterbrechen will sie jetzt noch nicht. „Die Darsteller müssen dringend ein Gefühl für den Raum entwickeln”, sagt sie. Per Mikrophon macht Ewa Teilmans allen Mut, bleibt ruhig, verständnisvoll, gibt der Technik den einen oder anderen Wink. Die Spannung im Raum ist spürbar, alle wollen zeigen, dass sie umsetzen wollen, was in zum Teil winzigen Schritten erarbeitet wurde. Plötzlich hat die Jalousie, die zur Dekoration gehört, eine Delle. „Das muss weg, das stört”, denkt Ewa Teilmans auch an die später wesentlich ausgeprägtere Arbeit mit Licht und Schatten.

Alle nicken - nach einem Moment springt die Regisseurin auf, erklimmt die Bühne und behebt den Schaden eigenhändig. Das geschieht unaufgeregt und fast beiläufig. Immer wieder eilt sie durch den Zuschauerraum, testet, ob man auch von den Problematischen Seitenplätzen aus alles sieht. Man arbeitet sich von Szene zu Szene, dabei spricht Ewa Teilmanns ihre Akteure stets mit dem Rollennamen an: Oleg ist „Lee”, Florian „Danny” - sie und die anderen haben hart daran gearbeitet in die (nicht gerade angenehme) andere „Haut” zu schlüpfen.

Zwischendurch der Blick auf die Uhr: Ist eine Szene zu lang? Weitet ein Schauspieler seine Aktion unmerklich aus? Braucht er ein rhythmisches Händeklatschen der Regisseurin, um punktgenau krachende Sprünge zu vollführen? Ewa Teilmans ist wachsam und ehrlich - auch mit sich selbst. Für einen weiteren Darsteller hatte sie einen Song vorgesehen. „Das ist wohl doch nicht sein Ding, das machen wir anders”, flüstert sie, währen oben auf der Bühne die Geschichte ihren Lauf nimmt. Ab und zu kommt ihr Ruf „Black!”, dann wissen die Akteure, dass der Lichtwechsel stattfindet.

Die Szene mit einem Swinger-Paar, das Danny als „Gespielen” animieren möchte wird ungewollt komisch: Elisabeth Ebeling, die „Helen” trägt statt reizvoller Highheels flache Gesundheitsschuhe. „Sie hatte auf dem Eis einen Fahrradunfall”, verrät Ewa Teilmans. „Bis zur Premiere ist wieder alles okay.” Neben der Bühne flackert ein Bildschirm mit den „Platzhaltern” der Videos, die jeweils auf dem Hintergrund der Bühne zu sehen sein werden - aber die muss Ewa Teilmans erst noch drehen.

Und die Sache mit der Zigarette, die nicht ohne weiteres angesteckt werden darf, bekommt sie auch noch in den Griff. „Besorg mir noch drei Schüsse”, ruft sie einem Mitarbeiter zu. Der guckt auf die Uhr, es ist schon spät und sehr ruhig im nächtlich eisigen Aachen: „Na, da muss ich jetzt wohl mal ein bisschen durch die Straßen laufen...”, zwinkert er ihr zu und alle lachen.
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