Aachen - „Die Physiker“: Ringen auf der blauen Treppe

„Die Physiker“: Ringen auf der blauen Treppe

Von: Sabine Rother
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Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ hatte im Theater Aachen Premiere. In Hauptrollen (von links) Torsten Borm, Benedikt Voellmy und Karsten Meyer. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Die Köpfe tauchen wie in einem Puppenspiel hoch oben hinter der achten Stufe auf. Was dann über die gigantische, hellblaue Polstertreppe hinunterpoltert und rutscht, ist die Wahrheit in ihren skurrilsten Ausprägungen: Friedrich Dürrenmatts mahnendes Stück „Die Physiker“ hat Christian von Treskow mutig für die Bühne des Aachener Theaters in Szene gesetzt.

Seine Bildsprache ist ungewohnt, schrill, schrecklich deutlich. Er kehrt den Irrsinn nach außen, und da wird es plötzlich wieder sehr spannend, jenes Werk, bei dem Schüler im Unterricht gähnen und das selbst Eltern eher langweilig und schwarzweiß in Erinnerung haben – entsprechen der Versuche, „Die Physiker“ im Film oder im Fernsehen umzusetzen.

Alles Formelhafte bricht von Treskow auf, ohne allerdings den Faden (oder sollte man besser sagen: die Zündschnur) zu verlieren. Er beherzigt dabei Dürrenmatts Aussage „Auf der Bühne können wir etwas durchspielen, was wir in Wirklichkeit nicht durchspielen können“, die man im gut gemachten Programmheft nachlesen kann. Die Aachener Irrenanstalt ist eine riesige Treppe. Sie füllt die Bühne nicht nur in der Fläche, sie wächst auch hoch hinauf. Ein grandioses Gebilde (Ausstattung Sandra Linde, Dorien Thomsen) und die Spielfläche für Akteure, wie sie sich von Treskow wünscht – sportlich und risikofreudig bis zur letzten Zuckung. Doch das blaue Prachtstück ist nicht ohne Risiko und fordert von den Darstellern akrobatische Fähigkeiten. Höhenangst darf da niemand haben.

Der aufgemalte Kreideumriss als Spur eines Mordes lässt vermuten, dass hier Schreckliches geschieht. Irrwitzig und zugleich bis in die Details durchgestaltet sind die Kostüme. Nichts ist von dieser Welt, selbst die Krankenschwestern mit ihren roten Haar-Rollen stecken in seltsamen Einteilern, die Posen aus der künstlerischen Gymnastik zulassen. So rutschen und wanken, kugeln und kriechen die Figuren auf und ab, Insassen der Irrenanstalt, von denen niemand irre ist – nur die Eigentümerin und Chefärztin, und die hat eiskalte, wohldurchdachte Machtpläne.

Dürrenmatts 1962 in Zürich uraufgeführtes Stück hat nichts von seiner Aktualität verloren. In der Hochphase des Kalten Krieges geschrieben, hat sich der misstrauische Blick auf die Verantwortung der Wissenschaft und das Gewissen der Wissenschaftler eher noch verschärft. Atombombe, Waffenentwicklung, Genforschung, digitale Entwicklungen – Begriffe, die erschreckend austauschbar sind.

Von Treskow wählt eine Umsetzung, bei der niemand gelangweilt auf die Uhr schaut – und schon hat er ihn gepackt, den Zuschauer, der plötzlich versteht: Was für ein Wahnsinn! In Darstellern wie Torsten Borm („Newton“), Karsten Meyer („Einstein“) und Benedikt Voellmy („Möbius“) hat er ein spielfreudiges Trio, drei starke Komödianten, die bereit sind, bis an ihre persönlichen Grenzen zu gehen. Eindrucksvoll zugleich die stillen Momente, in denen Voellmy, der die Rolle zur Premiere kurzfristig vom verletzten Philipp Manuel Rotkopf recht übernommen hat, wie ein trauriger Pierrot in die Ferne starrt.

Die „Weltformel“ geistert in seinem Kopf herum, die Frage, ob es etwas gebracht hat, sich einsperren zu lassen, damit sie nicht in falsche Hände kommt. Hat es nicht, denn der Irrsinn kommt von draußen herein. Wie eine Figur aus E.T.A Hoffmanns Gruselgeschichten der Romantik erscheint Kriminalinspektor Voß in einer Art Fischerhose mit langem Mantel. Jonas Eckert gibt ihm dämonische Komik, ein clownesker, lauernder Charakter.

Elke Borkensein gibt der Ärztin und Anstaltsbesitzerin Mathilde von Zahnd eine surreale Eleganz. Souverän zischt sie ihre Befehle, jederzeit überzeugt davon, dass ihr Machtspiel gelingt, sie die Trottel um sich herum überflügelt. Das verlangt eine besondere Frauenpersönlichkeit, die diese Schauspielerin hat. Bei aller bunten Turbulenz bleibt die Stoßrichtung des Stücks klar erkennbar. Da greift von Treskow auch mal tief in den Theaterfundus.

Der Klamauk schweigt

Burlesk etwa die Szene mit einer aufgezwirbelten Nele Swanton als Möbius’ Exfrau Rosa und den schrecklichen drei Söhnen oder die wiederholten Zwischenspiele mit dem wandlungsfähigen Marco Wohlwend als Oberschwester Marta Boll sowie Luana Bellinghausen als liebestolle Schwester Monika. Doch im richtigen Moment schweigt der Klamauk, wird die Szene ruhig, ernst, bündelt die Regie die Gedanken. Noch hat man die dröhnenden Aktionen im Kopf, durchzogen von Violin- und Klaviermusik (Uwe Böttcher, Mathis Groß). Das verstärkt die Wirkung. Die Lage ist ernst, die Protagonisten gestehen einander ihre Identität – zwei Agenten und ein Wissenschaftler – gescheitert und überlistet, in Schach gehalten von aufgeblasenen Muskelkerlchen.

„Die Physiker“ in Aachen – das sind 100 kurzweilige, pralle Minuten, die Christian von Treskows Freude am Spiel mit allen komödiantischen Ausdrucksformen und zugleich seinen tiefen Ernst im Blick auf die Thematik beweisen. Die Mitglieder des Ensembles, die vielfach mehrere Rollen zu spielen haben, zeigen sich extrem wandlungsfähig. Und der Schluss? Ein aufmunterndes „Kopf hoch“ gibt von Treskow seinem Publikum nicht mit, im Gegenteil. Die Protagonisten hängen „Kopf unter“ in der Treppe, das Licht verlischt. Verdienter großer Applaus.

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