Dirk Reinartz blickt humorvoll auf den Alltag

Von: Eckhard Hoog
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Sie hat zusammen mit der Witwe Karin Reinartz 180 Bilder des 2004 im Alter von 57 Jahren gestorbenen Aachener Fotografen Dirk Reinartz für das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum ausgewählt: Kuratorin Sylvia Böhmer. In der Hand hält sie ein Porträt Reinartz´. Foto: Andreas Steindl

Aachen. In großen Lettern prangt auf der schäbigen Ziegelwand ein derb aufgesprühter Schriftzug: „Deutschland”. Eine Frau mit Einkaufstasche geht teilnahmslos daran vorbei. Irgendwo in Berlin-Kreuzberg. Rätselhaft, geradezu komisch: Was mag uns der anonyme Graffiti-„Autor” damit sagen wollen?

An welche Botschaft hat er wohl gedacht? Gleichwohl: Der Fotograf jedenfalls, der diese unscheinbarste aller unscheinbaren Szenen mit seiner Kamera festgehalten hat, beweist eine außergewöhnliche Sensibilität für besondere, merkwürdige, hintergründige Momente - und feinsinnigen Humor. Das Bild ist eines von 180 Werken des 1947 in Aachen geborenen Fotografen Dirk Reinartz, die jetzt das Suermondt-Ludwig-Museum erstmals in einer Ausstellung präsentiert.

Reinartz, der 2004 im Alter von 57 Jahren in Berlin gestorben ist, war einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit und sicher auch einer der vielseitigsten. Er arbeitete für den „Spiegel”, „Fortune”, „Geo”, „Life”, das „SZ-Magazin” ebenso wie das der „Zeit”. Bereits mit 23 Jahren gehörte er der „Stern”-Redaktion an - als jüngster Fotograf überhaupt in der Geschichte der Hamburger Zeitschrift. Seine Reportagen und Fotoessays führten ihn in die ganze Welt.

Der besondere Moment

Sylvia Böhmer, die Kuratorin der beeindruckenden Übersichtsschau, hat die Auswahl der Fotos getroffen in Zusammenarbeit mit der Witwe, Karin Reinartz, die in Buxtehude lebt. Gleich auf den ersten Blick fällt das vergleichsweise kleine Format der Arbeiten auf - eine monumentale Aufblähung haben diese Fotografien in der Tat nicht nötig; keine einzige verfehlt ihre Wirkung.

Ob Alltagsszenen oder menschenleere urbane Architektur, Porträts, Denkmäler oder Landschaften - Dirk Reinartz findet noch in den unspektakulärsten Szenerien und Momenten eine Spur von Hintergründigkeit. Eine ganze Serie widmet er Bismarck-Denkmälern. Stramm steht der steinerne Reichskanzler da, das Schwert blank am Hosenbein. Allein: Das triste Umfeld mit dem schmuddeligen Bürgersteig und dem gänzlich prosaischen Straßenschild will zu der heldischen Pose nicht passen. Offensichtlich haben die Zeit und die Menschen die Figur hier schlichtweg vergessen und einfach stehenlassen. Dirk Reinartz hat die hintergründige Bedeutung dieses Alltagsbildes offensichtlich auf Anhieb erkannt. „Finden” ist wohl der treffendste Ausdruck für diese Art des Fotografierens. An anderer Stelle fand er für seine Serie den Endpunkt der Heldenverehrung: einen leeren Sockel mit dem Schriftzug „Bismarck”.

Eine kuriose Fortsetzung findet die Bismarck-Serie 1998, als Reinartz die Hauptstadt des US-Bundesstaats North Dakota besucht und porträtiert - die heißt seit 1873 nämlich auch Bismarck. Mit dem populären Namen wollte man deutsche Einwanderer anlocken, die kamen tatsächlich aber erst, nachdem man in der Nähe Gold gefunden hatte. Der Aachener Fotograf bringt die absolut mittelmäßige Mittelmäßigkeit der Stadt in seinen ausnahmsweise farbigen Bildern auf den Punkt - eine einsame Zapfsäule am Flussufer, ein schäbiger Bau mit dem Neonschriftzug „Center”, eine Parkhausauffahrt, für die der Architekt zehn Jahre Zuchthaus verdient hätte. All das ist in seiner ganzen Unscheinbarkeit schon wieder genial komponiert.

Sein Lehrer, Otto Steinert, bei dem Dirk Reinartz an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen studierte, erkannte die Fähigkeiten dieses Aacheners, der in seiner Heimatstadt bei der Firma Preim eine Fotografenlehre absolviert hatte, auf den ersten Blick. Reinartz musste sich mit einer Mappe bei Steinert, der als ein unerbittlicher Mann galt, bewerben - mit Erfolg.

Zum „Stern” kam der 23-Jährige, nachdem er einen Wettbewerb „Jugend fotografiert Forschung” gewonnen hatte. Als Preis gab es eine Japan-Reise an der Seite des Starfotografen Hilmar Pabel.

In den 70er Jahren porträtiert Reinartz New York, und er findet sie sogleich wieder, die Geschichten „hinter” den Bildern, die hintergründigen Kontraste und Gegensätze: den Straßenkreuzer, der vor einem verfallenden Gebäude parkt, die Greisin an der Bushaltestelle, die gar nicht bemerkt, dass unmittelbar hinter ihr ein muskulöser Boy mit freiem Oberkörper und halb geöffneten Jeans auf einem Werbeplakat jugendliche Segnungen verheißt.

Bilder zum Thema Deutschland

Und immer wieder blitzt der für Reinartz so typische subtile Humor hervor. Im Hamburger Stadtteil St. Georg, den er gleichfalls in einer Serie porträtiert, findet er das Allerweltsplakat einer Zigarettenmarke „Let´s go West” - daneben auf die Hauswand gesprüht: „Auf zur Demo”.

Alles andere als glanzvoll, eher ernüchternd wirkt seine Serie von Deutschland-Fotos. Ein Kind hockt in einem Einkaufswagen - wie auf dem Parkplatz vergessen. Und bei Langerwehe findet er 1981 an der B264 irgendwo mitten in der Prärie vor zwei dampfenden Kühltürmen einen elenden Schnellimbiss mit dem seltsamen Namensschild „Zur Schaschlikbilla”.

Mit Richard Serra verband Reinartz, der ab 1998 als Professor für Fotografie an der Muthesius-Hochschule für Kunst und Gestaltung in Kiel lehrte, eine langjährige Freundschaft. Er porträtierte den amerikanischen Bildhauer ebenso einfühlsam wie Joseph Beuys und die Fotografin Katharina Sieverding, die er witzigerweise in einen Fotofix-Automaten steckte, in dem man Passbilder knipsen lässt. Dessen Blitz überstrahlt das ganze Bild, das wie total verunglückt wirkt - die humorvolle Geste eines Fotografen, der nicht in Konkurrenz treten will mit der berühmten Künstlerin. Typisch Dirk Reinartz eben.

„Dirk Reinartz - Fotografien”, Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, Wilhelmstraße 18, 0241/479800. Eröffnung: Freitag um 19 Uhr. Dauer: bis 6. Februar. Geöffnet: Di.-Fr. 12-18, Mi. 12-20, Sa./So. 11-18 Uhr. Eintritt: fünf Euro, ermäßigt 2,50 Euro.
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