Aachen - „Die verkaufte Braut“: Und zum finalen Kuss rieselt das Konfetti

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„Die verkaufte Braut“: Und zum finalen Kuss rieselt das Konfetti

Von: Armin Kaumanns
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Wo laufen sie denn? Keith Bernard Stonum, Sanja Radišić, Pawel Lawreszuk und Woong-jo Choi (von links) gehören zu dem famosen Ensemble, das Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ auf die Bühne im Theater Aachen bringt. Foto: Wil van Iersel
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Vorehelicher Disput: Camille Schnoor und Chris Lysack. Foto: Wil van Iersel

Aachen. „Die verkaufte Braut“ handelt von (mindestens) einer großen Liebe, einem bauernschlauen Liebhaber, einem überschlauen Kuppler und einer jungen Frau, die lernen muss, dass man sich auf die Treue der Männer bisweilen doch verlassen kann.

Man könnte auch sagen: Bedich Smetana hat in seiner hitverdächtigen komischen Oper die Spießigkeit seiner böhmischen Landsleute freundlich auf die Schippe genommen und von einer besseren Welt geträumt.

Am Theater Aachen kann man das alles sehen und hören, weil die junge französische Regisseurin Béatrice Lachaussée das Ensemble nicht in Schützengräben oder Schlachthöfe führt, sondern aufs Land, wo die Handlung auch ursprünglich verortet ist. Die handelnden Personen sind vielleicht ein wenig überkandidelt, aber Menschen wie du und ich. Und die Musik ist auch toll, denn zusammen mit dem vom Ersten Kapellmeister Justus Thorau geleiteten Sinfonieorchester Aachen, das schon zur schnurrigen Ouvertüre sehr frisch zu Werke geht, agiert ein gutes Solistenensemble und ein spiel- und sangesfreudiger Opernchor.

Thorau kann sein Orchester zum Musizieren auf der Stuhlkante animieren. Nie hat man den Eindruck, dass das Glück der Sänger durch zu laute oder unnachgiebige Töne aus dem Graben gefährdet sein könnte. Im Gegenteil. Der famose Eindruck der Ouvertüre hält bis zum Schlussakkord. Das ist nur einer der vielen positiven Eindrücke des Abends.

Birkenholz und Begonien

Dem Premierenpublikum hat diese „Verkaufte Braut“ über die Maßen gut gefallen. Vielleicht, weil die Blicke der Regie auf die politischen und philosophischen Abgründe des Stücks eher nebenher geschehen. Hier dudeln sextenselig die Klarinetten, dort wirbelt der Furiant, am Ende rieselt wie Schnee ein Konfettiregen auf den Kuss der glücklich vereinten Liebenden. Und für den Sympathieträger dieser Inszenierung, den um sein Glück geprellten, tapsigen Vašek, hält das Produktionsteam ein ganz besonders zauberhaftes Schlussbild bereit.

Dabei ist Smetanas böhmisches Dorf von Bühnenbildnerin Dominique Wiesbauer in eine Art überzeitlichen Birkenwald verlegt, der von Menschen bevölkert ist, die Nele Ellegiers in Kostüme der 50er Jahre gekleidet hat. In die Zeit unserer oder unserer Eltern Jugend hat das Regieteam die Geschichte gerückt. Eng, aber heimelig. Birkenholz umfriedet die Bretterbühne, rote Begonien konvenieren mit Jäckchenkleidern, Haarspray-Locken und Trachtenhüten. Hosenträger, Gamsbart, Kniebundhose.

Béatrice Lachaussée legt Wert auf authentische Charaktere. Dazu veranstaltet sie schon zur Ouvertüre ein (bisschen übertrieben) animiertes Defilee der Landbevölkerung, aus der sich die Familien des Krušina und des Micha hervortun. Jorge Escobar und Irina Popova dürfen die um eine lukrative Ehe ihres Sohnes Vašek verlegenen Eltern ebenso komödiantisch überdreht spielen wie Pawel Lawreszuk und Sanja Radiši die Eltern der süßen Marie.

Die steckt in einem rosafarbenen, ärmellosen Kleid und steigt schon zur Ouvertüre mit ihrem Jenik vom Heuboden herab. Wunderbar, wie Chris Lysack dem jungen Burschen das Verschmitzte seines Charakters unterjubelt, herzerfrischend, wie natürlich Camille Schnoor die später verkaufte Braut spielt. Beide singen famos, Lysack wünschte man sich bei aller Strahlkraft bisweilen lyrischer, Camille Schnoor, die in der kommenden Saison an den Münchner Gärtnerplatz wechselt, gewinnt ihrem überaus musikalisch geführten Sopran immer weitere glühende Klangfarben ab.

Beider Spiel ist sowohl im vorehelichen Disput so glaubwürdig wie im vom roten Luftballon überhöhten Liebestaumel. In die Reihe der großen Partien fügen sich mit bewundernswerten Leistungen als Kuppler Kezal Woong-jo Choi mit seinem großen, fokussierten Bariton und der Vašek von Keith Bernard Stonum ein, der den tapsigen Stotterer nicht nur köstlich naiv spielt, sondern mit einer wunderbar lyrischen Stimme zum Blühen bringt. Er wird am Ende von Applaus förmlich überschüttet.

Langweilig oder banal wird – bei aller Ungekünsteltheit – eigentlich nichts bei dieser Inszenierung. Und das trotz einer Sprache, die reichlich gestoppelt das Tschechische ins Deutsche übersetzt. Das Theater hat sich für die von Smetana autorisierte deutsche Textfassung von Emanuel Züngel entschieden, die zwar weniger frei mit der Vorlage umgeht als die seit den 50ern populären Übersetzungen, aber doch recht holprig daherkommt. Beklemmend bleibt eine alptraumhafte Sequenz in Erinnerung, in der die Dorfbewohner Marie gewalttätig ausgrenzen.

Das Blumenballett des Chores ist köstlich, der Auftritt der Zirkustruppe im Schlussakt poetisch, fantasievoll und überdreht. Manche Szenen sind in geradezu magisches Licht getaucht, für das Dirk Sarach-Craig verantwortlich zeichnet. Man merkt dem gesamten Team auf der Bühne und im Graben an, dass der Spaß an der eigenen Leistungsfähigkeit beflügelt. Das ist schön zu sehen.

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