Die Schwerter blitzen und die Zombies singen

Von: Hermann-Josef Delonge
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Verzweiflung und Ekstase: Felix Strüven als Hamlet, im Hintergrund der versammelte Königshof von Dänemark. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Hamlet lebt. Und er sitzt sogar auf dem Königsthron. Um ihn herum nur Leichen – er hat einiges dazu beigetragen, dass es so viele sind. Und dann, als wäre das alles noch nicht genug: ein brutaler Kindsmord, ausgeführt beiläufig und ohne mit der Wimper zu zucken.

Doch hat Hamlet das finale Gemetzel tatsächlich überlebt? Oder ist das nur die Wahnvorstellung dieses Prinzen der Dänen, der – gefangen in einer gnadenlosen Gewaltspirale – zuerst die Orientierung und dann den Verstand verloren hat? Der zum Zombie geworden ist? „Der Rest ist Schweigen“ – bei der Klärung der letzten Fragen hilft dieser Schlusssatz auch nicht weiter.

Viel Theater im Theater

Regisseurin Christina Rast hat Shakespeares fast zu Tode gespieltes Drama (in der schnörkellosen Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch) in Aachen als Achterbahnfahrt eines jungen Mannes inszeniert, der sich unter der Last des Auftrags, seinen toten Vater zu rächen, von einem intellektuellen, ironischen Spieler zu einem Amokläufer entwickelt – bis hin zur Schlussszene, in der – anders als bei Shakespeare – auch noch der hier wirklich außerordentlich junge Norweger-König Fortinbras dran glauben muss.

Es geht also reichlich düster zu am Hofe des Königs von Dänemark. Lucia Becker hat dafür eine schwarze, tiefe und fast leere Bühne aus Holzbrettern gebaut. Dazu rote, barocke Samtvorhänge und ein paar Stühle – es wird viel Theater gemacht in diesem Welttheater. Hamlet zum Beispiel: Immer wieder greift er zum Textbuch, um sich seiner Rolle in diesem Spiel um Rache, Überforderung, Machtgeilheit und Wahnsinn zu vergewissern.

In schwarzer Lederhose und mit störrischer Locke im Gesicht (Kostüme: Sigrid Brüninghoff) dekliniert Felix Strüven mit vollem Körpereinsatz die Verwandlung vom kindsköpfigen Rebell, den der Racheauftrag des (Über-)Vaters überfordert, zum wütenden Racheengel durch, der wortwörtlich über Leichen geht und dafür schließlich auch Ophelia kalt opfert. Den Geist des Vaters spielt Thomas Hamm als aus der Zeit gefallenen, müden und zynischen Krieger, der den mörderischen Gang der Geschichte, der von Malcolm Kemps atmosphärischer Musik nachhaltig akzentuiert wird – stumm auf der Bühne mitverfolgt.

Rasts Bemühen, der Geschichte psychologisch auf den Grund zu gehen, rückt die Frauenfiguren stärker in den Fokus; deshalb ist es besonders schade, dass beide manchmal nur sehr schlecht zu verstehen sind. Emilia Rosa de Fries zeigt Ophelia als ein Girlie in Lederjacke, das sich mit großen Kopfhörern vor der Welt abschottet und seinen Widerstandsgeist eher am Bruder Laertes (Robert Seiler als Streber mit Krawatte) ausprobiert als am Vater Polonius, einem gegelten Vollstrecker der Macht in Anzug und mit Aktenordner unterm Arm (eine Paraderolle für Karsten Meyer). Wie Hamlet sucht auch Ophelia einen Platz im Leben; in einer der wenigen Szenen, in denen so etwas wie Liebe durchschimmert, teilen sie den Text: „Sein oder Nichtsein“. Letztlich gehen beide auch an ihren Vätern zu Grunde.

Elisabeth Ebelings Gertrud ist eine Königin im weißen, elisabethanischen Brautkleid, die im Hintergrund die Fäden zieht – kein Opfer, eher Mitwisserin. Doch als Hamlet sie in ihrem Schlafzimmer zur Rede stellt, ist auch ihr Spiel vorbei: Der Vorhang fällt, die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Die Brautkleid-Rüstung der Königin hängt am Haken; als Hamlet sie hineinpressen will, droht sie zu ersticken. Ein Höhepunkt der Inszenierung. Gertruds Beziehung zum wesentlich jüngeren Claudius, dem Bruder des toten Königs, hat weniger mit sexueller Anziehung als mit Machterhalt zu tun. Tim Knapper gibt ihn als pragmatischen Realpolitiker im Norwegerpullover, dessen aufgesetzte Jovialität zerbricht, als es ihm an den Kragen geht.

Die Schlussszene, in der sich die Leichen türmen, spitzt Rast effektvoll zu. Die Totengräber sind Zombies in Gestalt der toten Polonius, Rosencrantz und Guildenstern (Torsten Borm und Rainer Krause sind als kiffende, dosenbiertrinkende Hänger die Idealbesetzung), die den knackigen Fechtkampf zwischen Hamlet und Laertes mit Leonard Cohens „Hallelujah“ zur Klampfe konterkarieren – das Kunstblut spritzt, und Gertrud tanzt dazu mit der auch schon verschiedenen Ophelia einen somnambulen Totentanz.

Eine Szene, die in Erinnerung bleibt. Doch nicht alle Bilder, die Rast gefunden hat, haben Intensität und Dichte. Nach der Pause fehlt der Inszenierung die Stringenz – nicht nur, weil sich die Ereignisse überschlagen. Das Publikum bedankt sich nach den knapp drei Stunden mit Ovationen – vor allem und völlig verdient beim Ensemble, auch bei der Regisseurin und ihrem Team.

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