Aachen - „Die Wand“: Eine Frau verschwindet im grauen Nichts

„Die Wand“: Eine Frau verschwindet im grauen Nichts

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
13094015.jpg
Surreale Situation einer Frau: Im Schauspiel „Die Wand“ nach Marlen Haushofers Roman verkörpert Katja Zinsmeister die Protagonistin. Am Wochenende fand die Premiere in den Kammerspielen des Theaters Aachen statt. Foto: Ludwig Koefer

Aachen. Jede Literaturform hat ihre jeweils eigene Dynamik. Welten öffnen sich, aber die Schlüssel sind sehr unterschiedlich: Roman, Gedicht, Theaterstück, Film... Lässt sich ein Roman, der bis heute durch seine rätselhafte Tiefe und starke Sprache fasziniert, in ein spielbares Bühnenstück überführen?

Schwirrt eine Verfilmung mit raffinierten Bildern dabei – neben dem Text – nicht gleichfalls selbst durch jene Köpfe, die sich fest vornehmen, das zu ignorieren?

90 Minuten im engen Raum

Für die Kammerspiele des Aachener Theaters hat sich Paul-Georg Dittrich diesen Fragen gestellt und gewagt, das Stück „Die Wand“ nach Marlen Haushofers vielbeachtetem Roman gleichen Titels (1963) als Bühnenfassung von Dorothee Hartinger in deutscher Erstaufführung zu inszenieren. Ein mutiges Unternehmen, das vom Publikum Experimentierfreude und Geduld verlangt, denn es ist nicht jedermanns Sache, mit 40 Leuten im engen Bereich der eigentlichen Bühne für rund 90 Minuten ohne Pause auf Sitzwürfel gebannt und eingeschlossen zu werden. Da wird so nach und nach doch die Luft dünn.

Schauspielerin Katja Zinsmeister ist Erzählerin und Protagonistin. Zunächst sieht man sie durch eine helle Gazewand (zudem raffinierte Projektionsfläche) in einem Raum, der etwas schräg in den Zuschauerraum hineingebaut wurde (Ausstattung Pia Dederichs und Lena Schmid). Videosequenzen (Hannah Dörr) begleiten das Erzählte, überflügeln es zum Teil – die Frau im durchsichtigen weißen Outfit schält Kartoffeln, schleppt Heu, versucht sich im Holzhacken und wirkt dabei ziemlich deplatziert. Das sind starke Eindrücke, denen sich später die krampfartigen Schockzustände der Hauptdarstellerin anschließen. Über Nacht ist sie durch eine unüberwindliche Glaswand von der übrigen Welt abgeschnitten.

Die Tinnitus-verdächtigen Toncollagen (Silvan Jeger) sind nicht ohne, zielen mit dumpfen Schlägen in die Magengrube, terrorisieren mit lärmenden Überraschungsattacken und vermitteln die zunehmende nervliche Anspannung der Frau. All das ist eine spannende Erfahrung – aber ein Stück? Schwierig.

Katja Zinsmeister hat die schwere Aufgabe, eine große Text-Flut zu bewältigen und gleichzeitig einen Charakter zu verkörpern, der seit Erscheinen des Romans niemals ausgedeutet wurde, selbst nicht durch die häufig befragte Autorin. Was empfindet diese Frau? Ist die Wand eine feministische Befreiung von allem Weiblichen? Ein Zurück-zur-Natur im Stile von Robinson Crusoe? Oder einfach nur eine absurde Story? Katja Zinsmeister bewältigt den einsamen Part mit bewundernswerter Sicherheit und Stärke. Dennoch gibt es bei ihr, die von Anfang bis Ende im kurzen weißen Kleidchen mit langem schwarzem Mantel herumläuft (warum eigentlich?) keine Veränderung, keine Entwicklung.

Sie spricht den Text aus Haushofers Roman, schüttelt den dröhnenden Radiorekorder, wirft sich in die eine oder andere Szene. Da finden sich ein paar gute Ideen, die sprechenden Hände etwa der feinsinnigen Hauptdarstellerin, die auch später noch mehr verraten als der Text. Glückszustände, Vernichtungszahnschmerz, hysterisches Lachen, panische Aktionen, all das setzt sie professionell um. Die haarige gehörnte Maske mit den gruseligen Zähnen, die ein bisschen an Perchten-Tradition der Alpenländer erinnert, wird im Rahmen dieser Inszenierung zum eher hilflosen Accessoire. Vielleicht ein Symbol für die Angst. Oder für das Männlche? Sie setzt den Kopf auf, schiebt das Mikro ins Maul und dann?

Immer wohlgestaltet

Katja Zinsmeister beherrscht ihren Part souverän, aber eine Frau, die von der Welt durch eine gläserne Wand getrennt um ihr Überleben kämpft, bleibt nicht hübsch und wohlgestaltet, selbst die Frisur ist bei ihr nur dekorativ zerzaust. Mit eindrucksvoller Energie setzt Katja Zinsmeister jene Szene um, bei der das Bullenkalb sowie der vertraute Hund „Luchs“ getötet werden und sie den eingedrungenen Mann liquidiert. Aber so richtig nimmt man dieser Frau nicht ab, was sie tut und durchleidet.

Schließlich fällt die Gazewand zu den Zuschauern. Die Schauspielerin setzt sich in die Reihen, sucht den Kontakt, flüstert, lächelt und beschreibt sinnlich nachvollziehbare Erlebnisse wie das „Bad“ in wilden Himbeeren. Ist jetzt die „Wand in uns allen“ gemeint?

Regisseur Dittrich lässt nun die zweite Fläche hin zum Zuschauerraum öffnen. Drei Scheinwerfer leuchten allen in die Augen, ein Weltraum, grau und unendlich. Die Frau schreitet stumm hinein wie eine klassische Tragödin und löst sich auf. Ein gelungenes Bild. Der Anfang vom Ende? Man weiß es nicht. Applaus für die Leistung des Ensembles, das sich medial viel hat einfallen lassen, um das Unsagbare in Bilder zu bannen. Dennoch ratlose Gesichter.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert