Die freie Liebe bleibt letztlich nur ein Traum

Von: Armin Kaumanns
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Lust auf Freiheit und Liebe: Sylvia Hamvasi als Louise (rechts) und Marta Márquez als Mutter. Foto: Hans Jörg Michel

Düsseldorf. Die Sache geht schlecht aus, wie so oft in der Oper, wenn sie einen Frauennamen trägt. Auch Gustave Charpentiers „Louise” springt, gepeinigt von Seelenqualen, aus dem Fenster, als ihr klar wird: Dieses Schicksal ist zu schwer für sie.

An der Rheinoper in Düsseldorf spitzt Regisseur Christof Loy die Geschichte auf diesen Augenblick zu, indem er knapp drei Stunden lang die Atmosphäre von Enge ins Unerträgliche verdichtet. Wie geradlinig, eindringlich, musikalisch er dabei zu Werke geht, das hat sensationelle Qualität. Vielleicht bedurfte es eines Mannes wie Loy, der seismographisch vor allem auf die Abgründe seiner Bühnenfiguren reagiert, dass die seit ihrem Sensationserfolg nach der Uraufführung 1900 ziemlich in der Versenkung verschwundene Oper „Louise” nun wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht ist.

Auch wenn bedeutungsschwanger Leitmotive wagnerscher Provenienz en masse durch die Partitur wuseln, Harmonik und die Art der Stimmbehandlung unerschüttert in der Spätromantik gründen: Loy entdeckt die Doppelbödigkeit dieser Partitur, diese letztlich erschütternde Fähigkeit der Musik, Verdrängtes, Unterdrücktes, Tabuisiertes zum Klingen zu bringen.

Diese Louise, wie sie noch vor Erklingen des ersten Tons mit ihrer Mutter den Wartesaal betritt, als den Barbara Pral im nüchternen Design der frühen 60er die Bühne gestaltet, sie besteht in grauem Flanellrock äußerlich aus Reglement. Nur ein freches, unkontrolliertes, beinahe zwanghaftes Wippen mit dem rechten Bein passt nicht recht zum streng gebundenen Haar und der weißen Bluse. Auch die Mutter wahrt die Form bürgerlichen Angepasstheit, ein dezenter schwarzer Riegel vor der Brust ziert das strenge Kleid (Kostüme: Ursula Renzenbrink).

Theatrale Nicht-Aktion

Aber die roten Pumps, sie weisen auf Gefilde, die sie der Tochter verwehrt. Dass jedoch diese schwachen Zeichen moralischer Doppelbödigkeit wirksam werden, liegt in Loys Umgang mit der Musik begründet. So lässt er die Kleinfamilie minutenlang einfach ins Publikum starren, aufgereiht auf Sitzschalen-Ensembles, die das einzige Mobiliar des cremeweißen Breitwand-Raumes sind, während im Graben die Hölle los ist.

Das, gerade diese theatrale Nicht-Aktion, setzt in den Köpfen der Zuschauer jene Rädchen in Gang, die zur Geschichte hinter der Fassade führen. Dass diese eine von Unterdrückung, ja Missbrauch ist, findet im Verlauf des Abends auch auf der Bühne sichtbaren Ausdruck - und da ist Loys Arbeit nicht mehr so stark. Dass aber die Regie so selbstverständlich der Musik vertraut, dass ihr eigentümliche Unsagbare in Bilder im Kopf verwandelt, das ist eine außerordentliche Leistung.

Als kleines Theaterwunder kommt hinzu, wie Loy die Hauptpersonen in Ambivalenz hält. Luise, das brave Mädchen aus der Provinz, dessen unbändige Lust auf Freiheit und Liebe vom Dichter Julien geweckt wird. Sylvia Hamvasi singt die Titelpartie nicht nur betörend schön, sie beherrscht auch den Spagat der Gefühle.

Sergej Khomov als Julien bleibt trotz tenoral in höchsten Höhen strahlendem Glitzer eine zwielichtige Figur. Geradezu gespenstisch um Beherrschung ringend brodelt der kostbare Mezzo der Marta Márquez in der Partie der Mutter, von außerordentlicher Kraft und sattem Wohlklang zeigt sich der Bass Sami Luttinen in der Rolle des zärtlich-selbstmitleidig-gewalttätigen Vaters.

Dass diese Geschichte, in deren Verlauf Luise nach Paris in die Freiheit zieht, später zum Vater zurückkehrt, selbst in der Schwebe bleibt zwischen Realität und Traum, angereichert mit Ironie und Sozialkritik, ist ein weiteres Kennzeichen von Qualität. Die Düsseldorfer Symphoniker unter Axel Kober suchten eine Weg zwischen klanglichem Protz und feiner Dezenz, hier hakte es gelegentlich. Das große Solistenensemble, Chor, Kinderchor und Statisterie zeigte sich den ausschweifenden Pariser Massenszenen mehr als gewachsen. Einhelliger Jubel.

Charpentiers „Louise” ist noch am 25. und 28. Februar sowie am 4. und 13. März in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, Heinrich-Heine-Allee, zu sehen.
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