„Die letzten Gigolos“: Mal komisch, mal tragisch, immer diskret

Von: Hermann-Josef Delonge
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Just a Gigolo: Der erfahrene „Gentleman Host“ Peter weiß, was Frauen wünschen. Foto: Neue Visionen Filmverleih
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„Kreuzfahrtschiffe sind wie Sehnsuchtsorte“: der in Aachen lebende Filmemacher Stephan Bergmann. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Dieser Film ist vor allem eins: diskret. Er würde sonst auch gar nicht funktionieren. Na klar, man könnte ihn sich auch anders vorstellen: schenkelklopfend, anzüglich, durchs sprichwörtliche Schlüsselloch gedreht.

Aber dann würde er erstens nicht in deutschen Programmkinos laufen und im „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF, sondern im Privatfernsehen. Und zweitens hätte ihn dann nicht Stephan Bergmann gedreht. Der ist ein überaus sensibler und ernsthafter Filmemacher. Deshalb ist „Die letzten Gigolos“ so sehenswert geworden.

„Die letzten Gigolos“, das sind grau melierte Herren mit perfekten Umgangsformen, die auf Kreuzfahrtschiffen alleinstehende, wohlhabende ältere Damen unterhalten. „Sie tanzen, flirten, konversieren – mehr aber auch nicht“, umschreibt Bergmann das Anforderungsprofil, das diese „Gentleman Hosts“, wie sie offiziell genannt werden, erfüllen müssen. Dafür werden sie von den Reedereien engagiert – wohl wissend, dass der genannte Typus Dame auf Kreuzfahrtschiffen nicht selten anzutreffen ist.

Bergmann hat zwei dieser Hosts auf der MS Deutschland, dem mittlerweile in der Insolvenz havarierten Traumschiff, begleitet: den erfahrenen Peter, den sie den „Sean Connery der Kreuzfahrtschiffe“ nennen, ein selbstbewusster, eloquenter Witwer, und Heinz, ein geschiedener Ex-Manager, der zum ersten Mal auf der MS Deutschland mitfährt und der offensichtliche Mängel in der Konversationstechnik durch vollen Einsatz auf dem Tanzboden mehr als kompensiert.

„Mich hat dieser Sehnsuchtsort Kreuzfahrtschiff schon immer interessiert; im Zuge meiner Recherchen bin ich dann auf die Hosts gestoßen“, beschreibt Stephan Bergmann die Genese seines Filmprojektes. Der 34-jährige Österreicher, der seit drei Jahren in Aachen lebt, gewann mit Made in Germany eine Produktionsfirma für seine Idee, die sich auf innovative Projekte spezialisiert hat, und mit Neue Visionen einen renommierten Kinofilm-Verleih. Drei Jahre lang war er mit dem Film beschäftigt, fast anderthalb Jahre dauerten allein die Vorbereitungen, bis die Kameras auf dem Schiff aufgebaut werden konnten: Recherchen, Förderanträge, Finanzierung, Verhandlungen mit der Reederei.

Die waren offensichtlich erfolgreich; Bergmann konnte sich mit seinem Team auf dem Schiff völlig frei und ohne Auflagen bewegen. Dass er und sein Team (Kameramann und -assistent, Ton, Produzentin, Bergmann selbst) die Tickets bezahlt haben, versteht sich von selbst – übrigens der größte Posten im Etat von 450.000 Euro, der vor allem mit öffentlichen Fördermitteln (auch vom ZDF, wo der Film irgendwann einmal zu sehen sein soll) gestemmt wurde.

Vertrauen ist alles

Man hat im Film zuweilen den Eindruck, als verschwinde die Kamera komplett, so offen und unverstellt erzählen die Herrschaften von ihren Leidenschaften, Sehnsüchten, Freuden, Nöten. Das ergibt komische, rührende, auch tragische Szenen, die einem Filmemacher nur gelingen, wenn er eine belastbare Vertrauensbasis schafft. Dabei hilft es, wenn man charmant, humorvoll, höflich, offen, neugierig ist. Bergmann ist genau dies.

Innovativ übrigens auch: Klischees umschifft der Film konsequent. 40 Stunden Material hat das Team von der 14-tägigen Passage von Lissabon nach Dakar mitgebracht, die auf eine Länge von knapp 90 Minuten zusammengeschnitten wurden. Der Film arbeitet mit Zeitlupen und ungewöhnlichen Perspektiven; der Ton ist eine Mischung aus Originalgeräuschen und sehr gezielt ausgewählten Musikstücken. Bergmann lässt nur seine Protagonisten sprechen; ihre Kommentare kommen aus dem Off. Die Kamera ist mal sehr beweglich (dann fängt sie die Tanzszenen elegant ein und bleibt nah dran an den Passagieren), mal statuarisch (dann ist sie ganz der dezente Beobachter). Bewusst hat der Regisseur das spektakuläre Cinemascope-Format gewählt, um einerseits die Weite des Meeres einfangen zu können, andererseits aber auch dem etwas verstaubten Show-Ambiente auf der MS Deutschland gerecht zu werden. Das Paket hat auch die Deutsche Film- und Medienbewertungsstelle überzeugt. Die verlieh das Prädikat „besonders wertvoll“.

Am Ende verschwindet die MS Deutschland am Horizont, Heinz tanzt Tango mit Barbara, die er auf dem Schiff kennengelernt hat, im Münchener Hofgarten, Peter sitzt in seinem Garten. „Man muss keine Angst haben vor dem Alter, wenn man neugierig bleibt und sein Leben selbst gestaltet“, sagt Stephan Bergmann. Das habe er von Peter, Heinz und den anderen Passagieren auf der MS Deutschland gelernt.

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