Die Bühne schreit: Schaut her!

Von: Armin Kaumanns
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Immerhin, die Solisten überzeugen: Heiko Börner (links) als Roderick Usher und Michael Kupfer als William in der Mönchengladbacher Inszenierung von „Der Untergang des Hauses Usher”. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Eine Inszenierung, deren Bedeutung über die Grenzen der Region hinausweist, zeigt derzeit das Mönchengladbacher Museum Abteiberg mit Robert Morris „Steam”: Nebelschwaden wabern alle paar Minuten über der Freifläche vor dem berühmten Hollein-Bau und erzählen vielschichtig von der Entmaterialisierung der Kunst.

Ein paar Kilometer entfernt wabern ebenfalls unentwegt Nebel: Auf der Bühne des Theaters im Nordpark, gleich neben dem Borussenstadion, inszeniert Christian Tombeil „Der Untergang des Hauses Usher”, eine Oper von Philip Glass. Hier sollen die weißen Dämpfe das Grauen verstärken, das dem Libretto nach Edgar Allan Poe innewohnt. Es ist zum Gruseln.

Vom morbiden Charme der literarischen Vorlage entzückt, schrieb Glass, der als Protagonist der Minimal Music gilt, 1987 eine seiner typischen Partituren, in denen im Grunde nichts geschieht. Mini-Motive wabern umeinander, schichten, verdichten sich, ändern die instrumentale Farbe. Ab und zu hebt oder senkt sich so etwas wie ein Zentralton, dann sind wir schon im zweiten Akt.

Klangteppich des Immergleichen

Eine Kammerbesetzung der Niederrheinischen Sinfoniker und ihr Leiter, Kenneth Duryea, sind die eigentlichen Stars der knapp 90minütigen Aufführung. Zuzuhören und zu sehen, mit welcher Akribie und Konzentration dieser Klangteppich des Immergleichen entsteht, in den die besonderen Farben der Gitarre und des Synthesizers eingewoben sind, nötigt Hochachtung ab. Duryea erweist sich mal wieder als ungemein kompetenter Sachwalter zeitgenössischer Musik.

Von einer Bühnenhandlung kann nicht eigentlich die Rede sein. Bei Poe geht es um zwei Geschwister, beide geisteskrank und inzestuös zueinander gezogen, Roderick und Madeline, die letzten derer von Usher. Sie zu retten, eilt William, Rodericks Jugendfreund, ins schottische Moor und entdeckt, dass Madeline lebendig begraben, dann wieder auferstanden ist. Am Schluss sind alle tot. Das ist natürlich schrecklich und auch die Psychoanalyse hat ihren Spaß an sowas. Immerhin gelingt Glass ein musikalisches Gespinst, das nicht nur die Gesangspartien trägt, sondern durchaus ernsthaft dem Geschehen eine um sich kreisende, in ein Vexierspiel gebannte Atmosphäre verleiht.

Als Solisten überzeugen Bariton Michale Kupfer als William und der Tenor Heiko Börner als Roderick, mit gelegentlichen Intonationsproblemen kämpft Isabelle Razawis schön timbrierter Sopran - der Partie der Madeline fehlen die Worte: sie singt einzig auf A. In skurrilen Randfiguren sind Markus Heinrich (Arzt) und Christoph Erpenbeck (Diener) verlässlich.

Aber was Tombeils Regie, in Tateinheit mit Bühnenbildner Andreas Jander und Kostümbildnerin Gabriele Wasmuth, aus der fragilen Kammeroper macht, bricht ihr den Hals. Die Bühne schreit immerzu: Schaut her! Überall Treppen, die ins Nichts führen, Holzwände, die verschwinden, Vorhänge, die reißen. Blass flackert eine Glühbirne, hinten dräuen nachtblau oder schwefelgelb Friedhofskreuze. Die Garderobe wurde unter „Tanz der Vampire” fündig.

Am lautesten jedoch macht der Regisseur auf sich aufmerksam. Statt der Musik Raum zu geben, erschlägt er das Unsagbare mit Bildern. Dazu hat er zwei famose Tänzer des hauseigenen Ballettensembles eingespannt, Silvia Behnke und Antal Dobsa, die so etwas wie Schattenseiten der Geschwister sein sollen.

Dobsa erklimmt immerzu als eine Art Haus-Greif die Treppen, Behnke wirbelt, was das Zeug hält: Ja, es gibt auch sowas wie Sex, ja, sie hat auch mal ein blutrotes Kleid an. Und da ist dann auch noch die Nebelmaschine. Nimmermüde macht sie Dampf ums Zuviel, und ihr Lärm taucht sogar die Musik in Nebel.

„Der Untergang des Hauses Usher” von Philip Glass im Theater am Nordpark Mönchengladbach. Nächste Vorstellungen: 6., 11. Dezember, 5., 12., 14., 24. Januar.

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