Aachen - Die Detektivin mit der Infrarotkamera

Die Detektivin mit der Infrarotkamera

Von: Eckhard Hoog
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Die Doktorandin und ihre „Dok
Die Doktorandin und ihre „Doktormutter” untersuchen im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum die alten niederländischen Malereien mit einer hochmodernen Infrarotkamera: Claudine Chavannes-Mazel, Kunstprofessorin an der Universität Amsterdam, und Alice Taatgen, deren Forschungsprojekt drei Jahre in Anspruch nehmen wird. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Seit Jahrzehnten schlummern unschätzbar wertvolle Alte Meister unter dem Dach des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums: 60 niederländische Gemälde aus der Zeit der Renaissance.

Eines ist gewiss: „Diese Malerei hat allerhöchstes Niveau”, sagt Alice Taatgen. „Eine tolle Sammlung.” Allein: „Über die Bilder ist kaum etwas bekannt. Bei fast allen weiß bis heute kein Mensch, wer sie gemalt hat.”

Die 29-jährige, aus Groningen stammende Kunsthistorikerin, die 2010 und 2011 Kuratorin der großen Joos-van-Cleve-Ausstellung in Aachen war, ist - nachdem sie zwischenzeitlich als Projektkuratorin am Städtischen Museum von Alkmaar gearbeitet hat - jetzt wieder ans Suermondt-Ludwig-Museum zurückgekehrt. Dank einer anspruchsvollen Aufgabe, die sie hier drei Jahre lang beschäftigen wird: Sie arbeitet die Niederlande-Sammlung des Museums mit jenen 60 Werken, die schätzungsweise im Zeitraum von 1450 bis 1550 entstanden sind, wissenschaftlich auf. Und das heißt: In detektivischer Spürarbeit nicht nur die Urheber der Kunstwerke ausfindig zu machen, sondern auch möglichst viele Informationen über die Gemälde zusammenzutragen, damit am Ende ein Bestandskatalog die umfangreichen Forschungen krönen kann.

Möglich geworden ist das Projekt, das sich das Museum nun erstmals leisten kann, durch eine in ihrer Art seltene internationale Kooperation: Die Universität von Amsterdam beteiligt sich an den Forschungen, indem sie Personal, Know-how und technisches Equipment zur Verfügung stellt. Gerade treffen wir Alice Taatgen in der Restaurierungswerkstatt des Museums zusammen mit Prof. Dr. Claudine Chavannes-Mazel an. Sie ist Alice Taatgens „Doktormutter” - nebenbei erforscht die junge Wissenschaftlerin den kunsthistorischen Kontext für ihre Dissertation, die sie in vier Jahren vorlegen will. Thema ist die Frage nach der Bedeutung und Wichtigkeit eines „Originals” für das niederländische Kunstpublikum des 15. und 16. Jahrhunderts.

Aber bis dahin ist es noch weit. Jetzt geht es erst einmal darum, dem wohl qualitätsvollsten Tafelbild der Sammlung „unter die Farbe” zu schauen. Die Doktorandin und die Amsterdamer Professorin scannen ein großformatiges Gemälde mit einer hochmodernen Infrarotkamera. „Das ist die beste Technik, die im Moment dafür zur Verfügung steht”, erklärt Alice Taatgen. Bei dem Bild handelt es sich um eines der wenigen der 60 weitgehend „Unbekannten”, von dem man weiß, wer es geschaffen hat: der Amsterdamer Maler Jacob Cornelisz van Oostsanen (1470 bis 1533). Es zeigt eine typische Darstellung der „Versuchung Christi” mit allerlei Engeln, dem Teufel selbstverständlich und Christus gleich viermal in verschiedenen Szenen.

Mit Hilfe der Infrarotkamera ist bereits an den Tag gekommen, dass der Künstler die in Kreide skizzierte Unterzeichnung in seiner Malerei später in einigen Details verworfen und die Komposition geändert hat. All das soll über seine Arbeitsweise Aufschluss geben, vor allem etwa auch, um eine Datierung vornehmen zu können. Alice Taatgen ist bereits ziemlich sicher, dass das Werk um 1527, wenige Jahre vor dem Tod des Malers entstanden ist.

Jetzt gilt es noch herauszubekommen, wer der Auftraggeber war. „Vermutlich war es die wichtige Abtei von Egmond”, meint die junge „Kunstdetektivin”, die die Provenienz möglichst umfassend nachverfolgen will. Das Gemälde kam 1913 über die Adele-Cockerill-Stiftung aus dem Münchener Kunsthandel ins Suermondt-Museum.

Die meisten anderen der 60 niederländischen Gemälde sind weitaus schwierigere Fälle, hier muss gewissermaßen bei „Adam und Eva” angefangen werden, um über internationale Kontakte überhaupt eine Identifizierung zu bewerkstelligen. Die globale Vernetzung des Suermondt-Ludwig-Museums liefert dabei entscheidende Hilfen. „Das Aachener Museum ist eben nicht nur eine Ausstellungsmaschine”, betont Alice Taatgen. „Hier wird auch sehr viel geforscht. Nur: Das ist nicht so publikumswirksam.” Und sie nennt als Beispiele die Erstellung des Bestandskatalogs der Niederländischen Gemälde (1550 bis 1800), die Erforschung der Kriegsverluste, Publikationen über die historische Bestecksammlung oder die Skulpturensammlung.

Ihr eigenes Projekt wird ermöglicht von insgesamt zehn Sponsoren: Dazu gehört die Peter und Irene Ludwig Stiftung, die Rudolf-August Oetker-Stiftung, der Prins Bernhard Cultuurfonds, die Stadt Aachen sowie die niederländische Art, Books and Collections Stichting, eine Privatstiftung, die sich speziell um mittelalterliche Kunst kümmert und auch die teure Infrarotkamera zur Verfügung gestellt hat.

Museumsdirektor Peter van den Brink hatte all seine internationalen Kontakte erfolgreich ins Spiel gebracht. „Wir können sehr stolz sein auf diese internationale Zusammenarbeit”, erklärt seine junge „Schülerin” und strahlt voller Tatendrang.
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