„Der Streit“ im Mörgens: Betont komödiantische Inszenierung

Von: Christina Merkelbach
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Völlig erschöpft und mächtig zerzaust: (von links) Luana Bellinghausen, Simon Rußig, Hannes Schumacher und Nele Swanton sind die Versuchskaninchen in einem Experiment zum Treueverhalten von Männern und Frauen. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Sind Frauen von Natur aus treuer als Männer? Oder verhält es sich genau umgekehrt? Im Foyer des Mörgens prosten sich die Frau (Elke Borkenstein) und der Mann (Karsten Meyer) über die Köpfe der Besucher hinweg mit einem Glas Sekt zu.

Während sie ihr Geschlecht verteidigt, tritt er für seines ein. Per Handzeichen dürfen die Zuschauer abstimmen, wie sie es sehen. Erste Lacher sind gesichert. Doch die Antwort bleiben sich Mann und Frau schuldig, der Beweis muss her. Ein Ortswechsel, ein Zeitsprung, symbolisiert durch zwei Rokoko-Perücken, und schon findet sich das Publikum auf dem Land in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder.

Das Theater Aachen zeigt das Stück „Der Streit“ des französischen Autors Pierre de Marivaux, das 1744 in Paris uraufgeführt wurde. Regisseur Roland Hüve, auch für das Bühnenbild verantwortlich, hat die Spielfläche mit einem grell-grünen Plastikrasen ausgelegt. Am Rand ist ein langer blauer Stoffstreifen so drapiert, dass er sich wie ein Bach durch das Gras zu schlängeln scheint.

Der moderne Mann aus dem Foyer ist nun Prinz, trägt Perücke zu Nadelstreifenanzug und Sonnenbrille, unter den weißen Locken lugen Strähnen des eigenen Haares hervor (Kostüme: Renate Schwietert). Aus der modernen Frau wird Hermiane, die Herzensdame des Prinzen – hochgetürmtes weißes Kunsthaar zu braunem Tweedkostüm und Wildlederstiefeln. Karsten Meyer und Elke Borkenstein harmonieren als dekadentes Adelspaar auf der Suche nach der Natur von Mann und Frau perfekt zusammen. Wenn Meyer raunzt und arrogant über den Rand seiner Sonnenbrille lugt, steht ihm Borkenstein mit blasiertem Säuseln und affektiertem Augenrollen in nichts nach.

Einen großen Teil der Aufführung wirken die beiden allerdings nur durch ihre Stimmen. Hinter einem schwarzen Vorhang befehlen und kommentieren sie per Mikrofon, beaufsichtigen das Experiment mit den Versuchskaninchen Églé (Luana Bellinghausen), Azor (Simon Rußig), Adine (Nele Swanton) und Mesrin (Hannes Schumacher). 18 Jahre hat man sie isoliert aufwachsen lassen. Nun stolpern sie mit hängenden Köpfen und Armen einer nach dem anderen auf den Rasen. Dazu ertönen die schrillen, metallenen Klänge des Songs „Headcleaner“ von den Einstürzenden Neubauten.

Unter dem gespannten Blick der Versuchsleiter, von denen jeder hofft, das eigene Geschlecht möge sich als tugendhafter erweisen, entfaltet sich das vorhersehbare Spiel um Begierde, Eitelkeit und Eifersucht. Luana Bellinghausen und Nele Swanton gehen in ihrem Konkurrenzwahn aufeinander los wie zwei wildgewordene Schimpansenweibchen. Sie reißen sich gegenseitig die Hochsteckfrisuren auseinander, beschimpfen sich lautstark und rollen schließlich ineinander verkeilt über den Rasen.

Primatenhaft führen sich auch ihre Liebhaber auf, wobei Simon Rußig mit Schmalztolle und Hannes Schumacher mit Rokoko-Zöpfchen für ihr erstes Aufeinanderprallen deutlich mehr Gelächter aus dem Publikum ernten als ihre weiblichen Pendants. Die Männer trommeln sich wie Tarzan mit den Fäusten gegen die Brust, stoßen Urlaute aus und überbieten sich mit überzeichneten Drohgebärden.

Roland Hüves rund anderthalb Stunden dauernde Inszenierung wirft in erster Linie einen komödiantischen Blick auf die zeitlose Frage nach der Natur von Mann und Frau in einer Liebesbeziehung. An einigen Stellen gerät das etwas possenhaft. Lediglich in der Schlussszene, die von der Vorlage abweicht, stimmt die Aufführung dann doch noch nachdenklich.

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