Düren - Doppelausstellung: Kunst, Psychiatrie und der Weltenbrand

Doppelausstellung: Kunst, Psychiatrie und der Weltenbrand

Von: Stephan Johnen
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Zwei Orte, die miteinander verbunden sind: In Haus 5 auf dem Gelände der Dürener LVR-Klinik (oberes Bild) werden Brüche in der Psychiatrie nachgezeichnet, während das Leopold-Hoesch-Museum Kunst und Psychiatrie thematisiert. Foto: Stephan Johnen
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Zwei Orte, die miteinander verbunden sind: In Haus 5 auf dem Gelände der Dürener LVR-Klinik (oberes Bild) werden widersprüchliche Entwicklungen in der Psychiatrie nachgezeichnet, während das Leopold-Hoesch-Museum Kunst und Psychiatrie thematisiert. Foto: Stephan Johnen

Düren. Haus 5 war der Aufbruch in ein neues Zeitalter. Das im Jahr 1900 bezogene „Bewahrungshaus für 48 irre Verbrecher“ auf dem Gelände der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Düren, der heutigen LVR-Klinik, stand für eine Liberalisierung in der Psychiatrie. Damals entstanden neue Therapieformen, die medikamentöse Behandlung machte Fortschritte, die Pfleger emanzipierten sich als eigene Berufsgruppe. Doch ein Ereignis ließ den Prozess ins Stocken geraten: Der Erste Weltkrieg ging an der Dürener Heil- und Pflegeanstalt und der Psychiatrie im Allgemeinen nicht spurlos vorüber.

„Moderne. Weltkrieg. Irrenhaus.“

Die Ausstellung „Moderne. Weltkrieg. Irrenhaus.“ beschäftigt sich mit bahnbrechenden Fortschritten, aber auch mit Widersprüchen der Psychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Schau ist eingebunden in das Projekt „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ des Landschaftsverbands Rheinland. Am 1. Mai wird die Doppelausstellung eröffnet. Sowohl in Haus 5 auf dem Gelände der LVR-Klinik als auch im Leopold-Hoesch-Museum der Stadt Düren (Infokasten). Im ehemaligen „Bewahrhaus“ stehen die Brüche in der Psychiatrie im Mittelpunkt, das Museum thematisiert Kunst und Psychiatrie.

„Haus 5 ist mit 48 Metern Breite unser größtes Exponat“, sagt Kurator Eusebius Wirdeier. Hinter der hohen Umfassungsmauer wird es Einblicke in die Methoden und Therapien der Zeit, den Alltag in der Klinik und die „Schatten des Krieges“ geben. Dem Kriegszittern traumatisierter Soldaten sei beispielsweise zum Teil mit Brutalität begegnet worden. Zwangsexerzieren gehörte dazu, ebenso eine Behandlung mit Stromschlägen. In einem „Lehrfilm“ aus dieser Zeit, der in einer Zelle vorgeführt wird, demonstrieren Wissenschaftler die „Heilmethode“.

Generell galten Traumatisierte besonders in den ersten Kriegsjahren oft als Simulanten, berichtet Erhard Knauer, Leiter des Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrums Düren. Auf dem Münchner psychiatrischen Kriegskongress wurde 1916 von fast allen Beteiligten zur Doktrin erklärt, dass nicht das Erlebte für die Entstehung einer Neurose verantwortlich sei, sondern die vermeintlich schlechte Konstitution und/oder der böse Wille des Erkrankten selbst. „Mit dieser Definition der Neurose wurden Therapiemöglichkeiten legitimiert, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind“, sagt Knauer. Faktisch ging es nicht darum, die Patienten zu therapieren, sondern sie schnell wieder an die Front zu schicken.

Die Verbindung von Psychiatrie und Kunst bilden Werke aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn, die Psychiatriepatienten der Dürener Klinik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schufen. Nach etwa 100 Jahren werden sie erstmals in Düren mit Kunstwerken der Epoche von 1900 bis 1930 aus der Sammlung gezeigt. In Haus 5 stellt das Hoesch-Museum Arbeiten von Conrad Felixmüller aus, der während des Weltkriegs wegen seiner pazifistischen Grundhaltung vier Wochen in einer als Militärkrankenhaus genutzten psychiatrischen Anstalt „Ersatzdienst“ leisten musste.

„Die gemeinsame Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie rasant sich Kunst und Psychiatrie rund um 1914 entwickelten und wie beide dabei in Berührung kamen“, bemerkt Wirdeier. „Viele Künstler verarbeiteten die Kriegserlebnisse in ihrer ausdrucksstarken Arbeit“, sagt Museums-Direktorin Renate Goldmann. Die künstlerische Tätigkeit habe auch vielen Patienten geholfen, das Kriegstrauma zu verarbeiten. Im Zuge des Weltenbrandes habe sich die Kunsttherapie in der Psychiatrie etabliert.

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