Aachen - Die Aachener Heiligtümer: „Echtheit höchstens eine Fußnote”

Die Aachener Heiligtümer: „Echtheit höchstens eine Fußnote”

Von: Elke Silberer, dpa
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Aachen. Georg Minkenberg redet nicht drum herum. „Das sind sehr unscheinbare Textilien, abgesehen vom Marienkleid. Wenn man sie auf der Straße gefunden hätte vor ein paar hundert Jahren, hätte man sie nicht aufbewahrt.” Der Leiter der Domschatzkammer kennt die vier großen Aachener Heiligtümer im Aachener Dom so gut wie nur wenige.

Diesen Freitag werden die Hammerschläge durch den Dom hallen, mit dem der Goldschmied das Schloss des Marienschreins zerschlägt. Die Reliquien werden entnommen. Das ist der Beginn der alle sieben Jahre stattfindenden Aachener Heiligtumsfahrt (1. bis 10. Juni). Das Wallfahrtsbüro rechnet mit 100.000 Pilgern.

Zutiefst ergriffen werden die Gläubigen beim Zeigen der Tücher sein. Der außerordentliche Wert der Tücher liegt in ihrer Bedeutung. Seit Jahrhunderten werden sie als Kleid Mariens, Windel und Lendentuch Jesu und Enthauptungstuch Johannes des Täufers verehrt. Nach der Wallfahrt werden sie für die nächsten sieben Jahre wieder im Marienschrein des Aachener Doms verschlossen, das Schloss mit Blei ausgegossen.

„Die Echtheit solcher Textilien lässt sich nicht beweisen. Das ist ja klar”, sagt Minkenberg. Wissenschaftler kamen bei Untersuchungen vor rund 20 Jahren zu dem Schluss, dass die Stoffe aus der Spätantike stammen, also aus der Zeit zwischen dem 1. bis 3. Jahrhundert. Mittlerweile gibt es eine genauere Datierungs-Methode, die das große mögliche Zeitfenster einschränken könnte.

Aber dazu müsste man ein Stück Tuch „opfern”. Die Aachener gehen diesen Schritt nicht, weil das Ergebnis nach ihrer Einschätzung nicht eindeutig genug wäre. „Wir hoffen, dass es irgendwann eine Methode gibt, die zerstörungsfrei ist”, sagt Minkenberg. „Diese Fragen interessieren die Menschen nicht. Das ist höchstens mal eine Fußnote”, sagt der Aachener Wallfahrtsleiter Hans-Günter Vienken. Die Heiligtümer seien Zeichen, dass Gott Mensch geworden sei.

Die Reliquien bezeichnet er als Verbindung für eine innere Beziehung zu Christus. Das gelte auch für junge Menschen. Tausende Kinder und Jugendliche haben sich für die Wallfahrt angemeldet. Das ist für Vienken nicht verwunderlich. Jenseits von Handy und Computer stellt er auch bei jungen Menschen eine „Ursehnsucht” nach Sinn, Beziehung und Liebe fest. „Bei diesen Werten sind Jugendliche hoch sensibel.”

Auch der Religionssoziologe Professor Michael N. Ebertz von der Katholischen Fachhochschule Freiburg betont die Bedeutung der Heiligtümer als Zeichen für die Gäubigen. „Die Menschen wissen genau, dass es Symbole sind, die auf etwas verweisen, was ihnen wichtig ist.” Die Tücher seien Zeichen für die Menschwerdung Gottes, für Gottes Solidarität mit den Menschen. Faszination und Ergriffenheit haben aus seiner Sicht auch etwas mit „Inszenierung” zu tun.

Seit Jahrhunderten werden die Heiligtümer nur alle sieben Jahre gezeigt und verschwinden dann wieder nicht sichtbar im kostbaren Marienschrein im Aachener Dom. „Die Inszenierung arbeitet mit einem elementaren Grundmechanismus, mit dem Spiel von Verhüllen und Enthüllen. Durch die Verhüllung bekommt ein Objekt einen ganz anderen Charakter.” Das Marienkleid ist ein Gewand, wie es Frauen über Jahrhunderte im Mittelmeerraum trugen. Und das Enthauptungstuch des Johannes des Täufers ist ein antikes Tafeltuch, das mehrfach gestopft wurde, bevor darin ein Mensch bestattet wurde.

Das sind die Fakten, die der Kunsthistoriker Minkenberg nennt. Bei aller sachlicher Betrachtung - auch er kann sich der Faszination der Heiligtümer nicht entziehen. „Man ist gespannt, sie wieder zu sehen. In dem Moment, wo sie ausgepackt werden, fühlt man sich in einer jahrhundertealten Tradition.”

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