Die Eifel ist Gero Körners Kraftquelle

Die Eifel ist Gero Körners Kraftquelle

Von: Sabine Rother
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Der Pianist Gero Körner ist weltoffen, zugleich hat ihn die Heimat geprägt, die Ruhe und karge Weite des Hohen Venns, wo er Raum für neue Ideen und Kompositionen findet. Die Zurückgezogenheit in einer Umgebung, in der es gar nicht leicht ist, einen Klavierlehrer zu finden, war für ihn eine Chance. Und er wusste damals: Einen guten Lehrer muss man festhalten.

„Das war spannend”, sagt der heute 41-Jährige, der in der Nähe von Simmerath aufgewachsen ist und zurzeit mit seiner Frau in Köln wohnt. „Im Monschauer Land bin ich sozial verankert, das ist für mich Heimat, ich fühle mich mit der Landschaft und den Menschen verbunden“, betont er. „Ich wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, nicht zu üben.“ Klavierspielen war schließlich sein großes Ziel.

„Als junger Musiker war man in so einer Umgebung die meiste Zeit mit sich allein, da arbeitete man eben.“ Selbst als er längst Tourneen unternahm, durch die Welt reiste war das Nachhausekommen wichtig, die „Homebase“ wie er lächelnd gesteht, die „Klausur“ im Kontrast zur Unruhe der Städte, in denen er auftrat.

Titel, die man kennt

Gestern ist seine neue CD in den Handel gekommen: „Gero Körner Trio Plays Greatest Hits“ lautet der Titel, bescheiden und anspruchsvoll zugleich, wie er selbst. „Take On Me“ oder „We Are The Champions“ (Freddie Mercury), „The Boxer“ von Paul Simon oder Bob Dylans „Knockin‘ On Heavens Door“ – Titel, die man kennt, die jedoch durch Körner am Piano, John Goldsby am Bass und Hans Dekker am Schlagzeug wie neu erscheinen, frisch. Swing verschmilzt mit klassischem Jazz. Körners eigene Bearbeitungen von Pop-Hits der letzten 40 Jahre verbinden sich zu einem klaren, leichten Klangbild.

„Das musikalische Material ist gar nicht so wichtig, sondern das, was man daraus macht“, lautet Körners Position. Im vergangenen Jahr war gab es eine Produktion zu Duke Ellington. Der Komponist, Pianist und Big-Band-Leader ist sein großes Vorbild. „A Tribute to the Duke“ hieß es deshalb, und Körner agierte als Pianist des Ellington Trios zusammen mit Sängerin Barbara Barth, Bassist Caspar van Meel und, als Gast an der Trompete, Klaus Osterloh. „Das Trio gibt es auch noch“, versichert Körner.

Was ihn an Ellington begeistert? Er sei einer der größten Schöpfer von Jazzkompositionen gewesen, ganz anders als alle Standards aus der Popularmusik. Duke Ellington, ein Mann mit Charme und Lifestyle, habe eigene Stücke komponiert. „Unmengen Hits, die jeder kennt, er hat die Jazzmusik künstlerisch auf ein neues Niveau gehoben“, sagt Körner.

Urbane Enge und landschaftliche Weite erschaffen Gefühle, die er gern ausbalanciert, sich selbst dabei beobachtet. Körner ist kompromisslos, winkt lieber still ab, als sich zu verbiegen. Längst hat er dieses Gefühl mitgenommen in seinen Lehrauftrag für Klavier an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Dort vermittelt er Studenten, was für ihn Musik ist: integrative Arbeit, eine großartige Form von Kommunikation, die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen und Gleichgesinnte zu finden. „Musik ist eine sehr präzise Sprache.“ Deshalb mag er die kleinen Formationen, betont er. „Ich habe etwas gegen Ausgrenzung. Wenn Musik eine politische Botschaft hat, dann diese.“

Und das bedeutet Arbeit sowie die Offenheit, auf andere zuzugehen, Gemeinsames zu finden.

In Lammersdorf ging Körner zur Grundschule, absolvierte in Vossenack und Monschau das Gymnasium. Warum das Abitur in Monschau? „Da konnte ich Musik als Abiturfach wählen“, erklärt der Musiker. Klavierspiel ab fünf Jahre, eine Zeit lang auch Trompete – Hauptsache Musik, Musik im Verein, Tanzmusik in der Dorfdisco. „Meine Eltern sind mit mir manchmal bis nach Aachen gefahren, damit ich guten Unterricht erhielt“, erinnert er sich dankbar. Aus dieser Zeit stammt seine Erfahrung mit der Hammondorgel, denn nicht überall war ein Klavier vorhanden. „Das hat Spaß gemacht, ein bisschen Geld und ganz viel Erfahrung gebracht“, sagt er rückblickend.

