Die Parole im Theater Aachen: „Raus aus der Komfortzone!“

Von: Eckhard Hoog und Hermann-Josef Delonge
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Überraschungspost für alle Theaterfreunde: Verwaltungschef Udo Rüber, Aachens Kulturdezernentin Susanne Schwier, Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck, seine Stellvertreterin Inge Zeppenfeld, Generalmusikdirektor Kazem Abdullah und Bas Schoonderwoerd, Direktor des Parkstad Limburg Theaters (von rechts), präsentieren das neue Spielzeitheft. Foto: Harald Krömer

Aachen. Europa, die Krisen, Anschläge in Paris und Brüssel, „die bedrückende Situation“ eines ganzen Kontinents – das alles macht auch vor dem Theater Aachen nicht Halt. Wenn dem Spielplan der kommenden Saison auch kein Motto vorangestellt wird – ein Anliegen treibt Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und seine Stellvertreterin, Schauspiel-Chefin Inge Zeppenfeld, aber dennoch deutlich an.

Schwerpunkte: Ganz nah ran an die Wirklichkeit will das Theater. Das gesamte Programm ist geprägt von der Parole „Raus aus der Komfortzone“. Engagement ist gefragt, kein utopieloser Pragmatismus, hinter dem man sich bequem wegducken kann. Höhepunkt dieser Linie ist „Ein abendfüllender Protestsong in 3D“ unter dem Titel „Nicht mit uns! Zauberland ist abgebrannt“.

Gedacht ist an ein „musikalisches Ausrufezeichen gegen Denkfaulheit und unproduktives Klopfen rechtspopulistischer Sprüche“, das vom Publikum nach Kräften mitgestaltet wird, hofft Zeppenfeld. Und auch im Musiktheater geht es um das große gesellschaftliche Ganze, das sich in privaten Konflikten spiegelt.

Und los gehte_SSRqs: Ein Musical steht wieder am Anfang: Jerry Bocks „Fiddler on the Roof“, hier besser bekannt als „Anatevka“. Ob das Theaterfest zum Spielzeitstart wieder ausfällt, ist noch nicht geklärt. Man suche nach neuen Formaten, sagt der Generalintendant.

Uraufführungen: Viereinhalb stehen in der kommenden Spielzeit unter diesem Label. Zwei haben einen derart starken Projektcharakter, dass es bislang nur Arbeitstitel gibt: der Protestsong-Abend im Großen Haus und „Eine Handvoll“, ein Abend im Mörgens über die Mechanismen der Manipulation, mit Schülern und jungen unbegleiteten Flüchtlingen.

Ebenfalls im Mörgens: eine Live-Hörspielserie unter dem vielversprechenden Titel „Nekropolis“, das Eike Hannemann von der Gruppe Zombiestoff auf die Bühne bringt. Als Kooperation mit örtlichen Vereinen und Initiativen kommt das Projekt „Face2Face“ auf die Bühne der Kammer – mit viel Tanz, Musik, Bewegung und dem ganz anderen Blick, den junge Flüchtlinge auf die Stadt haben. Als halbe Uraufführung gehen die „Känguru-Chroniken“ durch, die der Autor Marc-Uwe Kling gerade fürs Theater einrichtet – mit Kultpotenzial.

Regisseure: Viele bewährte Kräfte inszenieren wieder in Aachen, aber es gibt auch ein paar neue Namen am Regiepult: Robert Seiler zum Beispiel, der bis 2013 Mitglied im Schauspielensemble war („Tschick“!) und nun für den Manipulationsabend verantwortlich zeichnet. Oder Matthias Fuhrmeister, der die „Kanguru-Chroniken“ im Mörgens aufblättert.

Er steht derzeit selbst im Gorki-Stück „Wassa Schelesnowa“ auf der Bühne, als Regisseur kennt man ihn aus dem Aachener Theater K. Außerdem: der gebürtige Hamburger Tobias Heyder mit Verdis „Macbeth“ . Auch der Regisseur von David Greigs „Monster“ soll sein Debüt in Aachen geben. Keinen Regisseur braucht „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ des jungen Iraners Nassim Soleimanpour.

