Die „Entführung aus dem Serail“ im Aachener Theater

Von: Jenny Schmetz
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Muss mit „blutendem Herzen“ seine Bühne ändern: Sebastian Hirn. Foto: Harald Krömer

Aachen. Mit seinen Arbeiten sorgt Sebastian Hirn schon mal für Verstörung. Zum Beispiel 2014, als er für seine Installation „Trojanisches Pferd“ Lkw-Unfälle in der Münchner City inszenierte. Oder kurz zuvor am Staatstheater Nürnberg, als er in Glucks Oper „Paride ed Elena“ Sänger mit Wassermassen und Zuschauer mit Scheinwerfern traktierte. Nun arbeitet der Münchner Regisseur und Bühnenbildner erstmals am Aachener Theater. Da hat er schon vor der Premiere mächtig Staub aufgewirbelt – im wörtlichen Sinne.

Der 40-Jährige bringt Mozarts „Entführung aus dem Serail“ auf die Bühne. Das 1782 uraufgeführte Singspiel um den Kulturkonflikt zwischen Abend- und Morgenland findet laut Libretto an einem orientalischen Palast statt. In Aachen war es zuletzt 2005 vor einer riesigen Ölpumpe zu sehen, andernorts wurde es auch schon in die Wüste oder ins Bordell verlegt.

Nun erblickt der Aachener Zuschauer weder Serail noch Vorstadt-Plattenbau noch IS-Terrorcamp, obwohl die Handlung – zwei europäische Frauen werden von einem orientalischen Herrscher und seinem sadistischen Aufseher gefangen gehalten – heute manchen Regisseur zur Aktualisierung verleitet: vom Geschlechterkampf am Bügelbrett bis zu Anspielungen auf Islamismus und Terrorismus.

Aber in Aachen wollen Sebastian Hirn und sein Dramaturg Christoph Lang nun gar keine bestimmte Welt abbilden. Schon Mozart habe mit der damaligen Mode-Gattung der „Türken-Oper“ keine authentische Welt präsentiert, sondern eine Sehnsuchtsvorstellung, geprägt von Exotismus und Rassismus.

Die Aachener Theatermacher wollen anknüpfen an die arabische Erzähltradition: „Der Teppich wird ausgerollt – und das Erzählen beginnt.“ Sogar mit rund 30 Orientteppichen wollte Hirn seine Bühne ausstaffieren, muslimische Kulturvereine und Privatpersonen hatten sie dem Theater geliehen, und darauf wurde auch geprobt.

Aber dann kam eben der Staub ins Spiel. Und zwar massiv – was erst im Scheinwerferlicht der Endproben auf der großen Bühne zu erkennen gewesen sei. „Die Belastung für die Sänger war unerträglich“, sagt Lang – inklusive Hustenanfällen und allergischen Reaktionen. Auch eine Reinigung habe kaum Besserung gebracht. Daher entschloss sich Hirn wenige Tage vor der Premiere, „alle Teppiche rauszuschmeißen“. „Da blutet mir das Herz“, sagt er. Nun muss also sehr kurzfristig eine Not-Lösung her – mit Hilfe einer Druckerei.

Nicht nur der Dreck von der Bühne soll weg, auch die ursprünglichen Dialogtexte hat Hirn „sehr entstaubt“ – und Fremdtexte integriert: von Montesquieu bis Heiner Müller. Zudem schlägt der Regisseur einen Bogen von der orientalischen Erzähltradition hin zum epischen Theater Brechts und Pis-cators. So bietet etwa eine Laufschrift über der Bühne mit Kommentaren eine zusätzliche Reibungsfläche.

Für Irritationen könnte auch sorgen, dass der aufgeklärte Muselmann Bassa Selim von einer Frau gespielt wird. Damit wolle man keine lesbische Beziehung zwischen Selim und seiner Gefangenen Konstanze zeigen, sagt Hirn.

Vielmehr habe es ihn interessiert, unabhängig von Macho-Gesten zu fragen: Was heißt es, Macht über einen anderen auszuüben? Und was heißt Aufklärung heute – auch angesichts der Bedrohung von Freiheitsrechten in Zeiten des Terrors? In der Vorlage entlässt der Herrscher seine Sklaven schließlich in die Freiheit. Bei Hirn ist das Ende weniger happy . . .

In Kritiken zu seinen Inszenierungen liest man schon mal was von „pubertär überdrehtem Aktionismus“ oder „radikal verstörenden“ Mitteln. Er scheint weder Darsteller noch Zuschauer zu schonen. „Ich bin ja nicht bestellt zum Schonen“, sagt Hirn. Aber das Aachener Publikum habe nichts Heftiges zu befürchten, meint er lächelnd.

Außerdem ist da ja noch die zu Herzen gehende Musik! Vor der leeren Bühne wird das Sinfonieorchester mit Generalmusikdirektor Kazem Abdullah am Pult durch Glitzerfolie und Lämpchen im Graben betont. Da tritt Hirn in den Hintergrund: „Die Musik haucht der Geschichte erst Leben ein.“

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