„Der Prozess“: Ein grotesker Alptraum bricht sich Bahn

Von: Eckhard Hoog
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Ein Bild, das viel über die Inszenierung sagt: Der Advokat (Karsten Meyer) wird in einer Badewanne auf Rollen hereingefahren. Die Bühnenadaption von Franz Kafkas Romanfragment „Der Prozess“ hatte am Samstagabend Premiere im Theater Aachen. Das beachtliche Spektakel zeigt einen grotesken Alptraum, und das – inklusive Pause – nahezu drei Stunden lang. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Als Romanfragment entstanden, auf der Bühne immer wieder gerne gespielt: Franz Kafkas „Der Prozess“. Das Theater Aachen bietet jetzt eine Version in der Inszenierung von Christian von Treskow im Großen Haus an. Die Premiere fand nach knapp drei Stunden, inklusive Pause, am Samstagabend ihr verdientes Ende.

Was man vom Stück erwarten kann: Erzählt wird die Geschichte des Bankprokuristen Josef K., dem der Prozess gemacht wird. Vergeblich versucht er herauszufinden, weshalb er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Schuld als Trauma der menschlichen Existenz – wie auch immer definiert, ob als Fremd- oder Selbstbewertung des Handelns –, die Bedrohung durch ein anonymes System, das sind hier die Themen.

Beginn der Aufführung: Hinter halbtransparentem Vorhang liegt jemand. Stille. Dann ohrenbetäubendes Kreischen – klangliche Mischung aus Kreissäge, startendem Düsenjet und Radiorauschen. Stille. Kreischen. Stille. Das Ganze neun Mal im Wechsel, zehn Minuten lang. Im Publikum ruft jemand: „Anfangen!“ Klar ist: Das wird ein verdammt harter Abend. Wurde es auch...

Raum in Schwarz

Das Bühnenbild: ein undefinierbarer Raum in Schwarz (Bühne und Kostüme: Dorien Thomsen, Sandra Linde). Hinten links stehen zwei Scheinwerfer herum – ein Studio? Oben rechts ein Fenster – wie zur Beobachtung einer Verhörzelle. Links eine überdimensionale Fahrstuhltür nebst Liftbedienungstasten. Eine Anspielung? „Ascenseur pour l’échafaud“ (Fahrstuhl zum Schafott, 1958, mit Jeanne Moreau und Maurice Ronet) vielleicht? Keine Ahnung.

Die Rollenverteilung: Sieben Schauspieler spielen gefühlte hundert Rollen. Nachgezählt sind es: 42. Auch nicht übel. Die Krönung des verw- irren- den Wechselspiels: Der Darsteller des Untersuchungsrichters, Aufsehers, Angeklagten, Fabrikanten, Fräulein Montag, eines Mädchens und von K.s Onkel (Marco Wohlwend) spricht in einer Szene nicht selbst live, sondern im Playback mit der Stimme der Darstellerin des Kaminers, Fräulein Bürstner, der Frau des Gerichtsdieners, des Angeklagten, der Leni und eines Herrn (Elke Borkenstein). Alles klar?

Die Figuren: Eine markante Prägnanz ist ihnen nicht abzusprechen. Hervorstechend in dieser Hinsicht: der Advokat (Karsten Meyer). Er wird ausschließlich in einer dampfenden Badewanne auf Rollen hereingefahren, sichtbar mit nacktem Oberkörper, dabei Wein schlürfend und gelegentlich Staub aus Folianten am Wannenrand herausklopfend. Keine Frage, dass eine solch engagierte Rechtsstreiterei zum Scheitern verurteilt sein muss. Den zweiten Rang in Sachen klarer Figurenzeichnung belegt der Maler Titorelli (Florian Denk) – ein spinnert herumwieselndes Männlein, das sich als Genie wähnt und einem überdimensionalen Laufstall entsteigt, hier offenbar in frühkindlicher Phase prekär geprägt.

In seiner Behausung domestiziert er mit Zischlauten ein Trio blonder Mädels, die weiße Rüschenröcke tragen – putzig gespielt vom Darsteller des Franz, Wächters, Studenten, Angeklagten, Direktor-Stellvertreters, Kaufmanns Block und Herrn (Markus Weickert), vom Darsteller des Willem, Wächters, Angeklagten, und Advokaten (Karsten Meyer) und vom Darsteller des Aufsehers, Untersuchungsrichters, Angeklagten, Fräulein Montag, Fabrikanten und von K.s Onkel (Marco Wohlwend). Klar auf Rang drei: Kaufmann Block, wie Josef K. jahrelang in einem fadenscheinigen Prozess drangsaliert, früh ergraut und vor lauter Erniedrigung nur mehr unterwürfig über den Boden kriechend. Die Figuren der Frau Grubach, des Angeklagten, Herrn im Schlafrock, des Prüglers, Kanzleidirektors, Geschäftsmannes, Geistlichen und Herrn (Elisabeth Ebeling) indessen verschwimmen gelegentlich.

Das akustische und szenische Spektakel: Das Kreischen vom Anfang findet eine Fortsetzung in wummernden akustischen Untermalungen, die sich in Szenen zu mordsmäßiger Lautstärke und dem Eindruck überfliegender Helikopter nebst Maschinengewehrsalven steigern. Die Akteure gehen dann in ein pantomimisches Spiel in Zeitlupentempo über und winden sich wie Erschossene im Todeskampf. Womöglich eine ahnungsvolle Einsicht der Regie, es dabei am besten zu belassen – allerdings überleben die Figuren und machen weiter wie bisher.

Sechs Alte am Rollator

Der Eindruck: Ein grotesker Alptraum bricht sich Bahn – Exzesse vertreiben dabei jede Subtilität. Eine weibliche Kampfmaschine im militanten Look – mit dem schönen, wenngleich hier unpassenden Namen „Leni“ – greift zum Baseballschläger, um eine Untertasse zu zerschlagen.

Das Ende: Sechs senile, wie Musicalfiguren wirkende Alte, gekleidet mit weißem Schal, schwarzem Zwirn und Zylinder wie zu Johannes Heesters‘ beste Zeiten, zittern am Rollator und Infusionstropf herein, fesseln einen milde lächelnden Josef K. mit schwarzem Klebeband und stechen ihn ab. Bums – der fällt um. Beifall. Und nicht einmal wenig.

Die Schauspieler: Den Josef K. spielt Benedikt Voellmy mit bemerkenswerter Gelassenheit, außer einer gewissen Blässe im Gesicht ist ihm nicht anzumerken, dass er sich auch nur annähernd bedroht fühlt, nicht einmal vor den finalen Stichen, die allerdings dann doch die Miene entgleisen lassen. Karsten Meyer überrascht in der Wanne mit komischen Zügen in Stimme, Tonfall und Gesicht. Markus Weickert hat seine besten Momente als grotesk winselnder Kaufmann Block, Marco Wohlwend beweist wie alle große Wandlungsfähigkeit, ebenso Elisabeth Ebeling, Elke Borkenstein mit piepsiger Stimme und Florian Denk.

Fazit: Der Vertrag von Christian von Treskow als Intendant in Wuppertal ist nicht verlängert worden. Schade eigentlich.

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