Aachen - Drei hochkarätige Konzerte: Große Sinfonik, schroffe Improvisation

Drei hochkarätige Konzerte: Große Sinfonik, schroffe Improvisation

Von: red
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Großer Abschluss der Aachener Bachtage: Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ in der Kirche St. Michael. Foto: Andreas Steindl
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Kongeniales Zusammenspiel: Streicher des Aachener Orchesters mit dem Gitarristen Robert Aussel (Mitte), der katalanischen Sopranistin Assumpta Mateu und Dirigent Johannes Klumpp (links). Foto: Andreas Steindl
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Große Präzision, hoher technischer Standard: das Orchester der Musikhochschule unter der Leitung von Prof. Herbert Görtz im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Drei hochkarätige Konzerte nicht nur an einem Tag, sondern nahezu zeitgleich: Die Klassikfreunde hatten am Sonntagabend in Aachen die Qual der Wahl. Neben dem dritten Sinfoniekonzert der Saison des Aachener Orchesters stand auch das Semesterabschlusskonzert des Orchesters der Musikhochschule auf der Agenda, außerdem gingen die Bachtage mit einem großen Chorkonzert zu Ende.

Gerade in den letzten Wochen des Jahres ist die Koordination von Terminen und Veranstaltungsplätzen erfahrungsgemäß eben besonders schwer.

Bachtage: Felix Mendelssohn Bartholdy hat sich um die Renaissance der zu Beginn der Romantik fast gänzlich in Vergessenheit geratenen Musik von Johann Sebastian Bach sehr verdient gemacht. Deshalb liegt es nicht so fern, dessen Oratorium „Paulus“ als Abschluss der 43. Aachener Bachtage zu wählen. An den ergreifenden Stellen ist das Stück ganz große Oper, statt um Affekte geht es um Gefühle, um den Menschen in seiner – neuen – Suche nach Identität.

Als Ergebnis sensibler Schulung haben die gut 100 Männer und Frauen des Bachvereins einen Chorklang entwickelt, der dicht und transparent zugleich ein sehr homogenes Klangbild abgibt. Wenn die dramatische Erzählung innehält, wenn Choräle das Geschehen reflektieren, gelingen dem Chor unter der Leitung von Georg Hage wahre Gänsehaut-Momente.

Jedoch: Bach ist nicht Mendelssohn. Soll heißen: So erhellend – und keineswegs selbstverständlich – es ist, mit schlanken, kopfigen Stimmen durchsichtige Fugen oder nach anderen Regeln verwobene Gesangslinien darstellen zu können, so notwendig wäre doch gerade an den Höhepunkten dieses Oratoriums ein zu mehr Körper fähiger Chorklang – bei allem Respekt für die große Leistung des Bachvereins, die ein solches Verlangen nach „Mehr“ vielleicht erst weckt. Hage hatte mit dem Deutschen Radio Orchester ein aufmerksam musizierendes Orchester verpflichtet.

Auch das Solisten-Quartett entsprach seinem Ideal von schlanken Stimmen. Die wunderbare Stimme der Sopranistin Hannah Morrison ist sehr instrumental, selten anrührend. Marion Eckstein gebietet über eine herrlich timbrierte tiefe Frauenlage. Patricio Arroyo erreichte die Herzen mit seinem schlanken, lyrischen, höhensicheren Tenor. Simon Schnorr hat schöne lyrische Farben, die sich im Forte etwas verdunkeln. Die Männer harmonierten im Duett prächtig, im Quartett gelangen den Solisten einige geradezu wunderbare Momente.

Hage dirigiert trotz großen Orchesterapparats sehr chororientiert. Seine Vorstellung von Mendelssohn mag durch mehr Mut zu Emotion und dynamischen Extremen noch an Profil gewinnen. So aber war’s auch gut, was das Publikum lange applaudieren ließ.

Sinfoniekonzert: Spanische und türkische Klänge erfüllten den Euro- gress im Rahmen des dritten Sinfoniekonzerts. Neben zwei spanischen Klassikern aus den Federn von Isaac Albéniz und Manuel de Falla standen unter der Leitung des Gastdirigenten Johannes Klumpp und in Kooperation mit dem internationalen Aachener Gitarrenfestival „speGTRa“ zwei Uraufführungen in ungewohnter Besetzung auf dem Programm.

Zunächst „Girdap“, ein Konzert für Balama, Klavier, Schlagzeug und Orchester des kurdischen Komponisten und Balama-Virtuosen Taner Akyol. „Girdap“ bedeutet „Strudel“, und damit meint der in Berlin lebende Musiker auch die politischen Wirren in der Türkei und dem Nahen Osten.

