Doppeloper: Frivole Späße mit Stier und Gehörntem

Von: Armin Kaumanns
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Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ lassen grüßen: bei Ravels „Spanischer Stunde“ im Theater Aachen. Die Studenten der Musikhochschule beweisen professionelles Können. Foto: Ludwig Körfer.

Aachen. Die Frau an sich ist ein kompliziertes Wesen. Das muss vor langen Zeiten nicht anders gewesen sein als heute. Jedenfalls stürzten sich sowohl im Jahre 1849 der französische Komponist Adolphe Adam wie rund 60 Jahre später sein ungleich berühmterer Landsmann Maurice Ravel mit Lust auf diese kapriziösen Menschenkinder und machten sie zum Zentrum zweier kurzer, frivol komödiantischer Opern-Einakter.

Am Theater Aachen sind nun „Le Toréadoroul’accordparfait“ und „L’heure espagnole“ als Ausklang der Spielzeit als Doppelabend zu erleben, traditionsgemäß produziert mit Orchester und Studenten der Musikhochschule. Und wieder mal ist ganz vieles sehr gelungen.

Besondere Stimmung

Die Stimmung im Saal ist besonders. Während bei „normalen“ Premieren im Opernhaus die Minuten vor dem magischen Moment, in dem das Licht verlöscht, mit dem Geplauder des gutbürgerlichen Publikums gefüllt sind, in dessen gedämpften Geräuschpegel sich leise, wie akustischer Zuckerguss, Finger- oder Ansatzübungen des Sinfonieorchesters Aachen fügen, beginnt die letzte Premiere der Spielzeit ungezwungener.

Hell und jung mischen sich freudig erregte Stimmen von Eltern, Geschwistern, Kommilitonen der Musiker, die gleich auf der Bühne stehen werden, mit ausgelassenem Geschrumpel aus dem Orchestergraben. Als es dann aber losgeht mit der Kunst, wird es ernst, sowieso.

Aber auch lustig. Schon vor der Szene, zur schnurrigen Ouvertüre, die Adolphe Adam seinem Lustspiel um eine vernachlässigte Ehefrau vorangesetzt hat, toben ein Torero mit einem Stier über die Rampe vorm samtgrün illuminierten Vorhang, eine Columbina im Reifrock erstickt in posenhaftem Lächeln, und ein paar Regie-Anweiser verzweifeln ob des Chaos. Christian Raschke, seit der letzten Spielzeit als Abendspielleiter und Regieassistent am Theater Aachen engagiert, legt hier seine erste Regiearbeit am Hause vor. Er ist mit 30 Jahren ebenso jung wie die meisten Sänger-Solisten auf der Bühne.

Und er beweist erfrischendes Geschick. Denn die Mini-Oper Adams entwickelt trotz manchmal langer gesprochener Dialoge einen mitreißenden Drive, die drei in die „ménage à trois“ verstrickten Figuren sind wunderbar natürlich überdreht gezeichnet. Die gewählten Elemente der Commedia dell’arte fügen sich ganz harmonisch in die Tonsprache, in der Adam sehr witzig die Koloratur-Manie der Zeit auf die Schippe nimmt.

Detlev Beaujean hat dem Kammerspiel ein wunderbar überdrehtes Bretter-Gefängnis gebaut, das mit Accessoires von Stierkampf bis zum „Kleinen Horrorladen“ möbliert ist. Da plumpsen Briefe vom Himmel, da wird der bald gehörnte Ehemann mit Goldflitter bestäubt, damit er an seine Unwiderstehlichkeit glaubt. Agris Hartmanis spielt und singt diesen Don Belfor mit schön gefärbtem tiefen Bariton, er ist wie seine grandiose Kollegin Larisa Vasyukhina (Coraline) Gast dieser Produktion, die überhaupt wenig vom hochschulinternen Nachwuchs herzeigt.

Das war so nicht gewollt, aber einige der fortgeschrittenen Studenten hatten kurzfristig die Chance auf ein „richtiges“ Opern-Engagement, für das sie von der Hochschule freigestellt wurden. Die Vasykhina jedenfalls singt die gefürchteten Koloratur-Kunststückchen der Coraline-Partie mit einer Selbstverständlichkeit, die auch ihrer Lehrerin Edita Gruberova gefallen hätte.

Ihr Lover auf der Bühne, der junge Tenor Tobias Glagau, zeigte sich stimmlich nicht ganz auf diesem professionellen Niveau. Außerdem hatte er – zur Gaudi des Publikums – im Vergleich zum angestammten Ehemann die kleinere Flöte. Was offenbar niemand gehindert hat, dem Stück ein Happy End zu verpassen, das den im Titel verheißenen „perfekten Dreiklang“ als Dauerlösung etabliert. Coralinefreut’s.

In Ravels „Spanischer Stunde“ hat Conceptiòn, die Gattin des Uhrmachers, nur eine Stunde pro Woche Zeit für – heute würde man sagen: sexuelle Selbstbestimmung. Während ihr lendenlahmer Gatte aushäusig die öffentlichen Uhren der Stadt stellen muss, findet sie aber weder bei einem versponnenen Poeten noch bei einem eingebildeten, fetten Banker das, was ihr schließlich (und am Ende auch zukünftig) ein muskulöser Maultiertreiber bieten kann.

Die Bühne ist ein Fest: Chaplins „Moderne Zeiten“ lassen detailverliebt grüßen. Und Panagiota Sofroniadou, ebenfalls als Gast dabei, stöckelt und singt zwischen den drehenden Zahnrad-Konstruktionen nach Lust und Laune, dass es eine Pracht ist. Tobias Glagau hat die Partie des Uhrmachers nun besser in der Kehle, der Poet Gonzalve ist bei seinem Fach-Kollegen Soon-Wook Ka gut aufgehoben, die Regie schickt ihn in allerlei verrückte (und gern belachte) Posen. Jan Schulenburgs Bass steht dem Don Indigo gut, beste Aussichten hat Fabio Lesuisse, dessen schon professioneller Bariton manchmal betörend klingt.

Auch das Hochschul-Orchester unter Herbert Görtz (Adam) und Raimund Laufen (Ravel) überzeugt, wenn man auch Ravels Partitur die große, anspruchsvollere Meisterschaft anhört. Die Musik ist – wenn’s selbst der Tuba lyrisch zumut wird – fast so witzig wie das Stück. Fröhlicher, begeisterter Applaus.

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