Die „Supermarket Lady“ wird bald 3D-gedruckt

Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
14962803.jpg
Scanvorgang mit der Spezialkamera: Dominik Sibbing (links) und Kersten Schuster vom Visual Computing Institute der RWTH Aachen, an dem auch Professor Leif Kobbelt lehrt, vermessen die Skulptur „Supermarket Lady“ von Duane Hanson für einen 3D-Druck. Foto: Michael Jaspers
14962808.jpg
Verbinden Wissenschaft und Kunst: Professor Leif Kobbelt (links) und der Leiter des Ludwig Forums, Andreas Beitin, mit der „Supermarket Lady“.

Aachen. Ihr Hüftschwung ist wie gemacht für die Aufgabe, die ihr zugedacht ist. Großflächig genug und kompakt, nicht zu kleinteilig und ohne Glitzer. Im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst haben gestern Leif Kobbelt, Aachens bekanntester RWTH-Informatiker, und seine Mitarbeiter Aachens berühmtestes Kunstwerk, die „Supermarket Lady“ von Duane Hanson, gescannt.

Sie haben sie mit einer Kamera, die auch die Tiefenwerte aufnimmt, komplett vermessen.

Wüsste die Lady, was auf sie zukommt, würde vielleicht ein bisschen Glanz in ihren müden Augen erstrahlen. Fast jeder kennt sie – in Aachen sowieso, wo sie die meiste Zeit im Ludwig Forum zu sehen ist: Mit hellblauen Hausschluppen an den Füßen und den Lockenwicklern in den Haaren schiebt sie einen Einkaufswagen vor sich her, der bis über den Rand gefüllt ist mit Fastfood-Produkten.

„Geometry Lab“

Auch fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen hat Hansons Konsumkritik nicht an Aktualität eingebüßt – und auch nicht an Präsenz. Man hört immer noch förmlich das Schlurfen, mit dem sie durch die Supermarktgänge läuft. Die Plastik ist das perfekte Kunstwerk, um publikumswirksam zu zeigen, wie nah sich Kunst und Wissenschaft mitunter kommen. Und so haben sich Leibniz-Preisträger Leif Kobbelt und der Leiter des Ludwig Forums, Andreas Beitin, unter dem Label Future Lab Aachen eine Aktion ausgedacht, die im Herbst in das „Geometry Lab“, ein 3D-Festival im Ludwig Forum, mündet.

„Geometrie und Kunst haben ganz viele Berührungspunkte. Künstler denken oft wie Wissenschaftler und umgekehrt. Immer mehr Kunst wird auch am Computer erzeugt“, sagt Leif Kobbelt und erinnert sich an eine 3D-Aktion mit Tim Berresheim im vergangenen Jahr, bei dem er mit dem Künstler Gespräche auf wissenschaftlichem Niveau geführt habe. „Berresheim legt viel Wert darauf, dass er seine Kunstwerke korrekt berechnet.“

Es ist ein hochaktuelles Thema: Digitalisierung macht vor der Kunst nicht halt. Aber neu ist das Thema auch für diesen Bereich nicht, wie Andreas Beitin betont: „Künstler haben sich für ihre Werke schon immer mit Geometrie beschäftigt“, sagt er und erinnert an das Universalgenie Leonardo da Vinci und seine physikalisch und geometrisch genauen Studien, an die Theater der griechischen Antike, die bereits perspektivische Bühnenbilder hatten oder an die von Albrecht Dürer geschaffene Maschine zum Zeichnen der Perspektive.

Keine Replik der Plastik

Wie detailgenau die Supermarketlady dann im Herbst letztlich ausgedruckt vor den Besuchern steht, kann man jetzt noch nicht genau sagen. Klar ist, dass es keine Replik der Plastik sein wird. Auch, ob sich tatsächlich die filigranen Lockenwickler und die fast bis zum Filter gerauchte Kippe eins zu eins abbilden lassen, ist noch nicht raus. „Aber sie wird schon zu erkennen sein“, deutet Andreas Beitin an.

Apropos Lockenwickler: Sie sind eine ganz andere Baustelle des Ludwig Forums, die aber auch vom 3D-Druck profitieren könnte. Schon bei der letzten Restaurierung der Hanson-Lady 2003 waren die Restauratorinnen des Ludwig Forums, Julia Rief und Christina Sodermanns, auf der Suche nach den rosafarbenen 70er-Jahre-Lockenwicklern, die die „Supermarket Lady“ auf dem Kopf trägt.

Damals starteten die beiden sogar einen Zeitungsaufruf, um Nachschub zu bekommen. „Aus Kreuzau und aus Urugay trafen dann tatsächlich einige Lockenwickler bei uns ein“, erzählt Sodermanns. Die Chance auf weitere Wickler nehme natürlich mit jedem Jahr ab, ergänzt Rief. „Schließlich sterben die Frauen, die in den 70ern diese Lockenwickler benutzt haben, langsam aber sicher aus.“ Seit dem 3D-Druck sieht man dem Ende der originalen Wickler ein Stück weit gelassener entgegen.

Selbst bei der besten Planung gibt es sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft nicht berechenbare Ereignisse. Sollte sich die „Supermarket Lady“ auf den letzten Drücker ihrem Nachdruck verwehren, haben Kobbelt und Beitin eine andere Dame in petto, die die Institutsmitarbeiter der Informatik gestern gleich mitgescannt haben. Eine Skulptur des Künstlers Jim Dine „The Field of the Cloth of Gold“. Die Venusskulptur aus den Jahren 1987/88 ist zwar nicht ganz so bekannt wie die Lady, dafür aber knapp zwei Meter groß.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert