Aachen - Die Oper „Powder Her Face“ bietet nicht nur Anzüglichkeiten

Die Oper „Powder Her Face“ bietet nicht nur Anzüglichkeiten

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Glanz und Elend: Das aufregende und „skandalöse“ Leben der Duchess of Argyll – hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1938 – diente dem Komponisten Thomas Adès als Grundlage für die Oper „Powder Her Face“, die am Sonntag im Theater Aachen Premiere feiert. Foto: imago/United Archives International
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Elisabeth Ebeling (links) und Eva Bernard privat. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Nein, ein Skandal wird der Abend nicht, meinen die Sängerin Eva Bernard und die Schauspielerin Elisabeth Ebeling. Beide gemeinsam spielen die Hauptrolle in der Oper „Powder Her Face“ des Engländers Thomas Adès, die ab kommenden Sonntag im Aachener Theater zu erleben ist.

Das 1995 uraufgeführte Musiktheaterwerk hat durchaus einige Anzüglichkeiten zu bieten – inklusive auskomponierter Sexszenen. Alles dreht sich um Glanz und Elend einer Herzogin.

Das historische Vorbild, die Duchess of Argyll, hatte angeblich 88 Liebhaber, darunter Filmstars und Minister. Nach Sex-Selfie-Skandal (damals noch mit Polaroids) und Scheidungsprozess verlor sie 1963 Ehemann und Adelstitel, und die britische Boulevardpresse beschimpfte sie als „Dirty Duchess“. Wie nähern sie sich dieser heiklen Rolle? Das erzählen Eva Bernard und Elisabeth Ebeling unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

 

Tja, meine Damen, wir müssen über Sex reden. Diese Oper lässt einem keine andere Wahl.

Elisabeth Ebeling: (leicht gelangweilt) Na ja, ach Gott, Sex . . .

Eva Bernard: Es gibt schon noch ein paar andere Themen in der Oper.

Ebeling: Einsamkeit, Verrat, Betrug.

Bernard: Liebe, Altern, Würde.

 

Okay, aber die Hauptfigur, die Sie beide spielen, ist eine „sexuell unersättliche“ Herzogin. Wie haben Sie reagiert, als das Aachener Theater Ihnen diese Rolle anbot?

Ebeling: Ich habe mich gefreut! Endlich darf ich mal wieder in einer Oper mitspielen. Schon als ganz junge Schauspielerin in Bremen habe ich damit angefangen, da hat Klaus Michael Grüber Bergs „Wozzeck“ auch mit Sängern und Schauspielern doppelt besetzt. Ich darf jetzt zwar nur drei Sätze sagen, aber ich wurschtel die ganze Zeit über die Bühne. Und mit Musik zu arbeiten, ist einfach wunderbar! Man kann viel mehr Bilder entwickeln als im Sprechtheater.

Bernard: Anders als Elisabeths Rolle, die von Regisseur Ludger Engels hinzuerfunden wurde, ist meine ja komponiert. Die Partie ist musikalisch sehr schwer – sehr hoch und sehr tief, immerzu rauf und runter. Als ich das Angebot bekam, musste ich daher erst mal ein bisschen nachdenken. Stimmlich ist das für mich eine große Herausforderung.

 

Ja, der Komponist Thomas Adès greift tief in die Trickkiste. Wie charakterisieren Sie seine Musik?

Ebeling: Sie beschreibt wunderbar innere Vorgänge.

Bernard: Ja, die Musik ist unglaublich! Es ist zwar eine moderne Oper, aber die Musik ist nicht abgehoben, sondern sehr eingängig und berührend, sie hat Tango- und Jazz-Elemente, aber an einigen Stellen ist auch richtig Drama angesagt, da hört man Puccini oder Britten. Und dazu wird eine tolle Geschichte erzählt – spannend wie ein Krimi.

 

Und warum die Doppel-Duchess?

Bernard: Die Oper umfasst mit Zeitsprüngen und Rückblenden mehr als ein halbes Jahrhundert, von 1934 bis 1990. Durch die Dopplung können wir die alte und die junge Duchess mit ihren verschiedenen Facetten zeigen, ohne ständig Perücken wechseln oder Maske auftragen zu müssen. Und so verkörpert Elisabeth als alte Herzogin auch das Erinnern und ich als jüngere das Erleben.

 

Jetzt müssen wir aber doch mal zum Sex kommen. Denn der Werbeaufkleber, der auf diesem Werk pappt, verheißt die erste Blowjob-Arie der Operngeschichte.

Ebeling: Die ist auch in der Musik sehr genau beschrieben. (lacht)

 

Wie singt sich die, Frau Bernard?

Bernard: Die Frage ist, wie lernt man die auswendig. (lacht) Das sind in der Partitur 30 Seiten! Adès komponiert ganz genau Geräusche, nicht nur Klingel oder Auto, sondern eben auch diese Fellatio-Szene. Der will auf den Takt genau und mit peniblen Regieanweisungen ein „mm“, „ng-ugh“ oder „ugh agh“ haben, ein Gurgeln oder Husten. Das ist unheimlich schwer!

 

Und szenisch?

Bernard: Der Zuschauer darf natürlich keinen Porno erwarten! Der Oralsex wird auf der Bühne nicht illustriert.

 

Die Oper ist also nicht ab 18 freigegeben – wie etwa in Görlitz?

Bernard: Nein, überhaupt nicht! Meinen sechsjährigen Sohn würde ich allerdings nicht mitbringen. Ein paar derbe Szenen gibt es schon. Aber unser Abend zeigt vor allem, dass eine Frau nicht so viel darf wie ein Mann. Eine Frau ist in ihrer Sexualität längst nicht so frei.

Ebeling: Die Herzogin wird wegen ihrer sexuellen Aktivität diffamiert, während der Herzog ungeahndet seiner Geliebten hinterhersteigt. Diese Doppelmoral gibt es noch heute.

Bernard: Wenn eine Frau mit mehreren Männern ins Bett geht, ist sie eine Schlampe oder Hure . . .

Ebeling: . . . und ein Mann mit mehreren Geliebten ist ein toller Hecht!

 

Aus feministischer Sicht könnte man die Herzogin auch als emanzipierte, sexuell selbstbestimmte Frau sehen. Ein Vorbild?

Bernard: Nein, sie war keine glückliche Frau. Sie hatte eine unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und starb schließlich verarmt und vereinsamt.

Ebeling: In der Oper sagt sie sinngemäß: „Ich habe mir Liebe und Zuneigung immer nur gekauft.“ Das ist furchtbar! Dabei war sie so eine schöne und starke Frau – mit solchen Fähigkeiten: Temperament, Witz, Intelligenz. Und doch war ihr Leben so leer!

Bernard: Ein tragischer Fall. Und den zeigt diese Oper auf berührende Weise.

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