Die „Königin der Nacht” ist angekommen in ihrem eigenen Leben

Von: Marlon Gego
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Aachen. Eva Bernards Geschichte kann man auf zweierlei Weise erzählen, die eine ist so gut wie die andere, aber man muss sich entscheiden. Man kann ihre Geschichte als rührseliges Melodram mit vorübergehend gutem Ausgang anlegen, man kann sie aber auch als Sieg des Lebens über einige ernste Tiefs erzählen, als eine Art Gewinnerepos.

Eva Bernard selbst würde es wohl auf zweite Weise tun.

Eva Bernards Geschichte spielt auf verschiedenen Bühnen, auf denen einiger Theater und auf der des Lebens. Es kommt vor, dass beide Bühnen kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Am Sonntagabend beginnt die neue Spielzeit im Theater Aachen, es gibt Mozarts „Zauberflöte”, und die Sopranistin Eva Bernard, 33, singt die Königin der Nacht. Die „Zauberflöte” ist eine der meist gespielten Opern im deutschsprachigen Raum, eigentlich ist sie so etwas wie ein gesungenes Märchen. Der Zugang zu ihr ist leichter als zu vielen anderen Opern, sie ist relativ eingängig. Es geht um Liebe, es geht um eine Entführung, es geht um einige Konflikte und es geht um eine böse Königin, die Eva Bernard spielt. Und wenn man die Dinge genau betrachtet, spielt Bernard ein bisschen auch sich selbst, auch wenn sie vieles ist, aber keine böse Königin.

Sie sagt: „Ich glaube, mit dieser Rolle bin ich als Sängerin und Mensch in meinem Leben angekommen.”

„Denn meine Tochter fehlet mir”

Bernards Leben ist nicht verlaufen wie die Leben der meisten klassischen Musiker. Sie war keine Ausnahmeschülerin, sie hat nicht schon als Kind Gesangsunterricht erhalten. Sie hat zu Hause immer viel gesungen und getanzt, einfach so, sie hat mit 16 mal in einer Theateraufführung in der Schule gesungen. „Mensch Eva, du singst toll”, sagte jemand, da hat sie dann eine Musicalausbildung gemacht, in München, wo sie herkommt. Zur Oper kam sie erst mit Anfang 20. Dass sie es trotzdem zum Engagement in einem städtischen Theater gebracht hat, sagt einiges über sie selbst und vieles über ihre Musikalität. Über die Art von Musikalität, die man nicht an Konservatorien lernt, sondern die jemandem gegeben ist.

Mit 21 ist Eva Bernard Mutter geworden, ihre Tochter ist jetzt zwölf. Bernard war noch in der Ausbildung, es war nicht genau abzusehen, in welche Richtung ihr Leben laufen würde. Sie war Mutter und Studentin zur selben Zeit. Sie braucht nicht zu betonen, dass diese Zeit keine leichte gewesen ist, man weiß es auch so. Wenn sie das Verhältnis zu ihrer Tochter beschreiben soll, fehlen Eva Bernard zunächst die Worte, und das reicht, um zu verstehen, dass das gemeinsame Überwinden schwieriger Zeiten manchmal zu sehr tiefgehenden Bindungen führt, zumindest das.

Doch ihre Tochter lebt in München beim Vater, und Eva Bernard lebt in Aachen, um zu singen, und sie singt hier, um zu leben. Selbst Berufssänger können sich nur in wenigen Ausnahmefällen aussuchen, wo sie arbeiten, eigentlich müsste man dafür Anna Netrebko sein. Bernard ist aber nicht Netrebko, und auch deswegen, sagt Bernard, ist die Königin der Nacht in der „Zauberflöte” so etwas wie die Rolle ihres Lebens, ihres bisherigen.

Im ersten Akt singt die Königin der Nacht eine Arie, in der es heißt, relativ kurz nach Beginn:

„Zum Leiden bin ich auserkoren,/Denn meine Tochter fehlet mir;/Durch sie ging all mein Glück verloren,/Ein Bösewicht entfloh mit ihr.”

Eva Bernard sagt, dies sei ihre Geschichte, auch wenn ihre Tochter nicht von einem Bösewicht entführt worden ist. Sie ist trotzdem nicht bei ihr, sie ist in München.

Die Rolle in der „Zauberflöte” ist Bernards erste dramatische, sie ist neu in diesem Fach, sie kommt ja vom Musical, in dem es dramatische Rollen im engeren Sinne nicht gibt. Sie hat an der Oper zunächst leichtere Stoffe gesungen, Komödien, keine Dramen; es ist ein großer Unterschied, eine Komödie oder ein Drama zu singen. Bernard musste das lernen, und dieses Lernen brauchte Zeit.

Der Brief der Mutter

Es gibt viele Opernsänger, die in ihrer Kunst leben, die vielleicht auch durch ihre Kunst leben, und möglicherweise ist das für manche ein notwendiges Lebenskonzept. Eva Bernard gehört nicht zu diesen Sängern, sie hat ein Leben außerhalb der Oper. Sie mag auch leben, um darzustellen, um zu singen, das schon, aber sie lebt nicht nur in ihrer Kunst. Das ermöglicht ihr einen Blick von außen auf das Genre, eine Distanz, und sie glaubt, das helfe ihrem Spiel. Denn Eva Bernard sieht sich nicht als bloße Gesangskünstlerin, sie sieht sich auch als Spielerin, als Darstellerin, die eine Rolle verkörpern muss, um auch als Sängerin glaubwürdig sein zu können. Kunst um der Kunst Willen, das ist nicht so ihr Ding.

Ihre Eltern waren skeptisch wie alle Eltern, deren Kinder sich entscheiden, Künstler werden zu wollen. 2006 ist ihre Mutter gestorben, Krebs, Eva Bernard sang in Aachen gerade die Fairy Queen in Henry Purcells „Sommernachts- traum”. Vier Wochen vor ihrem Tod ist die Mutter noch mal nach Aachen gekommen, um ihre Tochter singen zu hören und spielen zu sehen. Bevor sie nach dem Besuch zurück nach München fuhr, hat sie ihrer Tochter einen Brief in die Tasche gesteckt.

Die Frau am Strand

In dem Brief schrieb die Mutter, der Weg, den ihre Tochter gegangen ist, sei der richtige gewesen. Sie habe das in Aachen gesehen und gehört. Und gespürt. Der Brief, sagt Eva Bernard, sei auch in anderer Hinsicht so etwas wie eine Absolution gewesen. Er war das Letzte, was sie von ihrer Mutter bekommen hat.

Noch am Todestag ist Bernard von München nach Aachen geflogen und hat abends wieder gesungen. An diesen Tag, sagt sie, denke sie jeden Tag und besonders jetzt: Die Trauer und die Einsamkeit der Tochter, auch darum geht es in der „Zauberflöte”.

Eva Bernard fährt manchmal an den Strand, sie steht dann da und schaut aufs Meer. Man sieht sie wie in einem Bild, man sieht, wie der Wind sich in ihren Haaren fängt, man sieht ihren Blick, der den Horizont fixiert. Eva Bernard steht dann dort und singt, es ist ihre Art, sich auszudrücken, ihr Wohlgefühl mitzuteilen, die Welt wissen zu lassen, wie es in ihr aussieht, auch wenn ihr niemand zuhört außer Wind und Wasser.

Es ist ein Bild, das viel über Eva Bernard sagt, über die Opernsängerin, die sie ist und die sie sein möchte.
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