Der soziale Umgang ist für Gero Körner ein wichtiges Lebenselement. In der Eifel, so erzählt er, gab es zu seiner Jugendzeit einige wenige Musikenthusiasten – und die fanden einander und sind zum Teil bis heute miteinander befreundet. Mit fünf musikalischen Mitschülern hat er schon damals musiziert – heute sind fast alle Profimusiker. Er ist überzeugt, dass die Eifel einen Anteil an den Entwicklungen hatte. „In der Eifel hat es geregnet, man hatte keinen Führerschein, kein Internet, aber wenn man ein Instrument hatte, vertiefte man sich, übte.“

Getragen werde man von der Basis, nicht von den Eliten, stellt er fest. Musik, Sport, alles, was man in Gemeinschaft tun kann, ist für ihn Lebenskultur, die es zu schützen gilt. „Es wird immer geschaut, was man in der Philharmonie spielt, was in der Bundesliga passiert“, sagt er. „In Wirklichkeit werden Musik und Sport doch von den Dorfvereinen getragen, von den Leuten, die das ehrenamtlich machen, die einfach mal bei einem Schülerkonzert in der Kneipe um die Ecke mitmachen.“

Vorschriften und wirtschaftlicher Druck schaden, so Körner: „Da kommt doch sofort das Ordnungsamt, meldet sich die Gema, das macht der Wirt dann ein einziges Mal, und dann nie wieder.“ TV-Sendungen wie „Voice of Germany“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ haben für Gero Körner eine fatale Wirkung auf junge Leute: „Die meisten Jugendlichen kennen Musik nur noch als Playback, und dazu singt jemand. Damit wird die Wahrnehmung von uns Musikern völlig verzerrt.“

Der Wert einer Platte

Musik als kostbares Gut. Körner kann sich noch bestens daran erinnern, als er in einem Londoner Plattenladen eine heiß begehrte Patte von Roland Kirk entdeckte – und sie nicht kaufen konnte, weil sie mit einem Preis von 65 Pfund zu teuer war. In Zeiten von Internet und Youtube sei die Verfügbarkeit von Musik längst kein Problem mehr – und das schadet. „Eine Schallplatte war eine Devotionalie, man nahm sich Zeit, das hatte etwas Spirituelles, ein Wert. Musik ist heute oft nur Funktionsmusik.“

Swing, Jazz, 50er-Jahre-Musik – das liebt der klassisch ausgebildete Pianist und Jazzmusiker mit Erfahrung in Rock und Pop. „Da bin ich nicht wählerisch“, versichert er. „Es gibt nur gut oder schlecht gemachte Musik.“ Bei der aktuellen CD steht Swingjazz im Vordergrund, eine Hommage an die Meister des Jazzklaviers. „Melodien, die man damals kannte, haben diese Musiker in den Swingsound umgesetzt.“ Noch immer werden Titel gespielt, die 50, 70 oder 100 Jahre alt sind – eine durchaus traditionelle Musik mit klassischem Repertoire.

Körners tieferes Verständnis gilt dieser Zeitlosigkeit und Kraft. „Sobald man in einem Film sieht, wie James Bond in die Lobby eines Hotels geht, will man doch Swing hören, das gehört dazu“, betont er. Musik transportiert für ihn Lebensgefühl. Dabei bleibt er flexibel, mag heute Swing, morgen Jazz oder Rock. Optimistisch sollte sie sein, nicht düster oder destruktiv, stattdessen unterhaltsam, wie Swingjazz, zugleich aber anspruchsvoll. Ideal für Pianisten.

Körner liebt das Klavier als Inspirationsquelle, liebt die Möglichkeiten, mit ihm Emotionalität auszudrücken. „Manchmal ist mir eine schräg aber total fröhlich spielende Schülerband lieber als ein perfektes Ensemble“, gesteht Körner. „Musik ist Emotionssache. Etwas mit Wirkung verdient Respekt.“ Bach, Beethoven oder Schostakowitsch? Was mag er ganz besonders? Körner zögert, mit jeder Lebensphase wechseln seine Vorlieben. Tiefgang muss da sein, aber zugleich Leichtigkeit. Mozart – für ihn ein Phänomen. Beethoven – einer, der viel mehr Heiterkeit in seinen Werke beweise, als man allgemein wisse.

Wie hat er sein neues Lebensjahrzehnt begonnen? Körner, der eher akustisch geprägt ist, entdeckt für sich die Malerei, ganz langsam. Die Bildhauer der Renaissance hat er schon immer verehrt. „Ein Klavier ist ja gleichfalls ein Klotz aus Holz und Metall, und man kann trotzdem die lieblichsten Melodien darauf spielen, Klang formen“, meint er nachdenklich. Das Schwarz und Weiß der Linolschnitte von James Ensor zieht ihn an, schwarz und weiß, wie die Tasten seines Klaviers. Was er fürchtet, ist die Macht der Leistungsgesellschaft. Und er wehrt sich dagegen. „Es geht häufig sogar in Musikschulen nur noch um Leistung und Bewertung, nicht mehr um Genuss“, kritisiert der Pianist. „Das lehne ich ab.“

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