Interaktivität: Davon lebt irgendwie auch Soleimanpours Stück, das auch keine Proben braucht. Sondern nur eine Person auf der Bühne, die einen ihr unbekannten Text liest. Die Darsteller wechseln in der Vorstellung – es sollen nicht immer Profis sein. Oder Tim Etchells „Quizoola!“ mit lauter Fragen – und nicht festgeschriebenen Antworten.

Kein Abend soll wie der andere sein. Parallel zu den Proben von David Greigs „Die Ereignisse“ soll sich ein Chor zusammenfinden, der in die Inszenierung von Ludger Engels eingebunden wird. Und selbst bei Tschechows „Der Kirschgarten“ mischt das Publikum mit. Denn irgendwann sollen irgendwo in Aachen ein paar frisch gepflanzte Kirschbäume stehen. Theaterkunst eben, die Zeichen setzen soll.

Wiederaufnahmen: Der Dauerbrenner „West Side Story“ ist nicht mehr dabei, dafür, als einziges „dickes Brett“ der ablaufenden Saison, Christina Rasts „konzentrierte“ Version der beiden Teile von Goethes „Faust“ auf der großen Bühne. Dann natürlich von Schirachs „Terror“ inklusive Zuschauerbefragung sowie Ingrid Lausunds spaßig-bitterer „Benefiz“-Abend und Jost Vrouenraets Tanzstück „Pandorra“, alle in der Kammer.

Personal: Markus Weikert wird das Schauspielensemble verlassen; Chris Lysack, Camille Schnoor und die Stipendiatin Suzanne Jerosme verlassen das Musiktheater. Jerosme wird allerdings als Gast singen und ab der übernächsten Spielzeit fest zum Ensemble gehören. Der Tenor Alexey Sayapin wird für Lysack als regelmäßiger Gast im Musiktheater zu erleben sein. Die Theaterpädagogik bekommt mit Lisa Klingenberg Verstärkung.

Das Weihnachtsmärchen: Der kleine Bauernsohn Trenk Tausendschlag will ein Ritter werden und zieht mit seiner Freundin Thekla in die Welt hinaus . . . Kirsten Boies abenteuerliche Rittergeschichte ist in der Weihnachtszeit das Angebot für die jüngsten Zuschauer.

Kooperation: Der Tanz hält – quasi – wieder Einzug am Theater Aachen: Partner ist das Parkstad Limburg Theater Heerlen/Kerkrade, namentlich dessen Direktor Bas Schoonderwoerd, mit einem Angebot von vier Tanzproduktionen von Kompanien aus den Niederlanden, Heidelberg und Marseille. Die gehen im Theater Heerlen über die Bühne, aber für das Aachener Publikum wird exklusiv ein Bus-Shuttleservice eingerichtet. Dafür kommen niederländische Gäste in Aachen auf gleiche Weise leichter in den Genuss von zwei Musiktheaterproduktionen. Je zwei Sinfoniekonzerte werden ebenfalls so grenzüberschreitend präsentiert.

Programmhefte: Neuer Inhalt, neues Format – in DINA5-Größe findet sich in drei Heften das Programm versammelt: Musiktheater/Schauspiel, Konzert, Preise und Abo-Service. „Das Konzertpublikum ist anders als das Theaterpublikum“, erklärt der Intendant.

Zahlen und Preise: So übersichtlich wie noch nie stellt sich auf sechs Seiten das Abo-Angebot dar. Das Erfreuliche dabei: Die Preise sind geblieben! Und das, obwohl der Wirtschaftsplan noch gar nicht steht. Kann er noch nicht: Verwaltungschef Udo Rüber und Kulturdezernentin Susanne Schwier verweisen darauf, dass die Stadt insgesamt und auch für das Theater noch nicht endgültig geklärt hat, wie mit den Tariferhöhungen umgegangen werden soll. Der Gesamtetat soll wieder bei 22 Millionen Euro liegen. Und noch eine erfreuliche Zahl: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird in dieser Saison wieder das Zuschauerergebnis der letzten Spielzeit erreicht: 162 000 Zuschauer.

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