Aachen - Dokumentation „Gold“: Bloß kein Betroffenheitsgefühl!

Dokumentation „Gold“: Bloß kein Betroffenheitsgefühl!

Von: Robert Baumann
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Der Alltag eine Spitzensportlerin: Schwimmerin Kirsten Bruhn bei der Trainingsanalyse – eine Szene aus „Gold“. Foto: Olaf Ballnus
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„Ein positiver Film, der Mut macht“: Kirsten Bruhn und „Gold“-Regisseur Michael Hammon gestern in Aachen. Foto: Robert Baumann

Aachen. Das Schicksal schlug 1991 zu. Während eines Urlaubs auf der griechischen Insel Kos. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sich Kirsten Bruhn zu einer Spritztour auf dem Motorrad aufgemacht. Auf einer Bergstrasse werden beide von einem Auto geschnitten. Da war sie 21 Jahre alt. Seitdem hat sie eine Querschnittslähmung und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

13 Jahre nach diesem traumatischen Ereignis gewinnt Bruhn bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen ihre erste Goldmedaille im Schwimmen über 100 Meter Brust. Hinzu kommen zwei Mal Silber und einmal Bronze. 2008 in Peking und 2012 in London holt sich Bruhn weitere Gold- Silber- und Bronzemedaillen und hat seit Beginn ihrer Karriere bereits über 50 Weltrekorde aufgestellt.

Besuch in Aachen

Jetzt ist diese eindrucksvolle und bewegende Lebensgeschichte der heute 43-Jährigen verfilmt worden. Und nicht nur ihre. Der Dokumentarfilm „Gold – Du kannst mehr als Du denkst“ erzählt die Geschichten dreier außergewöhnlicher Menschen und Spitzensportler: Henry Wanyoike, blinder Marathonläufer aus Kenia, Kurt Fearnley, australischer Rennrollstuhlfahrer – und eben Schwimmerin Kirsten Bruhn.

Am Sonntag zeigte das Cineplex Aachen eine Matinee-Vorstellung des Films, der seit dem 28. Februar in den Kinos läuft. Kirsten Bruhn und Regisseur Michael Hammon waren selbst vor Ort und standen nach der Vorführung den rund 60 Zuschauern Rede und Antwort. „Ich will Inklusion leben und das mit meiner Person vermitteln. Deshalb gibt es uns Leinwand-Protagonisten auch live zum Anfassen. Ich will den Leuten die Hemmungen nehmen“, sagt Bruhn. Der Besuch in Aachen war nur eine Station der Film-Werbetour, die Bruhn und Regisseur Hammon derzeit quer durch Deutschland führt. „Es ist kein trauriger oder schmerzvoller Film, aber auch kein reiner Sportfilm. Wir wollen zeigen, dass Menschen mit Handicap auch glücklich und zufrieden das Leben bestreiten und sportlich erfolgreich sein können“, sagt Bruhn und fügt hinzu: „Der Film ist sehr bereichernd und inspirierend.“

Über ein Jahr lang hat das Filmteam um den südafrikanischen Dokumentarfilmer und mehrfachen Grimme-Preisträger Michael Hammon die drei Athleten begleitet, sie beim Training beobachtet und tiefe Einblicke in das Privatleben der drei Persönlichkeiten gewonnen – was auch für Kirsten Bruhn nicht immer einfach war. Der emotionalste Drehtag für die Schwimmerin war der Besuch in der Unfallklinik in Hamburg Boberg. Dort hatte sie zum ersten Mal richtig begriffen, dass sie ein Leben lang gelähmt bleiben wird. „Wir standen im Krankenhaus an meinem damaligen Bett, und ich habe noch mal die ganze Frustration und Ungewissheit gespürt, die nach dem Unfall in mir war“, sagt sie. „Ich wollte zu dem Zeitpunkt nicht mehr und habe auch überlegt, von einer Brücke zu springen. Denn der Tag war geprägt von Schmerzen“, erinnert sich Bruhn.

Die Dreharbeiten für „Gold“ begannen im Sommer 2011 in Schleswig Holstein, wo Kirsten Bruhn lebt. Danach reiste das Filmteam nach Australien zu Kurt Fearnley, dem durch einen Geburtsfehler Teile der Lendenwirbelsäule fehlen. Gebremst hat den Rennrollstuhlfahrer das in seinem sportlichen Ehrgeiz nicht: Bei den Paralympics 2000 in Sydney gewinnt er zweimal Silber, 2004 in Athen zweimal Gold über die Distanzen 5000 Meter und Marathon. Und 2008 verteidigt er seine Goldmedaille beim Marathon in Peking.

Im Februar 2012 besuchten die Filmemacher schließlich Henry Wanyoike in Kenia. Er war in Folge eines leichten Schlaganfalls 1995 über Nacht erblindet. Der einst so positiv denkende Kenianer verliert mit seinem Augenlicht auch seinen Lebensmut – aber kämpft sich zurück. Bei den Paralympics 2000 in Sydney gewinnt er mit seinem völlig erschöpften Begleitläufer Gold beim 5000-Meter-Lauf. 2004 in Athen holt er die Goldmedaille über die 5000 und 10.000 Meter. Der gemeinsame Höhepunkt des Films, an dem die drei Porträts zusammenkommen, sind die Paralympischen Sommerspiele in London 2012, an denen 4452 Sportler aus 164 Nationen teilnahmen. „Wir wollten keinen Betroffenheitsfilm machen, sondern Menschen zeigen, die sind wie wir – nur eben mit einem Handicap. Der Film ist nicht nur für Behinderte sehenswert“, erklärt Regisseur Michael Hammon.

Derzeit läuft „Gold“ in den Kinos allerdings noch etwas schleppend an, blickt man auf die aktuellen Besucherzahlen. „Es gibt große Berührungsängste mit dem Thema Behinderung“, meint Hammon. Trotzdem ist der Regisseur von der Wichtigkeit und Notwendigkeit seines Films überzeugt: „Der Film wird ein langes Leben haben, weil er kein trockener Dokumentarfilm ist, sondern ein positiver Film, der Mut macht, Schicksalsschläge zu überwinden.“

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