„Deutsch ist merkwürdig ausgesprochenes Holländisch”

Von: Bernd Büttgens
Letzte Aktualisierung:
Veen
Ein Abend mit Herman van Veen in Aachens Altem Kurhaus: Begegnung mit dem herrlich Unkonventionellen.

Aachen. Nach einem Abend mit Herman van Veen stellt man sich gerne die Frage, warum dieser wundersame Mann so faszinierend wirkt. Es ist eigentlich ganz einfach: Er weckt die wohl in jedem schlummernde Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, das unkonventionell und unabhängig gelebt werden darf.

Van Veen ist auf diesem Weg. „Das war nicht immer so, auch ich habe lange gemacht, was andere von mir erwartet haben”, sagte er vor Tagen in einem Interview mit dieser Zeitung zu seiner neuen CD „Im Augenblick”.

Dass bei ihm den Worten Taten folgen, unterstreicht dieser singende und tanzende Wortakrobat kurz vor seiner Deutschland-Tournee bei einem Abend im restlos ausverkauften Ballsaal des Alten Kurhauses in Aachen. Auf Einladung der Euriade ist der Träger der Martin-Buber-Plakette mit der Gitarristin und künstlerischen Wegbegleiterin Edith Leerkes gekommen.

Mehrfach hätte man das Haus ausverkaufen können, blieb aber in diesem Raum, weil es ein intimer Abend mit drei wertvollen Stunden werden sollte.

Der rote Faden des aktuellen Tourprogramms „Im Augenblick”, das ja bereits erste Stationen in Flandern und den Niederlanden durchlaufen hat, ist auch im ganz individuellen Zwei-Personen-Programm „Unter vier Augen” zu erkennen.

Gleich acht Songs von der neuen CD spielen Leerkes/van Veen an diesem Abend, sie fügen sich geschmeidig in die Show, die auf das bestens erprobte dramaturgische Konzept setzt: Van Veen serviert seinen Gästen ein Wohlfühl-Menü aus frischen Feinheiten und vertrauten Zutaten.

Da fehlt das Telefonat mit dem Enkel, der sich vor der Polizei versteckt, ebensowenig wie das Happy-Birthday-Lied nebst Johnny Walker. Nicht umsonst heißt die neue CD „Im Augenblick”. Sie ist eine Be- standsaufnahme aktueller Ansichten.

Der Niederländer wirkt entschlossener, sein Bekenntnis „Ich will es” spricht von einer größeren Kompromisslosigkeit. Der Mann ist unbequem, ist ein Querdenker, stellt nicht nur bei der wirren Diskussion um den Moscheeneubau in Köln oder bei Militäreinsätzen in Afghanistan die Frage nach dem Warum. Er schlägt so manche Brücke aus Kummer in die Vergangenheit, doch er erkennt auch die Schönheit eines lebenswerten Augenblicks.

Virtuos ist die musikalische Leistung von van Veen (Violine, Gesang, Klavier) und - unangefochten - Edith Leerkes an der Gitarre. Mit traumwandlerischer Sicherheit liefern sich die beiden luftig-leichte musikalische Duelle, um schließlich im feinsten Duett zu harmonieren. Das sorgt für Szenenapplaus und Bravo-Rufe.

Van Veen ist auf seinem Weg. 64 Jahre jung, der Clown, der auch unter die Gürtellinie greift, der immer noch Tischtennisbälle durch den Saal pfeffert, der sich augenzwinkernd selbst zitiert, mit Gebrechlichkeit und Alter ebenso fein spielt wie mit dem deutsch-niederländischen Verhältnis.

Wer dabei war, hat gelernt: „Deutsch ist merkwürdig ausgesprochenes Holländisch.” Ein Satz bleibt krächzend hängen: „Ik ga weg” - „ich gehe.” Der darauf folgende Applaus, die Ovationen sollten meinen: „Aber komm´ bald zurück!”
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