Aachen - „Die Ereignisse“: Täter, Opfer und die quälende Frage, warum das passiert

„Die Ereignisse“: Täter, Opfer und die quälende Frage, warum das passiert

Von: Sabine Rother
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„Die Ereignisse“ von David Greig in den Kammerspielen des Theaters Aachen mit (von links) Hannes Schumacher, Marie Hacke und Elisabeth Ebeling in den Hauptrollen. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Was hat Regisseur Ludger Engels an diesem Stück gereizt? Vermutlich die ungewohnte Perspektive, die selten gewährte Freiheit, das übliche Schema der Beurteilung zu verlassen und das Publikum auf eine unbequeme Reise zu schicken. Sind Täter immer nur Menschen mit unglücklicher Kindheit? Was ist mit den Opfern?

Das Stück „Die Ereignisse“ des schottischen Autors David Greig (Jahrgang 1969), im August 2013 in Edinburgh uraufgeführt, das Engels für die Kammerspiele des Aachener Theaters inszeniert hat, erzählt von einem Amoklauf. Ein regionaler, national gemischter Laienchor steht – wie vom Autor gewünscht – mit den Akteuren auf der Bühne.

Spielort ist ein Gemeindezentrum, das Christin Vahl (Bühne/Kostüme) mit stapelbaren Stühlen, Fliesenboden und Wandschränken aus hellem Holz treffsicher gestaltet hat. Hier singen „Alte, Flüchtlinge, Immigranten, junge Mütter und Arbeitslose“ im Chorprojekt von Claire. Es erklingen Volkslieder, Choräle und ab und zu Liedgut aus den Herkunftsländern der Chormitglieder. Da gibt es eine junge Claire – schwungvoll und engagiert von Marie Hacke verkörpert. Parallel dazu erlebt man die ältere, gebrochene, wirre Claire – Elisabeth Ebeling spielt sie mit berührender Resignation, der gelebten Last des lebenslangen Nicht-Verstehens.

Was ist passiert? Ein junger Mann (Hannes Schumacher) taucht eines Tages bei einer Chorprobe im Gemeindesaal auf und eröffnet plötzlich das Feuer auf die Anwesenden. Er tötet alle außer der Projektgründerin Claire.

In seiner Inszenierung greift Ludger Engels mit großer Ruhe Gedanken auf, die man normalerweise bei solch einer Tat nicht zulassen würde. Der Täter wird in seiner Entwicklung hin zur irrsinnigen Mordtat begleitet – nicht entschuldigt. Was Engels mit seinem Ensemble auf die Bühne bringt, ist keine Klage über gestörte Täter, aber auch kein Loblied auf bemühte Helfer. Claire mit ihrem Chor wirkt bieder, die gut gemeinte Gemeinschaft hat keine Strahlkraft als Multikulti-Projekt. Man singt und hält sonst den Mund, tauscht sich nicht mal aus.

Der Fremde ist so ganz anders. Hannes Schumacher spielt diese Rolle mit großer Konzentration und Konsequenz. Wie wird aus der Idee vom „Berserker“ ein Amokläufer? Man kann es sehen. Nackt bis auf die Unterhose sprüht er sich allmählich die Kriegsbemalung auf. Ein Aborigine? Ein Indianer unserer Tage? Schwarz die erste Markierung am Hals – da spricht er als Pfarrer zu Claire. Später dann wird alles heftiger. Blutrote Farbe im Schritt, schwarze Linien an Beinen und Händen, Rot auch im Gesicht. Und dennoch fordert Engels den Perspektivwechsel: Wer spricht da? Der rechtsradikale Politiker? Claires Freundin? Ein Psychologe? Schumacher spielt sie alle, schafft den Wechsel souverän durch Mimik und Sprechweise. In diesen Momenten vergisst man das Bodypainting.

Marie Hacke und Elisabeth Ebeling arbeiten in einem spannenden Rhythmus. Aus Verzweiflung der jungen Claire wird die gequälte, gebeugte Claire.

Die Besessenheit, mit der Claire versucht, dem Grund für die Tat nahe zu kommen, schleudert sie in lebenslange Turbulenzen, die nicht enden und die ihre Persönlichkeit aushöhlen. Zunehmend lenkt Engels den Blick auf jene Claire, die unfriedliche Gedanken hegt, Rachegefühle hat, üble und völlig unerwartete Folterfantasien entwickelt und schließlich den Mord am Täter plant. Der junge „Berserker“ hat seinen Körper bemalt – Claire beschmiert sich mit Erde, umarmt einen Erdhaufen wie ein willkommenes Grab. Annäherung der Psychen? Und ist nicht der Chor mit seinem biederen Chorleiter (Benedikt Voellmy) eine Sache, die mit Völkerverständigung gar nicht so viel zu tun hat?

Engels meidet das Laute, bleibt sanft schockierend. Der Tod kommt nicht aus einer sichtbaren Waffe. Jeder Chorsänger hat einen Luftballon in der Hand – der Knall lässt zusammenzucken. Im Laufe des Stücks erhöht sich das Tempo, führt Engels die Verirrungen enger zueinander. Versöhnung ist eine Illusion. Claire geht ins Gefängnis, um Rache zu üben und das Warum loszuwerden. Nur der Moment, in dem sie den vorbereiteten Giftcocktail für den Täter dann doch an die Wand schleudert, gibt ihr einen kleinen moralischen Vorsprung.

Begeisterter Beifall für eine spannende Regiearbeit und eine hervorragende Ensembleleistung.

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