Die hohe Kunst der Verführung

Von: Hermann-Josef Delonge
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Im Zeichen der Kunst: Forums-G
Im Zeichen der Kunst: Forums-Gründungsdirektor Wolfgang Becker, FAZ-Kritikerin Swantje Karich, Forums-Direktorin Brigitte Franzen, FH-Professorin Ilka Helmig, Sammler Wilhelm Schürmann und NAK-Direktorin Dorothea Jendricke (v.l.) gestern im Ludwig Forum. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Vielleicht ist es ja doch ganz einfach. Man erhebt kein Eintrittsgeld mehr, und schon strömen die Leute in die Museen. Eine schöne Vorstellung, immer wieder eine Überlegung wert - aber wären damit alle Probleme gelöst? Wohl kaum.

Es wäre absolut unfair, dieses Modell als einziges praktisches Ergebnis der Podiumsdiskussion am Sonntagsnachmittag im Aachener Ludwig Forum festzuhalten. Und es wäre ebenso unfair, die Relevanz des Themas mit der überschaubaren Menge an Zuhörern gleichzusetzen. „Food for Brain” (Futter fürs Gehirn) lautete zum Abschluss der Ausstellungen „Phyllida Barlow - Brink” und „Etna Carrara” der Titel der Debatte. Es ging um nichts weniger als den Versuch, die Position der Gegenwartskunst und der Museen in der heutigen Gesellschaft neu zu vermessen.

Ist das tatsächlich notwendig? Die Diskussion um die Werke von Barlow, die von Aachener Bürgern als „preisprämierter Müllhaufen” tituliert worden waren, hat die uralte Frage mal wieder befeuert, was denn nun Kunst sei und wie ein Museum sich zu positionieren habe. Die von Forums-Direktorin Brigitte Franzen moderierte Diskussion konnte naturgemäß keine fertigen Antworten liefern.

Bildungseinrichtung, Organisator spektakulärer Events, Hort elitärer Kunstbemühungen, Bürgertreff, Ort der Bewahrung - das alles können Museen sein. Wobei vor allem Wolfgang Becker, Gründungsdirektor des Ludwig Forums, dem ersten, klassischen Konzept anhing - und damit auf Skepsis stieß. Für FAZ-Kunstkritikerin Swantje Karich haben Museen ein Legitimationsproblem, wenn sie sich nur aufs Bewahren konzentrieren. Sie forderte, die gesellschaftliche Realität in die Häuser zu holen. Gegenwartskunst und Museen müssten erklären, was draußen passiert, ohne den Zeigefinger zu heben - als Schule des kritischen Sehens. Eine Philosophie, die für Kunstvereine selbstverständlich ist, wie Dorothea Jendricke, Leiterin des Neuen Aachener Kunstvereins (NAK), betonte. Kunst von und für Menschen, die vor allem digital unterwegs sind - und für die das klassische Musemskonzept keine große Rolle mehr spielt.

Muss man Kunst, zeitgenössiche zumal, bis ins Detail erklären? Der Fotograf und Sammler Wilhelm Schürmann ärgert sich über die Museumsgänger, die vor lauter Erläuterungen per Kopfhörer die Kunst nicht mehr sehen. Es plädierte für einen positiven Umgang mit dem Nichtverstehen. Offen sein, die eigenen Sehgewohnheiten durchbrechen, Fragen zulassen und stellen - so kann ein Museumsbesuch, so kann zeitgenössische Kunst zum Abenteuer werden. Wobei: Schürmann findet es besser, sich über Kunst aufzuregen als sie zu ignorieren: „Der Tod der Kunst ist die Gleichgültigkeit.”

Ilka Helmig, Professorin für Gestaltung an der Fachhochschule Aachen und selbst Künstlerin, empfahl den Museums- und Ausstellungsmachern eindringlich, Haltung zu beweisen. Man müsse auch mal den Kopf hinhalten für Kunst, die eben nicht konsensfähig ist. Die Besucher würden das auf Dauer goutieren. Dem Eventcharakter großer Ausstellungen kann sie nicht viel abgewinnen. „Wir müssen uns den Luxus leisten, nicht jedem Trend hinterherzuhecheln.” Gegenwartskunst müsse der Gesellschaft immer voraus sein, assistierte NAK-Direktorin Jendricke.

Aber holt man die Menschen so in die Museen? Man muss sie verführen, betonte Schürmann. Mit neuen Ausstellungskonzepten, mit attraktiven Angeboten. Für Karich ist ein effizientes Ausstellungs-Marketing („dezent und anspruchsvoll”) mindestens ebenso wichtig. Für jemand wie Forums-Direktorin Franzen ist das ein tägliches Geschäft, dem jedoch die Finanzen enge Grenzen setzen.

Woran auch die schöne Vision vom freien Eintritt nach britischem Muster scheitern dürfte. Denn natürlich ist der Legimationsdruck, der auf Museen und Ausstellungsmachern lastet, in letzter Konsequenz eine Frage der Finanzen und der öffentlichen Zuschüsse. Auch Susanne Titz, Direktorin des Museums Abteiberg Mönchengladbach und Ex-NAK-Leiterin, die die Diskussion im Publikum verfolgte, kennt das zu Genüge. Sie forderte Vertrauen: in das noch Unbekannte, das von Sammlern entdeckt, von Museen - auch gegen Widerstände - gepflegt und das später von allen anerkannt wird. Van Gogh und Richter lassen grüßen.
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