Doppelausstellung: Dem Wesen des Menschseins auf der Spur

Von: Eckhard Hoog
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35 Jahre sind sie verheiratet, jetzt stellen sie zum ersten Mal gemeinsam aus – im Kunst und Kulturzentrum der Städteregion Aachen in Monschau (KuK): Gina Lee Felber und Jürgen Klauke, einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. 2012 hat Klauke bereits einmal im KuK eine Auswahl seiner Arbeiten gezeigt. In Köln arbeitet das Künstlerpaar in nebeneinanderliegenden Ateliers. Foto: Thomas Brill

Köln/Monschau. 35 Jahre sind sie verheiratet, jeder arbeitet in seinem eigenen Atelier, seit ein paar Jahren nicht mehr an zwei verschiedenen Orten in Köln, sondern gleich nebeneinander, unter einem Dach, im Herzen der Stadt.

„35 Jahre – das ist lang. Nicht?“ Gina Lee Felber lächelt – und wundert sich selbst. In all den Jahren haben sie nicht ein einziges Mal zusammen ausgestellt, sie und ihr Mann, der weltberühmte Künstler Jürgen Klauke. In Gruppenausstellungen – ja schon, das hat es gegeben, aber sie zwei beide zusammen?

Nie. Da musste doch tatsächlich erst so ein dynamischer Wirbelwind aus Aachen auftauchen, der in Monschau ein überaus erfolgreiches kommunal betriebenen Ausstellungshaus leitet, um die beiden in einer Schau zusammenzubringen. Als Weltpremiere sozusagen.

„Nina Mika-Helfmeier hatte die Idee“, sagt die Künstlerin. Und sie waren beide gleich einverstanden. Am Sonntag ist es nun so weit: Dann wird ihre Doppelausstellung um 12 Uhr im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau eröffnet. Ein nicht minder berühmter Weggefährte des Paares wird die Einführung halten: Klaus Honnef.

„Da kennt man sich so lange und macht so unterschiedliche Sachen“, sagt die gebürtige Pfälzerin. Riesige Fotos nehmen die Wände im Atelier ihres Mannes ein – und als „Modell“ hat er sich fast immer selbst aufgenommen, mal liegend auf einer Bank, mal gleich in Serie.

Fotos eines Mannes, der 16 Jahre lang künstlerische Fotografie an der Kunsthochschule für Medien in Köln gelehrt hat und der selbst gar kein Fotograf sein will. Die Welt abbilden, das Reale? Das ist nicht sein Ding.

„Performative, inszenierte und konzeptionelle Fotografie“ nennt er seine Kunst und das, was er mit der Kamera ins Bild setzt. Vor allem immer wieder sich selbst: „Das unterstreicht die Authentizität“, erklärt der 72-Jährige mit sanfter Stimme. Er sieht sich einfach nur als Stellvertreter für das Menschsein. Das ist sein Konzept.

„Es sind immer die gleichen Kernthemen, um die es geht: Liebe, Hoffnung, Tod, Sehnsucht. Überhaupt: Sehnsucht. Mein Lieblingswort. Ich spreche von der Ästhetisierung des Existenziellen.“ Zum Beispiel der gnadenlos, unaufhaltsam verrinnenden Zeit – auch eine Unzulänglichkeit der menschlichen Existenz und das zentrale Thema seines neuen Zyklus „Ästhetische Paranoia“. Nun in ausgewählten Arbeiten gleichzeitig zu sehen in London und in Monschau.

„Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, macht uns bewusst, dass wir nichts sind. Dazwischen bleiben Momente, Augenblicke, Sekunden, Bruchteile oder Wimpernschläge, die uns herausheben aus der fortströmenden Zeit.“ Poetische Worte, die der Künstler zu den Bildern verfasst hat.

Sie zeigen ihn im Anzug auf dem Bett – sitzend, liegend, verwühlt. Und mit meterlangem Haarschopf – Haar, das symbolisch wie die Zeit verfließt, mysteriös und rätselhaft. Liegt da tatsächlich ein Mann? Oder nicht doch eine Frau? Mit gut gekämmter Mähne? Die geschlechtliche Identität – überhaupt eines von Klaukes Kernthemen. Hier kehrt es versteckt wieder.

Der weithin gerühmte Performance-, Foto- und Medienkünstler inszeniert sich einmal mehr als Medium für einen Urzustand. Ausgesprochen ästhetisch – kaum zu glauben, dass der Mann in den Siebzigern Bürger verschreckt hat: mit Auftritten in Strapsen oder als Jesus, in rotem Lack und Leder. Ein Pionier der Performancekunst. Das war die Zeit, als sich Kunst noch bis zum Exzess auslebte.

Afrikanische und ozeanische Skulpturen blicken heute, in Reih und Glied aufgestellt, in den großen Raum seines Ateliers. Klauke bewundert den starken Gestaltungswillen, der in den urtümlichen Figuren aus Afrika zum Ausdruck kommt. Auch eine Kunst, die Urzustände thematisiert, nur anders. Klauke sammelt sie.

Literarisch inspiriert ist eine Reihe von Zeichnungen, die in Monschau ausgestellt wird – Quelle sind die Aphorismen des rumänischen Philosophen Emil Cioran. „KörperzeichenZeichenkörper“ nennt er einen Zyklus schwarzer Zeichnungen – schattenhafte Gestalten tauchen auf wie aus dem Nichts.

„Ich bin malerischer als er“, sagt Gina Lee Felber. „Er konzipiert seine Dinge sehr komplex und beschäftigt sich lange mit den Themen.“ Geplant jedenfalls erscheinen ihre kleinformatigen Temperazeichnungen nicht, die sie in jüngster Zeit in Serie aufs Papier zaubert.

Vor einem sepiafarbenen, verschwimmenden Hintergrund tauchen seltsame Wesen auf, fantastische Figuren, nur in ihren Konturen wahrnehmbar als feine Linie, mit dem Tuschepinsel gezeichnet. „Weltensammlerin“ nennt die Künstlerin die Serien – es sind fantastische Welten, gespeist aus einem unendlichen Fundus, aus der Kunst der Renaissance ebenso wie aus japanischen Mangas.

Reliquienbüsten aus 200 Jahren galten der Künstlerin als Vorlagen für Tierdarstellungen in schwarzer Temperamalerei – Katzen, Hasen, Bären, Schweine. „Sympathisanten“ – so nennt sie die Serie. „Das Lieblingsobjekt des Menschen“, erklärt sie dazu, „es wird gegessen, ausgebeutet und verhätschelt.“ Das ambivalente Verhältnis zum nächsten Verwandten des Menschen – das soll darin zum Ausdruck kommen.

Eine dritte Werkgruppe thematisiert einen Zustand des Übergangs – „Transit“ – mit monumentalisierten fotografischen Abbildungen von Insektenlarven bei der Verpuppung. Der Übergang zu etwas Neuem – auch hin und wieder ein existenzieller Zustand des Menschen. Und damit gar nicht so weit entfernt vom Anliegen ihres Mannes. Eine Ausstellung in Monschau, die genauso gut in London stattfinden könnte.

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