„Dido and Aeneas”: Liebesleid in der Turnhalle

Von: Armin Kaumanns
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Nahkampf auf der Turnmatte: Purcells „Dido and Aeneas” im Theater Aachen, dargeboten von Studierenden der Musikhochschule. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Seit vielen Jahren ist es am Theater Aachen zur guten Gewohnheit geworden, gegen Ende der Spielzeit jungen, auf die professionelle Bühne strebenden Sänger-Darstellern der Musikhochschule die Gelegenheit zu gewähren, eine richtige Bühne in einer richtigen Inszenierung zu erproben.

Viel Sehens- und Hörenswertes ist dabei schon herausgekommen. Jetzt war die erste Oper Englands, Henry Purcells „Dido and Aeneas” an der Reihe - mit einer geglückten, hübschen Premiere.

Sie singen mehr als „nur” anständig, die Eleven an der Kölner Musikhochschule, die ja auch eine Dependance in Aachen unterhält. Das ist eine nicht selbstverständliche Erkenntnis, denn sängerische Ausbildung ist eine heikle Angelegenheit, die weitblickende, sensible Lehrer für die kostbaren Instrumente der jungen Talente erfordert. Instrumente, die wie keine anderen unmittelbar mit dem Körper - und der Seele ihrer Spieler verwachsen sind. Deshalb ist Singen immer auch Darstellen, Selbsterfahrung.

Bei „Dido and Aeneas” waren gerade die darstellerischen Leistungen tadellos. Selbst wenn die Inszenierung von Tibor Torell etwas von einem Sebsterfahrungs-Programm hatte, wie man es von Theater-Jugendclub-Vorstellungen kennt, so gingen doch sämtlich alle in ihren Rollen auf: Als Dido schlurfte Kanako Sakaue von Anfang an depressiv über die Bühne, schließlich spielt sie eine Witwe, die ein Treueschwur an ihren Verblichenen fesselt, wo doch in ihrer Brust gerade die Liebe zum jungen Helden Aeneas entflammt, der allerdings auch in Götter-Hand und zur baldigen Abreise bestimmt ist.

Maximilian Krummen als Aeneas muss nur schön sein, ein Mann und leidenschaftliche Gefühle haben. Das mit der Leidenschaft kann noch authentischer werden, ansonsten fühlt er sich recht wohl als Hahn im Korb zwischen all den jungen Mädchen, den Zofen, Hexen und was noch alles.

Herumzicken und umgarnen

Nun hat Torell den mythischen Stoff, bei dem nach der Liebesnacht der Titelfiguren eine Hexenschar übel Schicksal spielt (entzückend extrovertiert und keck bei Stimme: Foteni-Niki Grammenou und Anna Wagner als Zickenduo nebst Ober-Diabolin Ruth Volpert), in eine Turnhalle verlegt. Hier begegnen sich junge Leute zum Theaterspiel, was nicht ausschließt, dass sie ebenfalls herumzicken oder sich werbend umgarnen. Man spielt Basketball und fläzt sich auf Turnmatten und Sprunggeräten, bis der Regisseur aufkreuzt und zur „Arbeit” mahnt. Dass dazu das von Herbert Götz geleitete Studenten-Orchester Purcell-Ouvertüren spielt - ziemlich luftig, historisch informiert und klanglich delikat übrigens -, stört nicht weiter.

Allerdings gibt es im Verlauf des kurzweiligen Abends nicht wirklich viel Solo-Gesangskunst zu hören. Das gute Dutzende Akteure findet sich meist als Chor zusammen, der sehr ausgewogen, durchhörbar seine Kommentare zur Handlung abgibt. Ab und an treten einige Sängerinnen/Sänger mit kurzen, individualisierten Partien heraus. Aufhören lässt der Bassist Sejong Chang mit einem Stotter-Frost-Gesang als „Cold Genius”. Und natürlich Kanako Sakaue, die im berühmten finalen Klagegesang der Dido das ihr eigene, wunderbar samten-erdige Timbre zur Geltung bringt.

Bei so viel jugendlicher, nicht abgebrühter Emotion meldet sich im Publikum die berüchtigte Gänsehaut. Und das ist schließlich eine wesentlicher Grund, in die Oper zu gehen - beziehungsweise den Beruf des Sängers zu ergreifen. Denn auch Berühren ist eine Lust. Die Sänger und Sängerinnen der Musikhochschule sind auf einem guten Weg hin zu diesem schönen Ziel.

Purcells „Dido and Aeneas” ist noch am 11. Juni, 1. und 6. Juli, jeweils um 19. 30 Uhr, im Theater Aachen zu sehen.
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