Die Vergessenen des Nahost-Konflikts

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
10385477.jpg
Vom Arbeitsplatz in Aachen zurück nach Israel: Der Palästinenser Wisam Zureik startet seine Dreharbeiten im August. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Pritschen, Baggern, Schmettern, Heulen – das hat Wisam Zureik zuletzt durch die Kameralinse beobachtet, für seine gefeierte Dokumentation „Eine Hand am Pokal“ über Aachens Bundesliga-Volleyballerinnen „Ladies in Black“.

Jetzt widmet sich der 29-Jährige härteren (Schicksals-)Schlägen. Mit seinem neuen Projekt möchte der Filmemacher die Blicke auf eine Minderheit lenken, die er in den Debatten über den Nahost-Konflikt vermisst: die Palästinenser, die in Israel leben und mit täglicher Diskriminierung zu kämpfen haben.

Für Wisam Zureik ein Lebensthema. Als Palästinenser, der in Israel geboren ist, kennt er die „Hassblicke“, wenn er etwa beim Telefonieren im Bus nicht Hebräisch, sondern Arabisch spricht. Er ist einer von rund 1,5 Millionen Arabern mit israelischem Pass, Nachkommen der Palästinenser, die im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 nicht geflohen sind oder vertrieben wurden. Oder von israelischen Soldaten umgebracht wurden, wie die 14 jungen Männer in seinem Heimatdorf Eilaboun, darunter sein Onkel, erzählt Zureik.

Seine Familie kehrte bald nach der Flucht zurück, aber nicht alle durften mit. Er selbst verließ Israel und kam vor zehn Jahren nach Aachen. Sein Informatikstudium hat er inzwischen für das Filmen aufgegeben. Schon in der Doku „Woher kommst du?“, seiner Abschlussarbeit als Mediendesigner an der Rheinischen Fachhochschule in Köln, stellte er sich die Frage nach Identität – mit sich selbst im Mittelpunkt. Nun greift er das Problem wieder auf, möchte sich als Filmemacher aber zurückhalten.

Vier Protagonisten, die sich im israelischen Staat als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen, will er durch ihren Alltag begleiten – im Stil des „Direct Cinema“, mit Schulterkamera nah dran am Geschehen, ohne Kommentare aus dem Off. „Die arabisch-palästinensischen Bürger Israels bilden 20 Prozent der Bevölkerung, und sie besitzen nicht einmal drei Prozent des Landes“, nennt Zureik ein Beispiel für ihre Benachteiligung. Einbürgerung oder Familienzusammenführung sind weitere komplexe Themen, denen die Vier ein Gesicht geben sollen.

Da ist der 17-jährige Noman, der in einem der nicht anerkannten arabischen Dörfer im Süden Israels lebt – ohne Strom, Straßen, Schulen. Da ist die 70-jährige Gamileh, deren Sohn nach ihren Angaben im grünen Shirt des Friedensvereins „Seeds of Peace“ bei einer Demo von israelischen Polizisten geschlagen und erschossen wurde. Da ist der 40-jährige Taisier, dessen palästinensische Ehefrau aus dem Westjordanland nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhält, also in Israel nicht arbeiten oder Auto fahren darf. Und da ist die 23-jährige Maisa, die mit Rap und Hip-Hop gegen Unterdrückung kämpft.

Und die andere Seite? Auch Juden sollen zu Wort kommen, sagt Zureik. Aber ausgeglichen werde sein Film nicht. „Der Konflikt ist nicht ausgeglichen!“ Wer Täter ist und wer Opfer, ist für ihn eindeutig. Doch er betont: „Meine Kritik richtet sich nicht gegen Juden, sondern gegen die israelische Regierung.“ Also gegen das rechts-religiöse Bündnis von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Manche Produktionsfirma, der er seinen Plan vorstellte, habe mehr positive Bilder gefordert. Ein Happy End lasse sich besser verkaufen. „Aber das ist nicht die Realität!“, sagt der Filmemacher. Doch Wisam Zureik ist kein zerknirschter Miesepeter, sein strahlendes Sportlerlächeln wirkt nicht aufgesetzt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt er. Und das bezieht er nicht nur auf die Lage der arabischen Israelis und den festgefahrenen Nahost-Friedensprozess, sondern auch auf die Finanzierung seines Films.

Mit einer Crowdfunding-Kampagne über die Internet-Plattform Startnext sammelt er Spenden für die Doku, die den wenig knackigen Arbeitstitel „Marginalisiert“ trägt. 9000 Euro braucht er für den Anschub, rund 6000 Euro hat er schon zusammen, sagt Zureik. Zudem bemühe er sich um eine Förderung der NRW-Filmstiftung.

Spenden-Kampagne bis 13. Juli

Bis Montag, 13. Juli, läuft die Spenden-Kampagne. Ein ganz besonderer Tag für Wisam Zureik: Dann wird er 30 und fliegt „nach Hause“, zu seiner Familie nach Eilaboun. Schon im August will er dann nach Israel zurückkehren, zum Start seiner Dreharbeiten. Der Flug ist schon gebucht. Wisam Zureik ist ja Optimist.

Sein Ziel: die Dokumentation 2017 auf Festivals und in Kinos zu zeigen. Seine Vorhersage: „Dann wird mein Film leider noch aktuell sein.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert