Aachen - „Die anderen Amerikaner“: Reizüberflutung ist Programm

„Die anderen Amerikaner“: Reizüberflutung ist Programm

Von: Jenny Schmetz
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Farb- und Glitzerrausch an und vor schwarzen Wänden: Die Ausstellung „Die anderen Amerikaner“ im Ludwig Forum präsentiert unter anderem Vertreter der „Pattern and Decoration“-Bewegung. Viele Muster und Verzierungen also – sogar Christbaumkugeln und Lametta bei der Skulptur von Thomas Lanigan-Schmidt im Vordergrund. Foto: Andreas Herrmann
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Auch eine deutliche Abkehr vom Minimalismus: Kuratorin Esther Boehle zeigt eine wild wuchernde Wandinstallation von Judy Pfaff. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Klar, das kennen Sie. Die Supermarket Lady mit Kippe im Mund und Lockenwicklern im Haar, rotweiße Campbell-Suppendosen in Serie oder die Comic-Blondine mit Rasterpunkten und Sprechblase. Diese heute weltberühmten Werke der US-amerikanischen Pop-Art-Stars Duane Hanson, Andy Warhol und Roy Lichtenstein sind alle im Aachener Ludwig Forum zu sehen.

Schon in den späten 1960er Jahren reiste das Aachener Sammler-Ehepaar Peter und Irene Ludwig über den großen Teich, um gezielt Kunst zu kaufen. In New York wurde es fündig, etwa in der angesagten Galerie des Kunsthändlers Leo Castelli. „Ganz ohne Scheuklappen“ seien die Ludwigs unterwegs gewesen, sagt Brigitte Franzen, die Direktorin des Ludwig Forums, anerkennend.

Ganz offen ihrem Anspruch folgend, die Kunst ihrer Zeit in aller Vielfalt abzubilden. So wuchs die legendäre Ludwig-Sammlung, die insgesamt etwa 14.000 Werke – davon rund 3000 im Ludwig Forum – umfasst. Etwa ein Drittel sei von US-amerikanischen Künstlern, schätzt Franzen.

Ein reicher Schatz, der jetzt gehoben wird. Denn da finden sich eben nicht nur die Warhols oder Lichtensteins, sondern auch „die anderen Amerikaner“. Unter diesem Titel präsentiert das Haus an der Jülicher Straße nun „Neuentdeckungen der 1970er und 80er Jahre“ – jenseits der großen Namen und weltberühmten Werke. „Es war eine wahre Freude für uns, noch mal ganz tief in die Sammlung einzutauchen“, sagt Franzen. „Die meisten Arbeiten waren seit mindestens 20 Jahren nicht mehr zu sehen.“

Die Ausstellung erstreckt sich mit rund 50 Arbeiten in den Räumen hinter der Mulde, dazu kommen gut zwei Dutzend Videos im Untergeschoss (siehe Kasten) – insgesamt 44 US-Künstler sind vertreten. „Ein unglaublicher Facetten-Reichtum zeichnet diese Kunst aus“, sagt Esther Boehle (29), die mit den Amerikanern ihre erste Ausstellung im Ludwig Forum kuratiert hat. Reizüberflutung ist hier also quasi Programm. Ob klassische Malerei oder Zeichnung, Fotografie, Collage oder Skulptur, Text, Installation oder eben Film – alles ist möglich. Abstrakt oder figurativ, minimalistisch oder hyperrealistisch, schwarz-weiß oder – na, ja überwiegend dann doch: ziemlich bunt.

Denn die zwei Schwerpunkte, die sich in all dieser Vielfalt ausmachen lassen, sind so farbenprächtig wie vital – und entziehen sich eher klassischer kunsthistorischer Betrachtung. Da ist zum einen die Graffiti-Malerei, mit der junge Sprayer Anfang der 70er Jahre den New Yorker Untergrund erobern. Einige der Underdog-Künstler, die nachts illegal Wände oder U-Bahnen besprühen, schaffen in den 80ern den Sprung von der Straße ins Museum. Auch für diese damalige Subkultur interessierte sich das Unternehmerpaar Ludwig und kaufte etwa Leinwand-Sprühbilder von Crash, Daze oder Lady Pink.

Das „Herz der Ausstellung“, so Kuratorin Esther Boehle, pocht dann zwischen schwarzen Wänden – damit die Explosion von Farben und Formen richtig schön leuchtet. „Achtung, Kitschgefahr!“, mag da mancher angesichts der tapetenhaften Muster und üppigen Verzierungen auf Bildern und Mosaiken der „Pattern and Decoration“-Bewegung denken. „Man sollte auch den Subtext lesen!“, lenkt die Kuratorin aber den Blick weg von der Oberfläche, die eher kunsthandwerklich glänzt: Künstlerinnen wie Joyce Kozloff, die für ihr großes Bodenmosaik Kacheln selbst gebrannt und bemalt hat, würden sich nicht nur bewusst gegen die Strenge von Minimal Art oder Konzeptkunst wenden, sondern auch einen emanzipatorischen Ansatz verfolgen. Mit dem Zitieren nicht-westlicher Kulturen etwa oder im kritischen Spiel mit weiblichen Zuschreibungen.

Besonders wegen der feministischen Ansätze sei diese Bewegung in Europa bisher abgetan und kaum präsentiert worden, sagt Brigitte Franzen. Aber: „Wir haben den Mut, unorthodox zu sein.“

Neben solchen bisher weniger beachteten Positionen sind aber auch Werke berühmter Künstler zu sehen, die in für sie ungewöhnlichen Medien arbeiten. So ist etwa die Musikerin und Performerin Laurie Anderson mit einer Flechtarbeit aus Zeitungspapier vertreten und der Metallbildhauer Richard Serra als Videokünstler zu erleben.

Noch ein alter Bekannter ist Robert Rauschenberg. Seine Collage „Plate“ (Teller) hing bis vor kurzem noch im Arbeitszimmer der 2010 gestorbenen Irene Ludwig. Nun wird die Kombination aus Medienbildern und Stoffbahnen erstmals öffentlich zu sehen sein. Und so schließt sich mit etwas Biegen der amerikanische Kreis des Ausstellungsjahrs. Denn Rauschenberg war ein guter Freund von Nancy Graves. Und das Ludwig Forum widmet sich ab 13. Oktober dieser US-Künstlerin. Klar, die kennen Sie. Die Frau mit den Kamel-Skulpturen. Aber sie kann auch anders!

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