Aachen - Die Schönen der Nacht und das marode Bordell

Die Schönen der Nacht und das marode Bordell

Von: Grit Schorn
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Ein Augenblick im Bordell: Elena Lorenzon, Kristina Gorjanow, Franziska Holitschke, Patricia Rabs, Karen Lauenstein (von links) bei der Premiere von „Rinnsteinprinzessin” im Das Da Theater. Foto: Das Da Theater

Aachen. Schon der große Romancier Guy de Maupassant erwies patriotischen Freudenmädchen seine Reverenz. In seiner Novelle „Mademoiselle Fifi” wehrt sich die schöne Rachel gegen einen betrunkenen preußischen Major, der Frankreich und seine Frauen verunglimpft.

Sie ersticht ihn kurzerhand mit einem kleinen Tafelmesser und entkommt ins Dunkle der Nacht. Um Patriotismus und die Schönen der Nacht geht es auch in Maren Duponts Musical „Rinnsteinprinzessin”, das sie - eigens für das Theater an der Liebigstraße - gemeinsam mit Anja Mathar verfasst hat.

Nichts als ein Zuhälter

Locker an Lieder von Edith Piaf angelehnt, wird phantasievoll die Geschichte von Madame Billy und ihren Mädchen erzählt. In einem während der 40er und 50er Jahre real existierenden Pariser Bordell, in dem Edith Piaf zeitweise wohnte, begleitet von ihren Musikern, ihrem Liebhaber und einer Halbschwester.

Opulent der Auftakt der Uraufführung: Madame Billy (die es wirklich gab) und ihre vier Mitstreiterinnen, die nicht nur Liebesdienste anbieten, präsentieren glamouröse Auftritte mit Songs wie „Money makes the world go round” (aus „Cabaret”) und tollen Kostümen (Frank Rommerskirchen und Michaela Gabauer).

Eine marode Bordellkulisse hat Frank Rommerskirchen da im Das Da geschaffen, mit Bar, Revuebühne, steilen Wendeltreppen und engen Puppenstübchen. Die Drehtür des Lebens fehlt ebenso wenig wie das Pariser Wahrzeichen, der Eiffelturm, in allen möglichen Variationen. Großartig: Christoph Eisenburg am Klavier (auch musikalische Leitung).

Schicksale will Maren Dupont sichtbar machen, Hurenschicksale, menschliche Angst und Not ebenso wie Mut und Stolz. Das wirkt zuweilen etwas überzeichnet. Edith (Elena Lorenzon) hilft der Rsistance, kann ihrem Vater aber nie den gefallenen Bruder ersetzen. Marisa (Patricia Rabs), die desillusionierte Negerin, ist die Tochter eines reichen Mannes, der ihre Mutter und sie im Stich ließ. Die rothaarige Julie (Kristina Gorjanow) hat ein Kind und versteckt sich vor der Gestapo, weil sie Jüdin ist. Und die naive Marie (Franziska Holitschke) gelangt zur bitteren Erkenntnis, dass ihr Liebster Paul nichts anderes als ihr Zuhälter ist.

Alles etwas zu viel? Eine Prise Johannes Mario Simmel?

Ja und doch nein - wenn man an das Schicksal von Edith Piaf selbst denkt: Straßenmädchen und Straßensängerin, als Kind im Bordell der Großmutter untergebracht, später der strahlende und doch so tief verletzte „Spatz von Paris”, der nach Alkohol- und Drogenexzessen, Krankheit und verlorener Liebe mit 47 Jahren starb.

Mit diesem Blick auf die „Rinnsteinprinzessin” passt dann wieder alles, auch die lebenserfahrene Madame Billy (Karen Lauenstein) und die männlichen, austauschbar angelegten Figuren, die von nur zwei Schauspielern verkörpert werden. Mike Kühne überzeugt in vielen Rollen, so auch als Lude Paul, als SS-Offizier, Mann im Widerstand oder als Gestapo-Mann.

„Nein, ich bereue nichts”

Auch Robert von Marck schlüpft in mehrere Rollen, wird zum Soldaten, Freier oder zu Mylord, eine prächtige Szene um Piafs ironisches Lied herum drapiert. Gelungene Revuen (Choreografie Heike Aretz) und starke Lieder verbinden sich in Tom Hirtz´ straffer Inszenierung mit Szenen aus einem Alltag, der geprägt wird durch die deutsche Besatzungsmacht. Hochdramatisch der Schluss, als die Schönen der Nacht vor SS-Offizieren auftreten und sie verwöhnen sollen. „Nein, ich bereue nichts” („Je ne regrette rien”) ist kein Abgesang, sondern der todesmutige Triumph der patriotischen Freudenmädchen.

Maupassant würde sich über so viel Courage freuen. Für seine Heldin Rachel fand er allerdings ein besseres Schicksal als das von Billy und ihren tapferen Mädchen.

Riesenapplaus für das hauseigene Musical, das danach bei vielen Anlass angeregter Gespräche war.

Bis zum 30. Mai

Das Musical „Rinnsteinprinzessin” im Aachener Das Da Theater, Liebigstraße 9, läuft noch bis zum 30. Mai. Vorstellungen sind immer donnerstags bis sonntags um 20 Uhr (außer vom 1. bis zum 11. April). Karten: 0241/161688.
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