Das 20-minütige Werk ergießt sich wie eine explosive Druckwelle über den Hörer: hart, hektisch, rhythmisch schroff akzentuiert, in rastloser Bewegung, zentriert um drei größere Improvisationskomplexe der Solo-Instrumente mit Antonis Anissegos am Klavier, Sebastian Flaig als Perkussionist und Akyol an der Balama, der türkischen Langhalslaute.

Einen denkbar scharfen Kontrast zu dieser Arbeit liefert der katalanische Komponist Feliu Gasull mit seinem „Concert de l’Obaga“ für Gitarre mit Stimme, Klarinette, Harfe und Streichern. Ein kammermusikalisch intimes Werk von zerbrechlicher Zartheit mit schillernden Klangschattierungen, die impressionistische Einflüsse nicht verleugnen können, aber eine erfreulich individuelle Handschrift des Komponisten erkennen lassen.

Neben den versierten Solisten Robert Aussel an der Gitarre, dem Klarinettisten David Kindt und der Harfenistin Renske Tjoelker setzte die katalanische Sopranistin Assumpta Mateu mit ihrer schwerelos schwebenden Stimme besonders reizvolle Akzente. Ein langes, rein instrumentales Mittelstück wird nämlich umrahmt von vier kürzeren Sätzen mit Gesängen auf wunderschöne Texte aus verschiedenen Ländern, die die Liebe und die Kraft der Musik mit zarten Worten zum Ausdruck bringen.

Johannes Klumpp erwies sich dabei als einfühlsamer Begleiter und verstand es auch, Albéniz populäre „Suite española“ und Manuel de Fallas Suiten aus seinem nicht minder beliebten Ballett „Der Dreispitz“ mit viel Gespür für das spanische Kolorit der Musik zum Klingen zu bringen. Dabei entwickelte er ein recht ausgewogenes Klangbild, das lediglich im knalligen Finale des de-Falla-Balletts etwas an Contenance verlor. Ein Einwand, dem man einem Gastdirigenten im akustisch problematischen Eurogress allerdings nicht vorwerfen kann. Heftiger Beifall für alle Beteiligten.

Musikhochschule: Dem Andenken an die im Oktober verstorbene langjährige Klavierprofessorin und Prodekanin Ulla Graf war das Sinfoniekonzert der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Aachen, in Kooperation mit der Kammermusikreihe Accordate gewidmet. Prof. Herbert Görtz führte im Krönungssaal des Rathauses mit dem Orchester der Hochschulstandorte Aachen und Wuppertal gewichtige Werke aus Klassik und Romantik auf, die ihren Höhepunkt in der Interpretation der 4. Sinfonie von Johannes Brahms fanden.

Zuvor hatte der spanische Hornist Fernando Arroyo Ruiz das Ende seines Studiums an der Hochschule mit dem Solopart im 1. Hornkonzert von Richard Strauss eingeläutet, einem Jugendstreich des bei der Komposition 18-jährigen Komponisten. Ruiz schlug sich bei dieser überaus kniffligen und anspruchsvollen Aufgabe trotz einiger „Kiekser“ überaus wacker.

Die runde Schönheit seines Tones demonstrierte er vor allem im kantablen langsamen Satz. Aufmerksam und den jugendlichen Impetus des Konzertes mit Verve umsetzend begleitete Görtz mit seinem Orchester. Der Abend war eingeleitet worden mit einer äußerst gespannten, ganz auf dynamische Kontraste und Dramatik angelegten Wiedergabe von Beethovens Egmont-Ouvertüre, in der das Orchester bereits seinen hohen spieltechnischen Standard demonstrieren konnte.

Wenn es auch ein hoffnungsloses Unterfangen ist, mit einer großen Orchesterbesetzung im Krönungssaal ein einigermaßen transparentes Klangbild zu erzeugen, so gelang Görtz bei der Wiedergabe der e-Moll-Sinfonie von Brahms doch eine geschlossene, klanglich ausgewogene Interpretation, zu deren Gelingen die höchst engagiert und bemerkenswert professionell agierenden jungen Musikerinnen und Musiker mit großer Präzision im Zusammenspiel entscheidend beitrugen.

Görtz ließ die großen Bögen des ersten Satzes ruhig ausschwingen, schlug im langsamen Satz ein recht fließendes Tempo an. Akustisch am problematischsten war das Scherzo mit seinen dynamischen Ausbrüchen. Imponierend die Gestaltung des Wunderwerks des Passacaglia-Finales, das Görtz und das Orchester ohne Spannungseinbrüche zu einem organischen Ganzen verschmolzen. Zu Recht begeisterter Beifall am Ende.

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