Die Lust an der strengen Kunst

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
David Garrett
David Garrett bekennt sich auf seinem neuen Album „Legacy” zu seinen Wurzeln als klassischer Musiker. Foto: dpa

Aachen. Hat David Garrett noch Träume? Eine melancholische Frage, zugegeben. Gerade ist sein Beethoven-Violinkonzert durch die Boxen gerauscht: nicht besonders aufregend, sehr souverän allerdings für einen Popstar und ziemlich brav - bis auf ein paar Mätzchen und einige eher ärgerliche Betonungen zu viel.

Garrett erfindet Beethoven nicht neu: Auch wenn auf der Platte rockig „Legacy” steht, Beethoven bleibt Beethoven. Was nachdenklich macht, ist jedoch die Tatsache, dass der Hochgeschwindigkeitsgeiger aus Aachen - immerhin hielt er etliche Monate den Weltrekord im Hummelflug - sich mit diesem Album einen Lebenstraum erfüllt hat. Sagt er. Mit 31.Was bleibt da noch?

Lange nicht so gehört

Man hat den jungen Mann mit dem samtweichen Independent-Image lange nicht so gehört. Endlich mal wieder ohne Mikrofon, ohne diese fette Soundmaschinerie für die großen Hallen, wo er sich mit wilder Mähne, in Unikat-Springerstiefeln und mit Haifischzahnkette um den Hals als Rock-Pop-Idol zwischen André Rieu und Nigel Kennedy von Tausenden Fans begeistert feiern lässt. Diesmal ist David Garrett unplugged, nur das Royal Philharmonic Orchestra aus London spielt dazu, ein unspektakulär wohlgebildeter Klangkörper, wie er auch Anne Sophie Mutter gut zu Gesicht stünde.

„Legacy” meint so etwas wie Vermächtnis, Erbschaft. Es gibt aber auch ein Heavy-Metal-Magazin mit demselben Namen, das die dunkle Seite der Musik für sich reklamiert; und einen Mittelklasse-Wagen in der Rubrik Crossover-Kombis. Irgendwo dazwischen findet auch der Geiger Garrett seinen Stil, der ihm mit seinen Rockpop-Alben, zuletzt „Rock Symphonies”, Spitzenplätze in den Charts bescherte, viel, viel Geld dazu und Preise zuhauf.

Aber Garrett kommt ja von der Klassik, und er weiß offenbar ganz gut, dass es im Leben wichtig sein kann, sich zu seinen Wurzeln zu bekennen. Die gründen bekanntlich in Aachen, wo er als Kind eines Auktionators und Juristen und einer Tänzerin den Weg eines Wunderkinds einschlug. Mit 14 exklusiv bei der Deutschen Grammophon, hatte David Bongartz den Mädchennamen seiner amerikanischen Mutter angenommen und war von Yehudi Menuhin zum größten Geiger seiner Generation geadelt worden, bevor er zur New Yorker Juilliard School ging, um letzte Weihen zu erlangen.

Doch dieser gerade Weg ins Klassik-Geschäft passte dem im Herzen Unangepassten nicht, er verlegte sich aufs Crossover und reüssierte augenblicklich zum Star. Inzwischen steht er in Wachs bei Madame Tussauds in Berlin und hat gerade einen Exklusiv- Vertrag bei der Deutschen Entertainment AG bis Ende 2016 unterschrieben - für 100 Konzerte im deutschsprachigen Raum. Nach deren Angaben der höchstdotierte Vertrag, der jemals mit einem Solisten der Klassik geschlossen wurde.

Jetzt also kommt der Star nach Hause. Zumindest auf CD. Denn das Beethoven-Konzert hat er bisher nur in Baden-Baden gespielt, für nächstes Jahr April steht lediglich eine Sinfoniekonzertserie in Basel im Kalender des schwer mit seiner neuen Crossover-Tour „Rock Anthem” Beschäftigten.

Das ist eigentlich schade, denn Garrett kultiviert einen schönen, satten, singenden Ton, der Beethoven gut steht. Und er hat das musikalische Gespür für Tempi, Übergänge, dynamische Finessen, die den Musiker vom virtuosen Klangautomaten unterscheiden. „Die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich im Herzen ein seriöser klassischer Musiker bin”, sagt er. Und man spürt in vielen Tönen seine Lust an der strengen Kunst. Das ist wohltuend.

Ähnliches gilt, unter etwas anderen Vorzeichen, für die andere Seite von „Legacy”, den Salonstücken und Bearbeitungen von Georg Kreisler, verbunden durch Kreislers Kadenzen fürs Beethoven-Konzert. Hier ist Garrett nicht weit weg von Rieu, aber eigenständig genug, nicht ins allzu Seichte abzuschmieren.

Und Garrett hat die Arrangements selbst geschrieben - eine Fähigkeit, die er in New York lernte. „Ich glaube, es ist wichtig, die Balance zwischen Crossover und klassischen Projekten zu wahren. Crossover ist für mich ein Mittel zum Zweck, klassische Musik zu vermarkten.” Das spricht der Geiger ins Mikrofon seiner Vermarktungs-Strategen und meint es wohl auch so. Man mag ihm zurufen: Träume_SSRq weiter?
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