„Deutschstunde“: Im grauen Raum bitterer Erinnerungen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
11963350.jpg
„Deutschstunde“ nach dem Buch von Siegfried Lenz spielen im Theater Aachen (v. re.) Rainer Krause, Simon Rußig, Karsten Meyer, Luana Bellinghausen und Hannes Schumacher. Foto: Carl Brunn

Aachen. Funktioniert das überhaupt? Den Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz auf die Bühne holen? Ein komplexes 600-Seiten-Werk, das vielfach im Schulunterricht analysiert wurde und zeigt, was ein totalitäres Regime aus Menschen machen kann? Genügen hierzu zweieinhalb Stunden? Bernadette Sonnenbichler kann es.

Für die Bühne des Aachener Theaters sie das Theaterstück „Deutschstunde“, das kurz nach dem Tod des Schriftstellers im November 2014 in Hamburg uraufgeführt wurde, in einer eigens von ihr erstellten Fassung in Szene gesetzt. Ein spannender, bewegender Abend, der erneut Lust auf den 1968 erschienen Roman weckt, aber zugleich eine eigene starke Wertigkeit erreicht, die Kernaussagen transportiert, die vom Nazi-Deutschland geprägten „Freuden der Pflicht“ mit ihren mörderischen Folgen aufarbeitet und bis in unserer Gegenwart wirken lässt. Der Zuschauer wird rasch hineingezogen in den muffigen Raum der Handlung, wo Angst und Schülerschweiß noch in der Luft zu liegen scheinen.

Norbert Bellen hat einen fensterlosen, alle Gedanken umschließenden Karzer geschaffen, in dem die Akteure während der gesamten Inszenierung bleiben. Eine überdimensionale Zelle mit halbrunder blaugrauer bekritzelter Wand, in dem der Junge Siggi Jepsen – Insasse einer Besserungsanstalt des 50er Jahre – zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ seine Strafarbeit schreibt. Mit Fortschreiten der Handlung füllen sich Raum und Wände mit Zetteln, wird zum Teil demontiert, denn auch Siggi demontiert Grundlegendes indem er die Geschichte seiner Jugend im Nazi-Deutschland aufschreibt. Die Handlung ist bekannt: Vater Jens Ole Jepsen, der im Schleswig-holsteinischen Dorf Rugbüll den Polizeiposten innehat, erhält 1943 von seinen nationalsozialistischen Vorgesetzten in Berlin den Auftrag, dem expressionistischen Maler Max Ludwig Nansen (Vorbild ist der Maler Emil Nolde) das Malverbot zu verkünden und die Vollstreckung zu überwachen. Nichts zählt mehr, was früher war, schon gar nicht die einstige Freundschaft der Männer.

Jepsens Pflichterfüllung wächst sich aus zu fanatischer Besessenheit. Sohn Siggi, gerade einmal zehn Jahre alt, gerät in einen schweren Gewissenskonflikt. Sein Gerechtigkeitssinn hält nicht aus, was der Vater fordert. Er stellt sich gegen ihn, rettet, sogar den fahnenflüchtigen Bruder und eine große Anzahl von Nansens Bildern. Nach dem Krieg beharrt Vater Jepsen wie im Wahn weiterhin auf Erfüllung seiner „Pflicht“ – die Vernichtung von Nansens Bildern. Keine Einsicht, keine Reue.

Den zahlreichen Facetten der Handlung nähert sich Bernadette Sonnenbichler respektvoll mit einem in letzter Zeit häufiger verwendeten theatralischen Kunstgriff: Fünf Schauspieler verkörpern gemeinsam die multiple Persönlichkeit des Siggi Jepsen in den unterschiedlichen Altersstufen und schlüpfen zudem in die jeweils im Text der Strafarbeit auftauchenden Personen vom Vater über die Mutter bis um Postboten. Einer der „Siggis“ setzt dabei stets das Schreiben am wackeligen Holztisch fort. Hannes Schumacher, Simon Rußig, Luana Bellinghausen, Karsten Meyer und Rainer Krause sind ein eingeschworenes und temperamentvolles Team.

Wenn Krause zur Pfeife greift, geht von ihm die wuchtige Inspiration des philosophierenden Malers Nansen aus. Wenn Karsten Meyer die Mütze aufsetzt, wird greifbar, wie eine Ideologie, gepaart mit ein bisschen Macht, einen Menschen verändern und verführen kann. Graue Anzüge, weiße Hemden, ein paar Ausstattungsstücke (Kostüme: Tanja Kramberger), und schon weiß der Zuschauer, mit wem er es zu tun hat. Malcolm Kemp sorgt für musikalisch-nordische Impressionen, ein in kleinen empfindsamen Momenten spürbares Lebensgefühl, das unter dem Schrecken der Ereignisse versandet.

Mit großer Konsequenz führt die Regisseurin Handlungsstränge und Menschen zusammen. Im Laufe des Abends steigern sich Tempo und Spannung. Gigantische Schatten taumeln gespenstisch über die Wände. Da darf es auch schon mal heftig und laut zugehen, wird gerungen, gezerrt und geschrien. Schlicht und eindrucksstark ist diese reduzierte Bildsprache. Eine hohe Leiter genügt, und man versteht, dass es um das Versteck der vom heranwachsenden Siggi schließlich zwanghaft gesammelten (und gestohlenen Bilder) geht. Ein Häufchen Torf erzählt von Tod und Vergehen, der Stock von Gewalt und einer Ideologie, die Narben hinterlassen hat. Viel Applaus für eine dramaturgisch gelungene, durchaus unterhaltende Umsetzung des Romans „Deutschstunde“, die auch den gegenwärtigen Deutschunterricht bereichern kann. Und die Freuden der Pflicht? Eine Frage, die Brisanz behält.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert